> > > Mahler, Gustav: Sinfonische Dichtung in zwei Teilen ´Der Titan´ (Sinfonie Nr. 1, Fassung 1893 Hamburg)
Dienstag, 7. Dezember 2021

Mahler, Gustav - Sinfonische Dichtung in zwei Teilen ´Der Titan´ (Sinfonie Nr. 1, Fassung 1893 Hamburg)

Mit vollen Segeln


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Challenge Records holt die früheste greifbare Version von Mahler Erster Sinfonie wieder hervor: «Titan, eine Tondichtung in Symphonieform» von 1893. Das holländische Orchester hat ordentlich Schlagseite – aber die steht ihm ausgezeichnet.

Nicht überall, wo ‚Titan‘ draufsteht, ist auch ‚Titan‘ drin. Aber fast immer weist das Cover diesen Beinamen aus, wenn Gustav Mahlers Erste Sinfonie eingespielt wird – ein Titan hat sich noch immer gut verkauft. Mahler selbst hatte damit allerdings wenig Erfolg: Nachdem sein Erstling 1889 in Budapest unter dem Titel ‚Symphonische Dichtung in zwei Teilen‘ und ohne jede Angabe zum Programm durchgefallen war (diese Fassung ist verschollen), lief es 1893 in Hamburg und 1894 in Weimar – nun mit Programm – nicht viel besser. Die neue Überschrift ‚Titan, eine Tondichtung in Symphonieform‘ wurde danach wieder verworfen, ebenso die weiteren, bei Jean Paul und Dante entlehnten Satztitel und auch der langsame Satz 'Blumine'. Challenge Records holt nun die Hamburger Fassung wieder hervor, die früheste greifbare Version der späteren Ersten Sinfonie. Eine Repertoirelücke ist das zwar längst nicht mehr (allein in den letzten sechs Jahren sind drei Aufnahmen erschienen); aber dieser ‚Titan‘ hat es trotzdem in sich.

Denn nicht oft wird das radikal Neue einer längst verwehten Station der Musikgeschichte wieder so erlebbar wie hier. Das Netherlands Symphony Orchestra unter Jan Willem de Vriend musiziert schnurstracks geradeaus – ‚mit vollen Segeln‘, wie Mahler das Scherzo betitelt. Symphonische Tradition? Hier ist alles Aufbruch zu neuen Ufern, die Strukturen werden einem regelrecht um die Ohren geblasen. Wiederholung der Exposition? Natürlich nicht. Mächtig viel Zug steckt drin, auch wenn ‚in großer Wildheit‘ die Koordination gelegentlich über Bord geht und vor allem die Geigen ziemlich ins Schwimmen geraten. Im erfreulich klaren Orchesterklang gehen die Streicher allerdings ohnehin eher unter, die Bläser dominieren. Und selten dürfte solche Schlagseite einem Orchester ähnlich gut gestanden haben: Wer mit Mahlers Erster vertraut ist, kann in der Hamburger Fassung nämlich vor allem im Holz einiges Ungewohnte entdecken.

Beim ständigen Überarbeiten seiner Werke hat Mahler vor allem an den nicht eben wortkargen Spielanweisungen und an der Instrumentierung geschraubt; nur manchmal wird auch das eine oder andere Motiv markant verschoben. Insgesamt rechnet die Version anno 1893 mit einer deutlich kleineren Mannschaft; der Orchestersatz bringt dafür noch ein paar Ecken und Kanten mehr mit als die Endfassung – und auch erheblich mehr Gepauke. Im Trauermarsch-Satz ('Gestrandet!') finden sich sogar hier und da einige versprengte Einzeltakte, die Mahler später offenbar für ebenso überflüssig gehalten hat wie den kompletten 'Blumine'-Satz. Durch den torkelt eine beeindruckend besoffene Solotrompete; und auch sonst treffen die Niederländer all die typischen Mahler-Tonfälle, vom Naturlaut übers naive Musikantentum und die verschleppten Märsche bis zum Überdrehten, Forciert-Heiteren. Dass sich ein solcher symphonischer Riesenwurf nicht einfach aus dem Ärmel schütteln lässt, bekommt man freilich auch immer wieder zu spüren – wenn man schon auf Höhe der poetischen Idee musiziert, dann natürlich inklusive der einkalkulierten Überforderung.

Schiffbruch erleidet die insgesamt gelungene Produktion denn auch erst im Beiheft. Dort verirren sich gleich zwei Werktitel aufs Cover und in die Tracklist, von denen aber keiner zur eingespielten Fassung gehört. Und die überall gern herangezogenen Programmhinweise, die Mahler aber nur bei der Hamburger Aufführung verwendet hat? Ausgerechnet hier fehlen sie. Der Begleittext kann es dafür in puncto sprachlicher Sorglosigkeit (nicht nur der Übersetzung) beinahe mit den Künstlerbiographien aufnehmen, deren bemerkenswert lieblose Gestalt wiederum nahelegt, dass man hier ohnehin nicht mehr mit Lesern rechnet. Weg damit also. Die CD sollte man aber behalten – und wird sie so schnell nicht zur Seite legen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonische Dichtung in zwei Teilen ´Der Titan´ (Sinfonie Nr. 1, Fassung 1893 Hamburg)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Challenge Classics
1
04.01.2010
56:26
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
608917235524
CC72355


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"Hamburger Frühfassung von Mahlers 1. Sinfonie Die 'Symphonische Dichtung in Zwei Abtheilungen' von Gustav Mahler wurde zum ersten Mal 1893 in Hamburg uraufgeführt. Die Tondichtung mit dem ‚Blumine‘-Satz hat einen deutlich autobiographischen Charakter und eine enge Beziehung zu den Mahlers Liedern. Diese Version, die später zu seiner 1. Symphonie wurde, findet in der Interpretation von Jan Willem de Vriend eine fulminante und adäquate Umsetzung. "


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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