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Donnerstag, 2. Dezember 2021

Les Buffardins spielen - Flötensonaten von Sammartini & Händel

Etwas Zahnlos


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Les Buffardins interpretiert Flötensonaten von Sammartini und Händel – aber die Ohren, und das, was zwischen ihnen liegt, entzünden sich nicht daran.

‚Voller Wissenschaft, Originalität und Feuer‘, so beschrieb der englische Musikhistoriker und Komponist Charles Burney die Werke Giuseppe Sammartinis. Das musste nicht nur eine fröhliche Wissenschaft, sondern auch eine fröhliche Kunst sein, in denen solche Reihungen, vielleicht gar als Steigerung, denk- und machbar sind. Mit fortschreitender Zeit und, es sei beklagt, funktionaler Differenzierung, ist das, was wir Wissenschaft nennen, trockener geworden, ohne deshalb rechter Zunder zu werden für das Feuer künstlerischer Originalität. Dass ein wissenschaftlicher Zugang und Hintergrund auch jenes Feuer herabdimmen kann, zeigt nun eine Einspielung von (Travers-)Flötensonaten Sammartinis und Händels durch das Ensemble Les Buffardins. Das Ensemble, das seinen Namen von dem berühmten Virtuosen Pierre-Gabriel Buffardin (1690-1768) herleitet, der u.a. Lehrer von Joachim Quantz war, wurde vom Traversflötisten Frank Theuns gegründet, mit Rainer Zipperling am Cello und Siebe Henstra am Cembalo; die vorliegende Einspielung wird für je eine Triosonate von Sammartini und Händel noch durch den Flötisten Marc Hantaï bereichert. Beide Flötisten waren Schüler von Barthold Kuijken in Brüssel. Der historisch informierten Aufführungspraxis verpflichtet werden die Sonaten interpretiert – aber, vielleicht unter jenem Anspruch, nicht gegenwärtig und mitreißend musiziert.

Es ist durchaus sinnig, vier Werke Sammartinis mit dreien von Händel zu kombinieren, gibt es doch unmittelbare Berührungspunkte im London der 1730er-Jahre. Sammartini spielte als Oboensolist in Händels Orchester am King’s Theatre. Die Hochschätzung, die Sammartini als Virtuose seines Instruments genoss, ist in vielen großen Lobgesängen überliefert, sodass man gar meinen könnte, er hätte die Oboe neu für die Ohren seiner Zeitgenossen erfunden. Die Leichtigkeit und der in sie hineingeflochtene technische Anspruch spiegeln sich in den Originalkompositionen für Flöte wieder. Händels auf der CD vertretene Werke dagegen mussten bearbeitet und, den Gepflogenheiten der Zeit durchaus nicht gegenläufig, transponiert werden. Sie sind dem Oboenrepertoire entnommen und entstanden wohl zwischen 1707 und 1712, also kurz bevor Händel nach London kam.

Der stilsicheren, gelehrten und behutsamen Interpretation aber fehlt es deutlich an Biss, an einer unmittelbar entfesselten Sinnenfreude, aus der sich barocker Esprit nicht zuletzt entwickelt. Der weiche, matte Klang der Traversflöte vermag nicht zu betören, auch nicht zu erstaunen; dafür sind auch die Tempi zu gemittelt und ‚anständig‘ gewählt. Man vermisst Wagnis und Brillanz. Der Schlusssatz von Händels B-Dur-Sonate HWV357 etwa gerät leicht, unangestrengt, lieblich im Klang – aber doch nicht beschwingt, er gerät nicht zu einem Ereignis. Das Zusammenspiel der beiden Flötisten in Händels Sonate HWV405 und Sammartinis Triosonate für zwei Traversflöten Nr.6 in d-Moll ist tadellos, die Klangfarben der beiden Instrumente verschmelzen zu einem Verwirrspiel der Personen: Das ist durchaus mit handwerklicher Meisterschaft und mit großem, wohl nicht zuletzt wissenschaftlichem Bewusstsein gearbeitet, aber Feuer stellt sich nicht ein – wenn auch das letzte Stück der CD, der letzte Satz von Sammartinis Triosonate, die Glut freilegt und einige Funken fliegen lässt. Aber den Eindruck der Kühle wird man nicht los.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Les Buffardins spielen: Flötensonaten von Sammartini & Händel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.02.2010
Medium:
EAN:

CD
4015023241916


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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