> > > Ensemble Rhapsody spielt: Oboenquartette von Míca, Mozart, Krommer & Vanhal
Freitag, 7. Oktober 2022

Ensemble Rhapsody spielt - Oboenquartette von Míca, Mozart, Krommer & Vanhal

Ein Muss für Kaffeetrinker


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vier Oboenquartette aus der Zeit der Wiener Klassik von Mozart, Vanhal, Krommer und Mica mit dem Ensemble Rhapsody auf Originalinstrumenten. Interpretatorisch wie klangtechnisch hervorragend und zudem kreativ-avanciert verpackt.

Diese Platte bringt es fertig, das eigentlich Entscheidende, nämlich den musikalischen Inhalt, so weit in den Hintergrund zu drängen, dass ich hier ausnahmsweise mit dem schnöden Äußeren anfange – was hier aber ganz und gar nicht schnöde ist. Aber allzu bald stellt sich die erste Frage: Wie heißt das Kind denn nun? Auf dem Rücken steht ‚Kiss me Amadeus’ – auf der Scheibe selbst sowie auf dem Cover hingegen der sicher langweiligere, dafür aber aussagekräftigere Titel ‚Wiener Oboenquartette’. Ob beide Titel parallel zu sehen sind oder hier noch kurzfristig eine (unvollständig durchgeführte) Umbenennung stattgefunden hat, wird leider nicht klar. Wien: Da denkt man neben der Musik auch an den Kaffee. Nahe liegend also, das Cover thematisch entsprechend zu gestalten – hier mit einem Haufen Kaffeebohnen. Eigentlich erwähnenswert ist aber, wie das Konzept in überzeugender Weise das gesamte Design bestimmt: So ist auf jeder Seite des schick gestalteten Booklets links unten über der Seitenzahl eine Anordnung von vier Kaffeebohnen zu sehen. Und noch mehr: Im Hohlraum der Jewelbox befinden sich eben diese vier gezeichneten Kaffeebohnen des Booklets ‚realiter’ – da hatte doch tatsächlich jemand die geniale Idee, hier echte Kaffeebohnen (oder zumindest täuschend echte Nachbildungen) zu platzieren. Natürlich ist solch ein Einfall ohne Belang in der künstlerischen Bewertung, aber – so sehr man das auch leugnen mag – das Auge kauft ja doch immer mit. Ich gebe gern zu, dass diese Platte nicht zuletzt wegen der Kaffeebohnen auf dem Cover im Rezensenten-Warenkorb gelandet ist, bin ich doch leidenschaftlicher Kaffeetrinker.

Zum Thema: die Musik

Aber lassen wir das beiseite. Das Ensemble Rhapsody, bestehend aus Michael Niesemann (Oboe), Pauline Nobes (Violine), Rachel Isserlis (eigentlich auch Violine, hier aber an der Viola) und Nicholas Selo (Violoncello), hat für die vorliegende Produktion vier Oboenquartette von Komponisten eingespielt, die man der Wiener Klassik zurechnen kann. Da darf natürlich Wolfgang Amadeus Mozart nicht fehlen, dessen einziges Oboenquartett KV 370 (368b) nach wie vor zu den Highlights der gesamten Gattung, die in der damaligen Zeit alles andere als eine Randerscheinung war, gehört. Dazu gesellen sich drei mehr oder weniger bekannte böhmische Komponisten mit jeweils einem Werk: Franz Krommer (Quartett Nr. 2 F-Dur), Johann Baptist Vanhal (Quartett C-Dur aus op.7) und Frantisek Adam Mica (Quartett C-Dur). Mica, der mit Mozart befreundet war, soll diesen in der Öffentlichkeit geküsst haben – was der Platte dann ihren Titel gab. Leider gibt es keine genaueren Angaben zu den Werken als die hier wiedergegebenen. Auch anderes fällt bei der Durchsicht der Texte auf. So ist es ‚doppelt gemoppelt’, Krommer – wie im Tracklisting zu lesen – als ‚Frantisek Vincenc Kramar Krommer’ zu bezeichnen. Das ‚Krommer’, die eingedeutschte Version des Nachnamens, ist hier einfach zu viel. Und Mozarts 'Sinfonia concertante' KV 297b ist nach meinen Informationen schon vor längerer Zeit aufgefunden worden und nicht, wie hier zu lesen, ‚bedauerlicherweise verschollen’.

Ungetrübte Freude beim Hören

Während diese Unstimmigkeiten die Freude beim Lesen und Betrachten der gelungenen optischen Gestaltung trüben, kann man sich an der auf hybrider SACD ausgelieferten Musik ungestört erfreuen. Die 2009 entstandenen und vom Label Ars Produktion vertriebenen Aufnahmen überzeugend sowohl technisch mit ihrem natürlichem und gut ausbalancierten Klangbild als auch interpretatorisch. Das auf historischen Instrumenten bzw. deren Kopien musizierende Ensemble bietet die vier Quartette mit viel Spielfreude, stimmungsvoller Wiener Eleganz, einer gehörigen Prise Humor (etwa in den Werken Krommers und Vanhals) und, soweit gefordert, auch der nötigen geistig-emotionalen Tiefe; die eher auf Spielfreude abzielenden Werke verlangen diese zwar zugegebenermaßen eher selten, aber umso überzeugender ist es, wenn sich die Musiker in Mozarts Adagio bestens darauf einlassen, anstatt den Satz im Stile der anderen darzubieten. Herrlich ist es übrigens, wie weich und wenig quäkend die Oboe (Nachbau nach Hammig) klingt und wie gut sie mit den Streichern zu verschmelzen vermag. Dass die Instrumente damals so gut wie keine Klappen hatten, kommt dem Klangbild durchaus zugute, fehlt doch das sonst charakteristische Klappern der Mechanik fast völlig.

Einsatzmöglichkeiten

Schade, dass die beschriebenen Unstimmigkeiten niemandem aufgefallen sind oder nicht mehr zu ändern waren. Ansonsten haben wir es hier mit einer wirklich schönen Produktion zu tun, die Oboisten und Oboenfreunden viel Freude bereiten sollte. Auch als Geschenk für klassikhörende Kaffeetrinker wird diese Platte ihren Effekt nicht verfehlen. Zudem kann man sie ruhig denjenigen unter die Nase halten kann, die bereits vor Jahren das nahe Ende der ‚Schallplatte’ prophezeit haben. Das kann eben ein Internet-Download nicht bieten...

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ensemble Rhapsody spielt: Oboenquartette von Míca, Mozart, Krommer & Vanhal

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
01.03.2010
Medium:
EAN:

SACD
4260052380703


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Krommer, Franz
 - Quartett Nr. 2 F-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Allegro
 - Quartett Nr. 2 F-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Menuetto. Trio
 - Quartett Nr. 2 F-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Rondo
Míca, Frantisek Adam
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Allegro
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Andante
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Allegretto
Mozart, Wolfgang Amadeus
 - Quartett F-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Allegro
 - Quartett F-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Adagio
 - Quartett F-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Rondeau Allegro
Vanhal, Johann Baptist
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Allegro
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Andante
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Menuetto I - Menuetto II
 - Quartett C-Dur für Oboe, Violine, Viola und Violoncello - Presto


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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