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Donnerstag, 20. Juni 2019

Dorati, Antal - Divertimento für Oboe & Orchester

Konzertante Begegnungen mit der Oboe


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Koreanerin Yeon-Hee Kwak lässt alles mühelos und erscheinen, was die Oboe so schwierig macht. Sie zeigt bei Bohuslav Martinú und Holligers 'Sonata für Oboe solo' einen kernigen, in den Kantilenen gut schattierten Ton.

Dass sich Bohuslav Martinu nicht nur auf rhythmisch vibrierende sinfonische Werke, sondern auch auf subtil gebaute, spielfreudige Kammermusiken verstand und den Solisten so manche Überraschungen bescherte, macht das Konzert für Oboe und kleines Orchester zu einer reizvollen Hörerfahrung. Kritische Geister bezichtigen Martinu oft als Vielschreiber, dem angeblich wenig Spezifisches aus der Feder geflossen sei. Immerhin bietet das Oboenkonzert gute Gelegenheit, derlei Vorurteile zu korrigieren. So zieht die südkoreanische Oboistin Yeon-Hee Kwak, Echopreisträgerin 2001 und 2007 (zuletzt ausgezeichnet als Beste Instrumentalistin des Jahres), alle Register, um dieser dreisätzigen quirligen Schöpfung einige Glanzlichter aufzusetzen.

Das gelingt vortrefflich mit einer dramatisch geführten Klangrede im rezitativischen zweiten Satz 'Poco andante'. Nur eine Meisterin ihres Instrumentes kann sich erlauben, die ‚erleichterte‘ Kadenz durch die im Autograf stehende haarsträubend schwere Original-Kadenz zu ersetzen. Geblasen wurde diese Mischung aus Tänzerischem, Witzig-Fröhlichem und Kontemplativem mit klanglichem Raffinement, einer superben metrischen Sicherheit und makellosem Figurenwerk, dass es einem den Atem nimmt. Respekt, wie Yeon-Hee Kwak den Spagat zwischen extrem tiefen und hohen Tönen in allen drei Sätzen meistert. Optimal nutzt sie alle spieltechnischen Möglichkeiten und die vielen klanglichen Nuancen. Derlei Eigenschaften verdienen sensibles Mitgehen der Partner. Beim Münchner Rundfunkorchester, dem die Solistin ja acht Jahre lang angehörte, bleiben da kaum Wünsche offen. Nur der Beginn hätte eine im Klang geschärfte, rhythmisch prägnantere Ausformung vertragen. Ansonsten kommentiert das Orchester des Bayerischen Rundfunks unter dem Routinier Johannes Goritzki das virtuose Geschehen schwungvoll und klanglich wohltemperiert.

Unter Umständen kann man den Schweizer Heinz Holliger gleich in dreifacher Funktion erleben: Nach wie vor als fabelhaften Oboisten, als innovativ oft mit geräuschhafter Klangerzeugung provozierenden Komponisten und als Dirigent, der nie versäumt, seine Programme mit avantgardistischen Pfeffer zu würzen. In der 1956/57 für ‚ihn selbst‘ geschriebenen 'Sonate für Oboe solo' entfernt er sich noch ein gutes Stück von dem später anvisierten Extrempunkt seines kompositorischen Schaffens, wie er ihn etwa in 'Cardiophonie' anvisiert, wo der Solist das Konzept einer klanglichen Verkörperung radikal auslotet bis er so weit in die Enge getrieben wird, bis er am Ende der ganzen Länge nach zu Boden stürzt und im Spurt die Bühne verlässt. Nein, szenische Karambolagen ereignen sich in der Sonate für Oboe solo nicht. Das mehr oder weniger in einer konventionellen Sprache verfasste kontrastreiche angelegte, im Duktus humorig bewegt, lyrisch-expressiv und exotisch timbrierte Stück bietet dem Solisten reichlich Gelegenheit, mit schönen Atembögen, die dynamisch weit gefächert aufblühen und sich in der Aria ('Andantino') in Melancholie verlieren, instrumentengerecht schmiegsame Lineaturen und kapriziöse Figurationen vorzuführen. Yeon-Hee Kwak gebietet über einen reich schattierten Ton und über nahezu unbegrenzten Atem in der Kantilene wie im nervösen Staccato.

Wer kennt ihn nicht, Antal Dórati, den einst im Ruf eines exzellenten Orchestererziehers stehenden Dirigenten. In seiner sechzig Jahre umspannenden Laufbahn bannte er auf Tonträger so manche interpretatorische Edelsteine – alle Sinfonien von Joseph Haydn, Werke von Igor Strawinsky und der Zweiten Wiener Schule, Messiaen, Hindemith, nicht zuletzt US Komponisten wie Piston, Schuman, Sessions. Für letztere besorgte er sogar die Erstaufführungen. So umfangreich er auch immer seinen dirigentischen Aktivitäten pflegte – als komponierender Musiker, der rund vierzig Werke aus der Komponierwerkstatt entließ, stand er doch ein wenig im Abseits. Während seiner Zeit als künstlerischen Leiter des National Symphonic Orchestra Washington entstand das Divertimento für Oboe und Orchester in einer ungewöhnlichen Besetzung mit Holzbläsern, doppeltem Streichorchester und einer farbig ausstaffierten Perkussionsgruppe. Die Oboe bedachte Dorati mit schönen Soli, weil dieses Instrument seiner Meinung über das am wenigsten ausgeprägte Konzertrepertoire verfüge. Amüsant, unterhaltend, so sollte sein Divertimento sein. Und er wollte realisieren, was seinen Vorstellungen am besten nahekäme: erkennbar zeitgenössisch zu komponieren und keine Angst zu zeigen vor der Melodie. Und so lassen sich in Doratis Divertimento so manche traditionelle Formen ausmachen wie Toccata, Ritornelle, die Villanella, die Bergamasca, auch jazzige Anklänge. Und Joseph Haydn? Von dem lässt Dorati mit Soli der Oboe und Holzbläser-Begleitung Grüße bestellen. Diese spielfreudigen ‚neuen‘, gar nicht stachlig gewandeten Klänge erlauben sich als Rausschmeißer eine fetzige Giga – ein quicklebendiges Finale, das Soloinstrument und wendige Orchesterleute des BR mit Akribie aufs Parkett hinlegen. Die Koproduktion mit dem Sender BR Klassik bedient sich des Formats ‚Hybrid Multichannel‘ – für einen aufgefächerten Klang aufnahmetechnisch eine kluge Entscheidung. Das informative Booklet ist in zwei Sprachen abgedruckt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Prof. Egon Bezold,


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    Dorati, Antal: Divertimento für Oboe & Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
19.02.2010
Medium:
EAN:

SACD
760623158662


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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