> > > Rihm, Wolfgang: Vier Studien zu einem Klarinettenquintett, "Vier Male" für Klarinette
Samstag, 15. August 2020

Rihm, Wolfgang - Vier Studien zu einem Klarinettenquintett, "Vier Male" für Klarinette

Unendliche Weiten


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jörg Widmann und das Minguet Quartett interpretieren die 'Vier Studien zu einem Klarinettenquintett' von Wolfgang Rihm mit herausragender Klangintensität und mitreißender Spannung.

Die Tradition des Klarinettenquintetts beginnt mit Wolfgang Amadeus Mozart und führt über Carl Maria von Weber, Johannes Brahms, Max Reger und Paul Hindemith in die Gegenwart, in der sich unter anderem Harrison Birtwistle und Isang Yun der Gattung annahmen. Wolfgang Rihm entdeckte die Klarinette - nach eigener Aussage – erst durch den 1973 in München geborenen Jörg Widmann, für den er neben anderen Werken die 'Vier Studien zu einem Klarinettenquintett' und die 'Vier Male' für Klarinette solo komponierte, die auf dieser, beim Label Ars Musici erschienenen CD zu hören sind. Und dieses Hören ist überaus lohnenswert, denn es ist mehr als ein bloßes distanziertes Zu-Hören, es ist eine mitreißende Entdeckungsreise in eine Art unendlichen Klangweiten.

Das Klarinettenquintett, das Rihm unter dem Aspekt eines ständigen „work in progress“ als Studien apostrophiert, ist in seinen Dimensionen ein ausgewachsenes Opus, das dem Hörer ein großes Maß an Konzentration abverlangt. Die Einspielung Jörg Widmanns und des Minguet Quartetts lässt jedoch ein Abschweifen der Gedanken gar nicht zu. Sie nimmt den Hörer regelrecht gefangen, zieht ihn mit sich, da die Spannung der Interpretation niemals nachlässt. Schon die ersten Takte des Eingangssatzes, in denen sich der warme, geschmeidig elegante Ton Widmanns mit den sensiblen Streicherklängen des Quartetts in einem pulsierenden Dialog verbindet, fesseln den Hörer. Die stetige Bewegung der Musik, die subtilen Steigerungen hin zu punktuellen Höhepunkten gestalten die fünf Musiker mit ausgesprochenem Feingefühl für dynamische und artikulatorische Nuancierungen und großer klanglicher Intensität. Die verschiedenen Charaktere der einzelnen Sätze werden klar voneinander abgesetzt.

Nach dem pulsierenden ersten Satz ist der zweite gekennzeichnet von hektischen Bewegungen, abreißenden musikalischen Linien und aufschreiartigen Einwürfen. Widmann überzeugt durch fabelhafte Virtuosität, bei der der Einzelton niemals seine klangliche Qualität einbüßt. Jede Phrase wirkt natürlich, keinerlei Anstrengung ist zu spüren, die Musik scheint dem Klarinettisten wie auf den Leib geschrieben zu sein. Das Minguet Quartett erweist sich als ebenbürtiger Partner, da es die verschiedenen Stimmungen von Rihms Musik differenziert umzusetzen weiß.

Höhepunkt des Quintetts ist der dritte Satz ('Andante con moto'), der in seiner flächigen, choralartigen Textur und einem erneuten Hinwenden zur melodischen Linie im Kontrast zum vorangegangenen Satz steht. Hier verschmelzen Streicher und Klarinette zu einem ungemein ausdrucksstarken Klangkörper, der in seiner Intensität soghafte Wirkung auf den Hörer ausübt. Der bewegtere Mittelteil wird von den Interpreten deutlich abgesetzt; Streichertremoli und Triller in der Klarinette strotzen vor Energie und Spielfreude.

Beeindruckend auch die Stimmung, die die Musiker zu Beginn des letzten Satz kreieren: Die Streicher spielen in vollkommener Monotonie – im positiven Sinne – ein sich wiederholendes Motiv, klanglich fahl und geheimnisvoll, in das sich einzelne gedämpfte Klarinettentöne schleichen. Ein spannungsgeladenes Wabern, das den Auftakt zu einer groß angelegten Steigerung bildet. Die Satzanweisung 'Calmo sostenuto' könnte nicht treffender interpretiert werden.

Noch stärker als die 'Vier Studien' fordern die 'Vier Male' den Hörer. Schon der erste lang ausgehaltene, sehr hohe Ton, der in einem großen Crescendo aus dem Nichts so laut wird, dass er die Schmerzgrenze erreicht, ist eine Belastungsprobe. Rihms Komposition lotet Extreme aus, stellt den tiefsten, sonoren Klängen der Klarinette die höchsten, schrillen gegenüber, spielt mit mikrotonalen Verschiebungen, Glissandi und starken dynamischen Kontrasten. Von einer durchgehenden melodischen Linie finden sich nur noch Fetzen, Andeutungen – eben: Male. Jörg Widmann ist zweifelsfrei den Anforderungen dieser Musik gewachsen. Konnte er im Quintett noch den Schönklang seines Instruments unter Beweis stellen, so zeigt er in den 'Vier Malen' Mut zur Hässlichkeit, uneingeschränkte Risikobereitschaft, den Willen, bis an die Grenzen der Ausführbarkeit vorzudringen und klangliche Extreme zu erkunden. Beeindruckend ist sein Pianissimo, das so leise ist, dass man den Ton nur zu erahnen scheint, aber auch die Kraft, die er in die lautesten Passagen investiert. Allem zugrunde liegt ein hörbares Sichhineinfühlen in die Musik Rihms, in die verschiedenen Stimmungen und Charaktere, die innerhalb der Male schlagartig wechseln können. Widmann erweist sich als hochflexibel, nichts wirkt versehentlich, zufällig oder unüberlegt, jeder Ton ist bedeutsam und wird mit entsprechender Rhetorik vorgetragen.

Alles in allem eine – nun in Wiederveröffentlichung durch Membran vorliegende – durchweg überzeugende Einspielung, die neben technischer Souveränität insbesondere durch herausragende klangliche Intensität und anhaltenden Spannungsreichtum besticht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Susanne Ziese Kritik von Susanne Ziese,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rihm, Wolfgang: Vier Studien zu einem Klarinettenquintett, "Vier Male" für Klarinette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS MUSICI
1
26.02.2010
70:15
2006
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222323958
232395


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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