> > > Martinu, Bohuslav: Sinfonien Nr. 5 & 6
Samstag, 28. Mai 2022

Martinu, Bohuslav - Sinfonien Nr. 5 & 6

Nicht an Frische eingebüßt


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die beiden letzten Symphonien Bohuslav Martinůs erfahren eine interpretatorisch wie klanglich sehr gelungene Einspielung.

Die Gattung der Symphonie spielt in Bohuslav Martinůs umfangreichem Schaffen nur eine Nebenrolle. Während er von der Klavierminiatur bis zur abendfüllenden Oper beinahe alles rasch und mühelos schrieb, begegnete der der Königsgattung der Orchestermusik zunächst mit Zurückhaltung. Im US-amerikanischen Exil entstand 1946 seine Fünfte Symphonie – zu diesem Zeitpunkt hatte er schon rund 300 Werke komponiert. Da das Stück beim Publikum gut ankam und sich für Martinů auch finanziell rentierte, folgte einige Jahre später die Sechste (und letzte) Symphonie mit dem Untertitel 'Symphonische Fantasien'. Beide Kompositionen sind dreisätzig, wobei in der Fünften ein 'Larghetto', in der Sechsten ein scherzoartiges 'Poco allegro' den Mittelabschnitt bildet. Auch die Kompaktheit der Werke fällt auf: Die Fünfte Symphonie dauert etwas über, die Sechste etwas unter 29 Minuten. Jiří Bĕlohlávek und das Czech Philharmonic Orchestra haben die beiden Stücke im Rahmen ihrer Gesamtaufnahme der Symphonien bei Supraphon eingespielt. Die CD bildet gewissermaßen den Ausklang des Martinů-Jahres 2009 – anlässlich des 50. Todestages wurde der nach Dvorak wohl berühmteste tschechische Komponist mit einer Vielzahl von Neuerscheinungen gewürdigt.

In der Fünften Symphonie spielen rhythmische Elemente eine zentrale Rolle. Man ist versucht, vor allem den unerbittlich voranschreitenden punktierten Rhythmus der Finales als Nachhall des zum Kompositionszeitpunkt gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieges zu deuten. Auch der düster-tragische Grundton aller drei Sätze weckt solche Assoziationen. Von neoklassizistischer Heiterkeit ist Martinů hier jedenfalls weit entfernt, was Bĕlohlávek in seiner Herangehensweise an das Werk betont: Die Konturen erscheinen scharf und klar, Dissonanzen werden nicht eingeebnet und schroffe Kontraste bleiben deutlich hörbar. Allenfalls im 'Larghetto' ist eine versöhnliche Stimmung erkennbar, etwa in den lebendigen Figuren der Holzbläser, die sich hier von ihrer besten Seite zeigen (ein Flötensolo inklusive). Doch spätestens im Finale dominiert wieder die Düsternis. Der klangliche Eindruck ist hervorragend, leise Passagen kommen ebenso gut zur Geltung wie kraftvolle Tutti.

Anders als das Schwesterwerk wirkt die Sechste Symphonie zumindest über weite Strecken optimistischer – ungewöhnlich ist vor allem ihr 'Lento'-Finale, eine große Ausnahme in der Symphonik, wie man sie allenfalls von Tschaikowsky (‚Pathetique‘) und Mahler (Neunte) kennt. Der Untertitel verweist auf Martinůs freie Handhabung der Form, eine Abfolge musikalischer Stimmungsbilder dominiert gegenüber einem groß angelegten dramatischen Aufbau. Bĕlohlávek und das tschechische Orchester überzeugen erneut, alle solistischen Partien (insbesondere ein langes Violin-Solo) werden mit höchster Präzision gespielt. Lediglich im Kopfsatz merkt man in einzelnen Momenten, dass die Anforderungen hier ein gutes Stück höher als in der Fünften sind. Im direkten Vergleich schneidet die letzte Symphonie des Komponisten – übrigens ein Auftragswerk zum 75. Jubiläum des Boston Symphony Orchestra – besser ab als ihre Vorgängerin. Prinzipiell aber gilt für beide Stücke: Engagiertes Musizieren auf hohem Niveau geht einher mit einem sehr guten und natürlichen Klangbild.

Obwohl einige Konkurrenz-Einspielungen existieren (unter anderem, ebenfalls bei Supraphon, mit der Prager Symphonie-Orchester unter Vladimir Valek), gefällt diese CD als Abwechslung vom symphonischen Standard-Repertoire ebenso wie durch ihre Kompaktheit – Martinů erlag nicht der Versuchung, weitschweifig zu komponieren. Nimmt man noch Bĕlohláveks sensibles Dirigat und die Leistung des tschechischen Orchesters hinzu, bleibt unter dem Strich eine sehr hörenswerte Veröffentlichung. Es handelt sich zwar nicht um zwei perfekt geschliffene Meisterwerke, aber um hoch inspirierte und zugängliche Musik, die nach Jahrzehnten nichts von ihrer Frische eingebüßt hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Sinfonien Nr. 5 & 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
20.01.2010
Medium:
EAN:

CD
099925400729


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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