> > > Beethoven, Ludwig van: Violinsonaten op. 12 Nr. 1-3
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Beethoven, Ludwig van - Violinsonaten op. 12 Nr. 1-3

Vielschichtiges Frühwerk


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Hiro Kurosaki und die Pianistin Linda Nicholson legen den dritten Teil ihrer Gesamtaufnahme von Ludwig van Beethovens Sonaten für Klavier und Violine auf historischem Instrumentarium vor, der sich vor allem den drei Sonaten op. 12 widmet.

Auch wenn Ludwig van Beethovens Sonaten für Klavier und Violine in ihrer Gesamtheit bei Musikern und Publikum ein hohes Maß an Anerkennung genießen, gibt es innerhalb dieser Werkgruppe dennoch gewisse Abstufungen. Gerade die frühesten mit Opuszahlen versehenen Werke, vom Komponisten noch als 'Tre Sonate per il Clavicembalo o Fortepiano con Violino' op. 12 mit Hinweis auf den älteren Typus des Tasteninstruments veröffentlicht, finden seltener als andere ihren Weg in den Konzertsaal, und auch im Zuge mancher Gesamtaufnahme wirken sie eher wie ein marginalisiertes Anhängsel an die beliebteren Kompositionen. Die vorliegende Aufnahme von Linda Nicholson (Pianoforte) und Hiro Kurosaki (Violine), dritter Teil der bei Accent erscheinenden Gesamteinspielung von Beethovens Kammermusik für diese Besetzung, macht allerdings Schluss mit der Zurücksetzung: Hier wirken die drei Kompositionen so völlig neu und frisch, so aufregend in ihrer Behandlung der Duobesetzung, dass man sich verwundert die Ohren reibt und fragt, wieso man sie nicht häufiger zu hören bekommt.

Verantwortlich für diesen Eindruck ist nicht nur, resultierend aus einer lange währenden kammermusikalischen Partnerschaft, das hervorragende Zusammenspielung der beiden Musiker, sondern auch die Aufmerksamkeit, die Nicholson und Kurosaki der Instrumentenwahl widmen – ein Aspekt der Interpretation, der diesmal im Booklet für sämtliche Werke der vierteiligem CD-Reihe ausführlich erläutert ist. Entsprechend dem Umstand, dass es sich hier um frühe Werke Beethovens handelt, hat Nicholson für die drei Sonaten aus op. 12 zu einem Hammerklavier von Anton Walter (Wien, um 1797) und für das hier gleichfalls eingespielte Rondo G-Dur WoO 41 zu einem Hammerklavier von Louis Dulcken (München, 1793) gegriffen, also Instrumente ausgesucht, die durch einen hellen und klaren, allerdings auch relativ rasch verklingenden Ton charakterisiert sind. Dieser Wahl passt sich Kurosaki an, indem er die Violine von Fritz Geissendorf (Wien, 1801), die er in den Aufnahmen von op. 23, 24, 47 und 96 gespielt hat, durch ein anonymes italienisches Instrument aus der Zeit um 1700 austauscht.

Das in gewissem Sinne herbere Klangbild geht mit einer relativ raschen Tempowahl einher, was sich entscheidend auf die Gesamtdarstellung auswirkt: Schon die fanfarenartige Thematik der D-Dur-Sonate op. 12 Nr. 1 mit ihrem nachfolgenden Laufwerk vermittelt ein ungewöhnliches Maß an Brillanz, das den Hörer kaum zur Ruhe kommen lässt, doch fasziniert zugleich auch das spielerische Element, das – im Variationssatz durch unbequeme Akzentuierungen gestört – sich bis ins Ineinandergreifen der beiden Stimmen im Finale fortsetzt. Besonders gelungen ist die Umsetzung der fast schon banal wirkenden, humoristischen Thematik aus dem Kopfsatz der Sonate A-Dur op. 12 Nr. 2, da Kurosaki und Nicholson dieser Stimmung mit scharf geschnittener Prägnanz begegnen und sie – und hier ist wieder das differenzierte Zusammenwirken zu bewundern – mit hintergründigen Schattierungen anreichern, um die laut inszenierte Harmlosigkeit der Musik in Frage zu stellen. Diese Tendenz verstärken sie durch eine dichte Wiedergabe des ernsten Mittelsatzes, um schließlich im Finale zu einer ausgewogenen Vermittlung zu gelangen.

Hört man die Sonaten nacheinander, spürt man, dass die Umsetzung Beethovens Strategie nachzeichnet, in den einzelnen Werken schrittweise die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten der Duobesetzung auszuloten, um sie in der abschließenden Sonate Es-Dur op. 12 Nr. 3 zusammenzuführen, damit gleichsam eine neue Perspektive für alle später nachfolgenden Kompositionen entwerfend. Exzellent ist hier die Ruhe bei der Darstellung des Kopfsatzes, die sich in der Durchführung bis zur Dramatik sich überkreuzenden Passagenspiels aufschaukelt. Ein Höhepunkt in Bezug auf die musikalische Gestaltung ist indes der langsame Mittelsatz, der die klanglichen Möglichkeiten der Instrumente in abgedämpften, fahl schattierten und sich allmählich auflichtenden Melodiebögen, aber auch im genauen Modellieren überraschender harmonischer Wendungen besonders gut zum Ausdruck bringt und dadurch eine Vielschichtigkeit hören lässt, die auch noch im weit ausholenden Finalsatz nachklingt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Violinsonaten op. 12 Nr. 1-3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.02.2010
Medium:
EAN:

CD
4015023242135


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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