> > > Burkhard, Paul: Sieben Stufen des Lebens, begleitet von einer Nachtigall, der Bringerin eines sanften Todes
Dienstag, 2. März 2021

Burkhard, Paul - Sieben Stufen des Lebens, begleitet von einer Nachtigall, der Bringerin eines sanften Todes

Nachtigallengesänge


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paul Burkhards Spätwerk 'Die sieben Stufen des Lebens' in einer Aufnahme, die der Komponist kurz vor seinem Tod im September 1977 selbst leitete. Esoterische Weltabschiedsmusik, könnte man sagen, die eine ganz neue Seite im Oeuvre des Autors beleuchtet.

Die meisten Menschen kennen den Schweizer Komponisten Paul Burkhard (1911-1977) vermutlich ausschließlich als Schöpfer der erfolgreichsten Nachkriegsoperette: 'Feuerwerk' (1950) mit dem Schlager 'O mein Papa', der in tausenden von Versionen um die Welt ging und sich bis heute einiger Popularität erfreut. 'Feuerwerk' ist bis heute regelmäßig an deutschsprachigen Theatern zu sehen ist, als geniale Geschichte von Zirkusaußenseitern, die ins Sanktum der Spießigkeit eindringen, nämlich den 60. Geburtstag eines Gartenzwerg-Fabrikanten. Dort werben sie für Toleranz für Minderheiten und sprengen die Ketten einer allzu bürgerlichen Existenz, der verschiedene Familienmitglieder entfliehen wollen. Es ist eine wunderbare Parabel, die man auf alle möglichen Weisen deuten kann, inklusive als schwules Coming-out-Stück. Auch eine Filmversion von 1954 mit Lilly Palmer und der jungen Romy Schneider hält die Erinnerung an 'Feuerwerk' – und damit an Burkhard – wach. (Der Film ist ganz, ganz wunderbar und auf DVD erhältlich!)

Nun hat Paul Burkhard nach 'Feuerwerk' noch viele weitere Operetten und Musicals geschrieben, doch vor allem hat er viel fürs Schweizer Radio gearbeitet, als Dirigent sowie als Komponist in den folgenden Jahrzehnten Orchesterwerke, Ballett-, Bühnen- und Filmmusiken und Chormusik geschrieben. Besonders bekannt wurde in den 60er Jahren seine Weihnachtsmusik, komponiert für die Kinder und Jugendlichen der Stadt Zell, die 'Zäller Wiehnacht', durchaus vergleichbar mit Benjamin Brittens Kinderopern bzw. 'Ceremony of Carols', die etwa zeitgleich entstanden.

Und genauso wie Britten war Burkhard homosexuell, was zwar (wie bei Britten) kein Geheimnis war, andererseits in den spießigen 50er und 60er Jahren auch nicht an die große Glocke gehängt werden konnte. Die Folge: Burkhard schien nach außen hin ein jovialer Mann, der mit Mutter und Schwester auf einem wunderbaren Zeller-Bauernhof lebte, der aber zunehmend von Selbstmordgedanken geplagt wurde, wie man in Nebensätzen der Biografie ‚O mein Papa. Paul Burkhard. Leben und Werk‘ der Schweizer Journalisten Philipp Flury und Peter Kaufmann entnehmen kann. Die Schuldgefühle und Verzweiflung trieben Burkhard in die Arme der orthodoxen Kirche. Er besuchte in den 70er Jahren den Berg Athos in Griechenland, wollte Klosterbruder werden und sich von der Welt ganz zurückziehen. 1977 bekam er die Diagnose Leberkrebs. Er starb im September.

In dieser Situation – also in seinen beiden letzten Lebensjahren – komponierte Burkhard die Kammermusik 'Sieben Stufen des Lebens' (‚begleitet von einer Nachtigall, der Bringerin eines sanften Todes‘) für Klarinette, Harfe und Orgel. Es war eine Auftragskomposition von Archimandrit Irenäus Totzke, dem Leiter des Ökumenischen Instituts der Abtei Niederaltraich in Bayern, für die Burkhard bereits Anfang der 70er Jahre die 'Fünf Gesänge für die Byzantinische Liturgie' geschrieben hatte. Die 'Sieben Stufen des Lebens' sollten bei einem ökumenischen Treffen in Niederaltraich uraufgeführt werden. Nach und nach formte sich die Idee zu einem Stück, das das ganze Leben eines Menschen umfassen sollte, von der Geburt bis zum Tod, jeder Abschnitt zwischen zwei und vier Minuten lang. ‚Orgel und Harfe spielen sich gegenseitig die Grundhandlung der einzelnen Stufen zu, die Klarinette stimmt dazwischen die Gesänge der Nachtigall an, sich der jeweiligen Lebensphase anpassend‘, sagt Irenäus Totzke, der im August 1976 anlässlich der Uraufführung die Orgel spielte.

Im folgenden Jahr nahm das Schweizer Radio diese Lebensabschiedsmusik unter Burkhards Leitung auf, mit Emmy Hürlimann (Harfe), Manfred Preis (Klarinette) und Martin Suter (Orgel). Die Aufnahme landete mit dem restlichen Burkhard-Nachlass Jahre später in der Zentralbibliothek Zürich, die sich wiederum großzügig bemüht, Materialien, die ihr anvertraut wurden, zugänglich zu machen. Weswegen die vorliegende CD beim Label Guild entstand, die das Werk nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellt – zusammen mit Hans Schaeubles (1906-1988) Ballett 'Die Rose und der Schatten' op. 43, Fassung für zwei Klaviere, aufgenommen im Dezember 1959 mit Schaeuble selbst am Klavier, zusammen mit Nico Hoffmann.

Historische Rahmenbedingungen

Soweit die historischen Rahmenbedingungen und soweit so spannend. Zumindest fand ich als Operettenforscher, der sich mit Burkhard im Rahmen einer großen Erik-Charell-Ausstellung 2010 am Schwulen Museum Berlin beschäftigt hatte, die Idee einer tief religiösen 'Stufen des Lebens'-Musik höchst interessant. Zur Erinnerung: Der schwule Regisseur Charell war es, der Burkhards Mundarttheaterstück 'Der schwarze Hecht' in den internationalen Erfolg 'Feuerwerk' verwandelt hatte, den 'Feuerwerk'-Film produzierte und mit Burkhard über Jahrzehnte hinweg befreundet war und mit ihm Herrenwochenendausflüge an den Vierwaldstättersee machte. Wo die Post abging, glaubt man Nachbarn. Und wo Burkhard ein anderes Leben führte als mit Mutter und Schwester in Zell.

Wer nun die 'Sieben Stufen des Lebens' hört und irgendetwas in Richtung 'Feuerwerk' oder 'O mein Papa' erwartet, wird enttäuscht sein. Die sieben kurzen Stücke haben keinerlei Schlagerqualität, sie sind nicht einmal besonders eingängig im Sinn von melodisch prägnant. Man könnte die Musik fast als esoterisch bezeichnen oder als meditativ. Sie gleitet schimmernd vorbei, als wäre sie der elegische Soundtrack zu – ja, zu was? Einem Klosterbesuch? Einer Art Waldeinsamkeit, in der man einer singenden Nachtigall lauscht? Die Klangeffekte der Harfe und Orgel sind teils durchaus magisch, die sich zart erhebende Klarinette trällert warm und voll. (Burkhard hatte diese Nachtigallengesänge bei einer Wanderung im Tessin 1945 aufgezeichnet und hier verwendet.) Ein großes oder bedeutendes Stück sind die 'Sieben Stufen' deshalb dennoch nicht.

Für diejenigen, die sich für Burkhard und sein Werk interessieren, bleibt es natürlich trotzdem eine CD-Veröffentlichung, die wie eine kuriose Fußnote mehr Privates über den enigmatischen Komponisten verrät, als all die Schlager, Musicals und Operetten, die er sonst komponiert hat. Ob es einmal eine Gesamtausgabe seiner geistlichen Musik geben wird (also z. B. auch der 'Fünf Gesänge für die Byzantinische Liturgie'), bleibt abzuwarten. Aktuell gibt es noch nicht einmal eine Gesamtaufnahme von 'Feuerwerk' auf Tonträger, was angesichts der anhaltenden Popularität des Werks geradezu unglaublich ist.

Und als 2011 der 100. Geburtstag Burkhards anstand und eine überarbeitete Version der Biografie des Komponisten erschien, wiederum von Flury und Kaufmann, wurde abermals die homosexuelle Seite im Leben Burkhards fast vollständig ignoriert. Als bewusste Entscheidung, wie Flury und Kaufmann mir gegenüber in einem Statement im Zusammenhang mit der Charell-Ausstellung erklärten. Weswegen Burkhards Hinwendung zum Glauben, seine Suizidgedanken und letztlich auch die Spätphase seines Oeuvres nicht wirklich verständlich diskutiert wird. Obwohl diese Diskussion sicher lohnend wäre bei einem Mann, der derart zerrissen war zwischen öffentlicher Persönlichkeit und Privatmensch und fast zeitgleich zu den 'Sieben Stufen des Lebens' ein Musical mit dem Titel 'Regenbogen' (!) schrieb, im November 1977 in Basel an der Komödie posthum uraufgeführt.

Falls künftige Biografen sich mit Burkhard auseinandersetzen wollen, dann ist diese CD und sind die 'Sieben Stufen des Lebens' ein wichtiger Baustein zum Verständnis des Ganzen. Die Zentralbibliothek Zürich stellt übrigens Material, wie intime Briefe und Tagebücher, unzensiert und bereitwillig zur Verfügung, ganz anders als die vorherigen Verwalter des Nachlasses.

Eine gute Burkhard-Biografie mit allen sieben Stufen seines bewegten Lebens bleibt ein großes Desiderat. Vielleicht hört man dann auch diese CD mit anderen Ohren. Rein klangtechnisch ist es eine hervorragende Aufnahme. Und ich muss gestehen: Bei wiederholtem Hören entwickeln die Nachtigallengesänge einen nicht unbeachtlichen Zauber, dem man sich schwer entziehen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Burkhard, Paul: Sieben Stufen des Lebens, begleitet von einer Nachtigall, der Bringerin eines sanften Todes

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Guild
1
29.01.2010
73:35
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
795754235722
GHCDS 2357


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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