> > > Prokofjew, Sergei: Streichquartette Nr. 1 & 2
Dienstag, 28. Januar 2020

Prokofjew, Sergei - Streichquartette Nr. 1 & 2

Was für eine Aufnahme!


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme zwei Streichquartette von Sergej Prokofjews überzeugt in allen Belangen. Eine interpretatorische Meisterleistung!

Eigentlich ist das doch eine verrückte Tätigkeit: Wir Rezensenten sitzen da, hören uns Musik an und gleichen das, was da aus den Boxen schallt, mit dem ab, was wir von anderen Aufnahmen her kennen oder in der Partitur lesen – mit dem Ziel, die Interpretation möglichst gerecht zu beurteilen. Nicht immer macht das wirklich Freude, im Gegenteil, gelegentlich ist es sogar recht ärgerlich. Aber dann gibt es auch ganz andere Momente: Man legt eine CD ins Abspielgerät und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie im Falle dieser bei Supraphon erschienenen Einspielung von Sergej Prokofjews beiden Streichquartetten Nr. 1 h-Moll op. 50 (1930/31) und Nr. 2 F-Dur op. 92 (1941) durch das Pavel Haas Quartett. Das junge Ensemble hat in den vergangenen Jahren mit seinen Aufnahmen der Werke von Leoš Janáček und Pavel Haas Furore gemacht, und wer die sympathischen Musiker jemals live erlebt hat, wird sich ihrem energetischen Spiel kaum entzogen haben können.

Dies trifft auch für die vorliegende Produktion zu, denn Prokofjews Streichquartette sind in den Händen von Veronika Jarůšková (Violine), Eva Karová (Violine), Pavel Nikl (Viola) und Peter Jarůšek (Violoncello) bestens aufgehoben: Faszinierend ist der Zugriff, lebendig, packend, rhythmisch kraftvoll und mit spannungsgeladenen Pausen, aber doch auch ganz besonders fein, wenn es darum geht, die vielen Nuancen der Musik darzustellen. Nicht nur hiervon kündet gleich der Kopfsatz des h-Moll-Quartetts, sondern auch von der außerordentlichen instrumentalen Balance, die das Ensemble zwischen homogenem Gesamtklang und den Erfordernissen immer wieder solistisch hervortretender Instrumente entfaltet. Dass die Musiker daneben den schärferen Tonfall beherrschen, zeigen sie im zweiten Satz, dessen Strukturen voller schneidender Härte akribisch genau über den fast atemlos getrommelten Ostinato-Rhythmen aufbrechen. Der 'Andante'-Finalsatz zeigt dagegen einerseits klare Melodieführengen, elastisch in der dynamischen Gestaltung und immer wieder überraschend, wenn es um minimale Einfärbungen – etwa durch eine verdoppelnde Stimme – geht, fesselt andererseits aber auch auf den musikalischen Höhepunkten durch eine Abkehr von dieser kantablen Weichheit hin zu einem emphatischen Deklamieren der Instrumente.

Das zweite, die volkstümliche Diktion einbindende Streichquartett beginnt dagegen mit einer großen Geste, die unmittelbar ins Piano abgefärbt und dann aufgefächert wird. Der Abwechslungsreichtum, mit dem die Musiker Prokofjews Kapirolen im Umgang mit dem Thema zeichnen, umfasst einen gewaltigen dynamischen und klangfarblichen Spielraum, den das Ensemble im langsamen Mittelsatz mit besonderer Subtilität ausweitet. Rhythmische Agilität und kraftvolles Zupacken erwarten den Zuhörer dagegen im Finale, wenn die vier Musiker ihr Speil zu fast schon orchestralen Ausbrüche von berstender Klanglichkeit treiben, im Kontrast dazu aber auch fast irreale Situationen schaffen, wenn die einzelnen Stimmen plötzlich weit auseinander klaffen und sich klanglich aufgrund ihrer Distanzen nicht miteinander verbinden wollen. Zwischen den beiden Quartett-Schwergewichten haben Jarůšková und Karová eine exzellente Aufnahme der Sonate C-Dur op. 56 für zwei Violinen platziert, deren Erscheinungsweise mit ihren spärischen Klängen, einander umschlingenden Stimmen, aufgerauten Akkorden und polyphonen Passagen einen ausgezeichneten Kontrast und zugleich eine Ergänzung zu den übrigen Stücken bietet. Und auch dieses Stück trägt erheblich dazu bei, dass die CD so empfehlenswert ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofjew, Sergei: Streichquartette Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
20.01.2010
Medium:
EAN:

CD
099925395728


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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