> > > Telemann, Georg Philipp: Ouvertüren & Weltliche Kantaten
Samstag, 25. Juni 2022

Telemann, Georg Philipp - Ouvertüren & Weltliche Kantaten

Frauenliebe und Leben


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Telemann scheint einen extrem ausgeprägten Sinn für Ironie gehabt zu haben, anders sind die auf dieser CD versammelten und hinreißend interpretierten Stücke nicht zu erklären.

Zu den vielen lohnenden Telemann-Neueinspielungen der letzten Monate zählt auch die neue CD des Bach Concentus unter seinem Dirigenten Ewald Demeyere. Unter dem Titel ‘O woe! O Woe! My canary is dead!’ stellt das Ensemble eine Reihe humoristischer Ouvertüren und Kantaten vor, die Telemanns ganz besonderes Gespür für Komik und Absurdität beweisen. Allein schon die Stückauswahl macht die CD zu einer gelungenen Rarität. Neben der Ouvertüre ‘La Bouffonne’ erklingen die Ouvertüren in C-Dur (TWV55:C2) und in B-Dur (TWV55:B8). Den zentralen Platz in der Programmauswahl nehmen aber die beiden Kantaten ‘Der Weiber-Orden’ (TWV20:49) und ‘Trauer-Music eines kunsterfahrenen Canarien-Vogels’ (TWV20:37) ein. Die äußert possierlichen Stücke warten neben einer perfekten musikalischen Umsetzung mit urkomischen Texten auf. Telemann scheint einen extrem ausgeprägten Sinn für Ironie gehabt zu haben, anders sind diese beiden Stücke nicht zu erklären.

Über das Entstehungsdatum der Kantate ‘Der Weiber-Orden’ für Sopran, Streicher und Basso continuo ist leider nur bekannt, dass es wohl zwischen 1712 und 1733 liegt, als Telemann erst in Frankfurt und dann in Hamburg lebte. Beim Hören des anzüglichen und delikaten Texts fragt man sich unwillkürlich, für welchen Anlass und für welches Publikum Telemann dieses Werk wohl geschrieben hat. Das Stück beginnt ohne Umschweife mit einem Loblied auf zu erwartende sexuelle Freuden (‘Fahr hin, verhasste Jungfernschaft, du gibest weder Saft noch Kraft’). Nach einem dreiviertel Jahr Ehe möchte sie ihr erstes Kind gebären, das sie auch gleich ermahnt, schön brav zu sein: ‘Du darfst nicht so abscheulich schrein, sonst nennt ich dich ein kleines Schwein und schlage mit der Ruten drein!’. Ein Jahr später möchte die ambitionierte Erzählerin dann auch schon das nächste Kind produziert haben. In einem anschließenden Rezitativ fordert sie alle Jungfern begeistert auf: ‘…verkaufet eure Haut und nehmet alle Männer!’. Die finale Arie preist noch einmal die körperlichen Freuden der Ehe und schließt mit den Worten: ‘Denkt doch, wie es muss erquicken, wenn man Herz an Herz kann drücken, wenn ein Kuss die Losung bleibet, wenn man sich die Zeit vertreibet, mit den angenehmsten Sachen.’

Die Sopranistin Dorothee Mields ist eine äußerst gelungene Besetzung für diesen fraglos pikanten Gesangspart, denn ihre Interpretation ist frei von jeglicher überzeichneter Frivolität, die das ganze übertrieben hätte. Stattdessen wählt sie eine fast schon zu glatte Gesangslinie, die sie mit ihrem jungendlich schlanken Timbre kombiniert. Ein selten eingesetztes, wohl dosiertes Vibrato und eine makellose Koloraturtechnik machen ihre Interpretation wunderbar klangschön. Leider ist die Textverständlichkeit nicht immer gut, so dass man als Hörer gut daran tut, den Text im Booklet mitzulesen. Das Orchester begleitet sie mit schwungvollem Elan und tänzerischen Akzenten. Das Wiegenlied im mittleren Teil der Kantate spielen die Instrumentalisten herrlich weich abschattiert mit einem duftigen Streicherteppich. Die Zwischenspiele haben eine folkloristische Direktheit, da sie mit markigen Strichen und einem kräftigen Orchestertutti in getragenem Volksliedtempo gestaltet sind.

Etwas bekannter als der ‘Weiber-Orden’ ist sicherlich die ‚Trauermusik für den Canarienvogel‘. Telemann schrieb sie 1737 wohl als Gelegenheitswerk. In seiner Klage um den toten Vogel zieht er alle Register, die die barocke Musiksprache für Trauer und Wut bereit hält. Neben Seufzermotiven, Lamento-Arie und klagenden Molltonarten gibt es auch eine furiose Rachearie, in der der Tod mit wüsten Verwünschungen belegt wird. Die Kantate drückt vermutlich sowohl ernsthafte Betrübnis über den verstorbenen kleinen Sänger aus als auch eine gewisse spielerische Freude an der Verwendung opernhafter Affektsprache für einen verhältnismäßig geringen Traueranlass. Wie in ihrer Interpretation des ‚Weiber-Ordens’ setzen Ewald Demeyere und Dorothee Mields auf eine wenig dramatisch-opernhafte Darstellung. Stattdessen wählt Mields hier ein etwas dunkleres, verhangeneres Timbre, ohne die Strahlkraft ihrer Stimme zu verlieren. Ihren Klagen wohnt eine tiefe Innerlichkeit inne, die berührt. Demeyere führt dazu seine Musiker mit relativ zügigen Tempi durch die einzelnen Sätze des Stücks. Das wohl austarierte Verhältnis zwischen Bassfundament und Melodieinstrumenten schafft einen runden Orchesterklang. In der Rachearie spielt das Ensemble die Orchesterritornelle mit bewundernswert ruppigem und scharfem Ton, so dass die Läufe und Akkorde äußerst rabiat und aggressiv wirken. Dadurch erreicht Demeyere eine kontrastreiche Wirkung gegenüber den Lamento-Arien zum Beginn und Ende der Kantate.

Die CD wartet mit energiegeladenen Orchesterouvertüren und unterhaltsamen Kantaten auf, die von Demeyere und seinem Bach Concentus mit hoher gesanglicher Qualität und spielerischem Elan interpretiert werden. Durch die gelungene Programmauswahl und die charismatische Solistin Dorothee Mields kommt hier eine wahre Traumeinspielung zustande, die man immer und jeder Zeit gerne wieder anhört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann, Georg Philipp: Ouvertüren & Weltliche Kantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.01.2010
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4015023241992
ACC24199


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"Wie Briefe, Gedichte und viele Musikwerke von Georg Philipp Telemann belegen, besaß der Komponist eine gehörige Portion Humor, den er auch musikalisch einzusetzen wusste. Die zweite Produktion des Bach Concentus unter der Leitung von Ewald Demeyere bringt davon gleich vier Beispiele zu Gehör, von denen die sogenannte Kanarienvogel-Kantate mit dem ironischen Originaltitel 'Trauer-Music eines kunsterfahrenen Canarien-Vogels' vielleicht noch am bekanntesten sein dürfte. Eine echte Katalogneuheit stellt dagegen die Kantate 'Der Weiberorden' dar, in der eine junge Frau ihrer Vorfreude auf das künftige Eheleben Ausdruck verleiht. Daneben sind drei Orchestersuiten aus der Feder Telemanns zu hören, von denen zwei deutlich humoristische Züge aufweisen. Mit Dorothée Mields konnte für dieses Album eine Sängerin gewonnen werden, welche der feinen Ironie der überzogenen Pathetik in der Kanarienvogel-Kantate ebenso überzeugend Ausdruck verleihen kann wie der stellenweise schlüpfrigen Vorfreude in der Kantate 'Der Weiber-Orden'."


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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