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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Sufi/Bach - Orient meets Occident

Orient meets Occident


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Einspielung, die fremde Klänge aus dem Sufismus und bekannte Klänge J.S. Bachs in einen gemeinsamen, überraschenden Kontext stellt.

Gesänge der Sufis und Johann Sebastian Bachs haben sich bei dieser Einspielung des Labels Guild zu einer Gemeinschaft zusammengefunden. Die anfängliche Irritation weicht sich schnell einer positiven Überraschung. Es liegt keine Form einer Vermischung beider Kulturen vor, sondern eine anregende Zusammenstellung, die zum Nachdenken einlädt. Wichtiger als die einzelnen Aufnahmen ist das Ziel, das mit dieser kombinierten Aufnahme erreicht werden sollte. Bereits im Sommer 2008 fanden während der Zürcher Festspiele die mitgeschnittenen Aufführungen statt, unterstützt von Derwischtänzen und Vorträgen aus dem christlichen und sufischen Glauben. Die Scheu vor der sinnlichen Musik als ‚Teufelswerk‘ ist eine Gemeinsamkeit des christlichen und islamischen Urglaubens. Doch sowohl im Sufismus wie im Christentum wurde die Musik im Laufe der Zeit zum wichtigen Bestandteil der religiösen Ausführung. Das Thema 'Sing, bet‘ und geh auf Gottes Wegen' aus Bachs Kantate spiegelt die Basis für die Auswahl der Werke wieder, die die Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufdecken möchten.

Die Klänge des Sufi-Ensembles sind für europäische und abendländische Ohren freilich nicht widerstandslos konsumierbar, doch die Energie, die in ihnen vermittelt wird, ist sofort spürbar. Mit der Aufnahme verfolgt man die verschiedenen Stufen des Gebets; die völlige Ekstase wird darin freilich nicht erreicht. Nach einer einleitenden Improvisation auf der Längsflöte Ney (Ahmet Kaya), ertönt ein erstes schlichtes Gebet, überleitend in ein Lob des Prophete. Zum ersten Mal sind hier auch die anderen Instrumente, wie die Langhalslaute Tanbur (Hulisi babalik) oder die orientalische Zither Kanun (Serkan Mesut Halili) eingesetzt. Es folgen weitere Gebete, in denen Rhythmus und Tempo belebter werden. Mit einer weiteren Improvisation, nun auf dem Keman (Volkan Gümüşlü), einem Streichinstrument, tritt eine Beruhigung der Musik ein. Eine zweite Welle der Steigerung erfolgt durch weitere Gebete, Bitten und Lobpreisungen. Der gesamte Sufi-Block ist so aufgebaut, dass auch Nichteingeweihte die Steigerungen mitverfolgen  können. Gleichzeitig verströmt er eine ungeheure Kraft, die die besondere Stellung der Musik im Sufismus erfahrbar werden lässt.

Ekstase durch Bach

Die Sufi-Gesänge werden von zwei Bach-Kantaten umrahmt: 'Wer nur den lieben Gott lässt walten' (BWV 93) und 'Was willst du dich betrüben' (BWV 107). Howards Griffiths dirigiert die Freitagsakademie, die auf historischen Instrumenten den Zuhörer von der Kraft der Bachschen Musik überzeugen möchte. Nach den freien Improvisationen fallen die streng kontrapunktischen Sätze der Kantaten umso deutlicher auf. Schon der Beginn des Chores mit der Imitation zwischen den Instrumenten und den langen Melismen zeichnet ein anderes Bild der Kirchenmusik. Die Verwendung von historischen Instrumenten trägt zu einem wunderbar farbigen Klangbild bei, das durch die vier Solisten – Eva Oltiványi (Sopran), Roswitha Müller (Alt), Jan-Mark Mächler (Tenor) und Markus Niedermeyr (Bass) – harmonisch ergänzt wird. Der typische Wechsel zwischen Instrumentalpassagen und Choral-Abschnitten wird auch dynamisch vollzogen, so dass der Text in dieser Aufnahme wunderbar zur Geltung kommt.

Auf eine Steigerung, die zur Ekstase führen kann, wartet man nun jedoch vergebens. Die ausgewählten Kantaten sind zu ruhig und ermahnen vor zu viel Vergnügen. In der Arie 'Man halte nun ein wenig stille' kann Mächler mit deutlich artikulierten Melismen punkten, während er im Rezitativ 'Denk nicht in deiner Drangsalshitze' den Rhythmus frei und beweglich interpretiert. Hinreisend ist auch die Sopran-Arie 'Er richt‘s zu seinen Ehren'. Die Triller von Eva  Oltivány und ihre Sicherheit in den hohen Lagen bringen die Arie zum Leuchten. An dieser Stelle wird verständlich und sinnlich erfahrbar, warum sich die Musik über alle Verbote in der Kirche durchsetzten konnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sufi/Bach: Orient meets Occident

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Guild
1
28.01.2010
059:08
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
795754733327
GMCD 7333


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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