> > > Schütz, Heinrich: Musikalische Exequien & Bußpsalmen
Samstag, 26. September 2020

Schütz, Heinrich - Musikalische Exequien & Bußpsalmen

Klangvolle Askese


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Manfred Cordes und seine Weser-Renaissance Bremen widmen sich den 'Musikalischen Exequien' und einigen Bußpsalmen von Heinrich Schütz und gestalten die Musik aus der Spannung zwischen Strenge und Kantabilität.

Dass diese bei cpo erschienene Einspielung an der Oberfläche eine gewisse Strenge ausstrahlt, dürfte angesichts ihrer Fokussierung auf die 'Mucialischen Exequien' SWV 279-281 von Heinrich Schütz sowie auf eine Auswahl von dessen Bußpsalmen (Psalm 6 'Ach Herr, straf mich nicht in deinem Zorn' SWV 24, Psalm 51 'Erbarm dich mein' SWV 148, Psalm 102 'Hör mein Gebet' SWV 200, Psalm 130 'Aus der Tiefe ruf ich' SWV 25 und Psalm 143 'Herr mein Gebet erhör in Gnad' SWV 248) nicht verwundern. Dass aber unter dieser asketischen Oberfläche ein ganz besonderer Zugang auf den Hörer wartet, macht die Besonderheit der Interpretation von Manfred Cordes und seiner Weser-Renaissance Bremen aus. Schützens bedeutende, 1635 entstandene Trauermusik anlässlich des Todes von Herrn Heinrich Posthumus von Reuß zeichnet sich durch einen souveränenen Umgang mit der komplexen, vielstrophigen Textstruktur aus, die zu einer in gleichem Maße ambitionierten wie gelungenen kompositorischen Lösung geführt hat.

Vor allem in den konzertant komponierten Soloteilen der Motette 'Nacket bin ich vom Mutterleibe kommen' SWV 279 gelingt es Cordes, den individuellen Tonfall des Textes sehr gut zu vermitteln: Die Wiedergabe gewinnt, gerade weil es hier um das an jeden Menschen gerichtete "memento mori" geht, an diesen Stellen eine Zartheit, deren Zwischentöne durch die Veränderungen in der Besetzung des Basso continuo subtilen Widerhall finden. Ein Pendant zu diesen konzertierenden Passagen mit ihren manchmal verschlungenen Dialogen findet sich in den klangvollen, aber nie mächtig vorgetragenen chorischen Abschnitten: Hier herrscht die rhythmisch klare, elastische Diktion des homophonen Kollektivgesangs, in sauberem und homogenem Klang einer kleinen Besetzung vorgetragen, in der allerdings die hohen Frauenstimmen gelegentlich zu leichter Schärfe neigen. Dass dies hier und in den übrigen Teilen der 'Exequien' so atmosphärisch umgesetzt ist, verdankt sich der kunstvollen Schlichtheit, die Cordes beim der klanglichen Formung der Schütz’schen Musik an den Tag legt.

Auch in den kompositorisch sehr unterschiedlich realisierten Psalmvertonungen ist dies deutlich spürbar: Die Subtilität, die bei der Wiedergabe der rhetorischen Kunstgriffe an den Tag geleget wird, ist beachtlich, denn nichts wirkt hier überzogen oder gekünstelt. Auch hier herrscht einge gewisse Strenge, doch zeigt die vokale Gestaltung, beispielsweise in SWV 200, wie sehr Cordes zugleich auf das Moment der Kantabilität setzt und somit den italienischen Einfluss auf die Arbeiten von Schütz herausarbeitet. Die Auflockerung entsteht hier – wie auch an anderen Stellen – durch das wechselchörige Singen ebenso wie durch damit einhergehende Veränderungen der Basso continuo-Klangfarben (unter Verwendung von Orgel, Harfe und Chitarrone bzw. unter völligem Verzicht auf das instrumentale Harmoniegerüst zugunsten eines rein vokalen Klanges). Dadurch wird gerade diesem Psalm ein Spannungsbogen eingeschrieben, der mit den Textaussagen der jeweiligen Strophen korrespondiert bzw. sie farblich unterstreicht. Wer genau hinzuhören versteht, wird hier auf jeden Fall auf seine Kosten kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schütz, Heinrich: Musikalische Exequien & Bußpsalmen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.01.2010
Medium:
EAN:

CD
761203741021


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Dirigent(en):Cordes, Manfred


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
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