> > > Nick, Edmund: Lieder nach Erich Kästner
Dienstag, 2. März 2021

Nick, Edmund - Lieder nach Erich Kästner

Aus der Zeit gefallen


Label/Verlag: duo-phon classic
Detailinformationen zum besprochenen Titel


1970 vertonte Edmund Nick den Gedichtszyklus ‚Die 13 Monate’ seines Freundes Erich Kästner. Nun liegen diese Lieder erstmals als Gesamtaufnahme auf CD vor.

Vielleicht muss man eine Rezension dieser neuen, von Duophon Records herausgebrachten CD von hinten aufzäumen. Denn auf den 1970er Liederzyklus ‚Die 13 Monate’ von Erich Kästner (Text) und Edmund Nick (Musik) folgen als Bonustracks fünf Songs aus der ersten Kollaboration der beiden Herren, der im Dezember 1929 für den Breslauer Rundfunk produzierten ‚Hörfolge’ mit Titel ‚Leben in dieser Zeit’. Diese fünf Lieder treffen den typischen Weimarer Tonfall ideal, den eklektischen Mix aus Gebrauchsmusik, Neuer Sachlichkeit, Kitsch und Kessheit. Die Texte sind bester Kästner, und Nick schreibt dazu eine minimalistische, eingängige, freche Musik in Weill-Nähe. (Ohne ganz Weills geniale Eingängigkeit und groteske Charakterisierungskunst zu erreichen, die man beispielsweise hören kann in dessen eigener Kästner-Vertonung ‚Der Abschiedsbrief’ von 1933.) Nicks Klangsprache ist weicher, einschmeichelnder, ohne die typischen Weillschen ironischen Brechungen. Aber eben doch augenzwinkernd genug, um Kästners Poesie ideal einzufangen.

Auf der vorliegenden CD singt Bariton Ulrich Schütte diese 1929er Lieder mit Gerold Huber am Klavier und trifft den Ton der Zeit – leider ganz und gar nicht. Das liegt nicht daran, dass er schlecht singen würde (im Gegenteil, er verfügt über eine sehr angenehme, warm timbrierte, ausgeglichene Stimme), aber sein Vortrag bleibt anonym, ihm fehlt völlig das Charaktervolle und Pathetische, auch Selbstironische, das große Sänger der Epoche auszeichnet, etwa Ernst Busch, Marlene Dietrich, Max Hansen usw. In Schüttes Wiedergabe der Songs vermisse ich alles Aggressive und Existenzialistische, ohne das man die Musik der Weimarer Epoche besser nicht aufführen sollte. Sein ‚Leben in dieser Zeit’ klingt wie ein netter ‚moderner’ Schubert-Abend: kultiviert und klinisch rein. Aber: Die Lieder von 1929 sind toll, jedes einzelne lohnt die Bekanntschaft, so dass es grundsätzlich begrüßenswert ist, dass jemand wie Schütte sie neu aufnimmt im Rahmen eines Lieder-Recitals und somit neu zur Diskussion stellt. (Letztlich wäre für diese Songs eine Stimme wie die von Dagmar Manzel, mit echter Berliner Schnauze, ideal, oder jemand wie Dominique Horwitz. Das hat nichts mit stimmlicher Qualität zu tun, sondern mit Charaktertypus.)

Der Hauptteil der CD besteht aus 13 Liedern, die Nick 1969 schrieb, basierend auf Gedichten, die sein guter Freund Kästner 14 Jahre zuvor für eine Zeitschrift im Auftrag verfasst hatte. Man könnte die ‚13 Monate’ als typische Fünfziger-Jahre-Lyrik beschreiben: nett, aber zahnlos. Was wiederum den 78-jährigen Nick inspirierte, eine wilde, überspätromantische Melange zu komponieren, bei der manches nach Wagners Wesendonck-Liedern (‚Sausendes, brausendes Rad der Zeit‘) klingt, manches nach Loewe-Balladen, manches nach Schubert/Schumann, mit einer eingestreuten Chopin-Polonaise zwischendurch. Zur Erinnerung: Nach seinen Anfangserfolgen in der Weimarer Republik avancierte Nicks Singspiel 'Das kleine Hofkonzert' zum großen Operettenerfolg der NS-Ära, ein Stück, in dem sich der Komponist bereits vollständig von Neuer Sachlichkeit, Kabarett und Weill-Nähe verabschiedet hat.

Die Uraufführung des vorliegenden Zyklus‘ fand am 1. Januar 1970 im Rahmen einer Fernsehsendung zum Geburtstag von Kästner statt, mit verschiedenen Interpreten (und Orchester). Ob er damals für die Zuschauer/Zuhörer irgendeinen Zeitbezug hatte, kann ich nicht beurteilen. Besondere Seventies-Anklänge sind nicht festzustellen. Und in der Interpretation von Ulrich Schütte klingt das Ganze vollkommen aus der Zeit gefallen. Wiederum wählt er einen kultivierten Schubert-Tonfall, der die Lieder altmodischer klingen lässt, als sie vielleicht ohnehin schon sind. Das gilt auch für den kultiviert gehaltenen Klavierpart. Er rauscht virtuos dahin, ohne Ecken und Kanten. Und bleibt kaum im Gedächtnis haften. Eine seltsame Hörerfahrung.

Nun sind die 'Vier letzten Lieder' von Strauss auch aus der Zeit gefallene Kompositionen und deswegen nicht weniger wundervoll. Nur gelingt es Nick – beurteilt auf Basis dieser Einspielung – nicht, solche zurückblickende, nostalgische Schönheit zu entfachen, solchen Klangzauber heraufzubeschwören, sondern er tobt sich in einem pseudo-klassischen Stil aus, der in keinerlei Zusammenhang zu Kästner steht. Als begnadeter Unterhaltungs-Komponist, mit jahrelanger Kabarett-Erfahrung, hatte ich von Nick eigentlich eine chansonhaftere, gewitztere Vertonung der Gedichte erwartet. Auch mehr von einem eigenen Tonfall, egal ob im Stil von 'Leben in dieser Zeit‘ oder vom 'Kleinen Hofkonzert‘.

Immerhin: die vorliegende CD stellt die Erstaufnahme des Zyklus’ 'Die 13 Monate‘ dar. Vielleicht wirken die Lieder ganz anders, wenn sich ein anderer Interpret mit deutlich anderem Interpretationsansatz an sie heran macht? Man darf weiterhin gespannt sein. Wer neugierig auf Raritäten ist und einen definitiv ungewöhnlichen Liederzyklus kennenlernen möchte, dem sei diese CD wärmstens empfohlen. Gesungen und gespielt wird auf hohem künstlerischem Niveau und mit exemplarischer Textverständlichkeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nick, Edmund: Lieder nach Erich Kästner

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
duo-phon classic
1
03.10.2009
Medium:
EAN:

CD
4012772063530


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duo-phon classic

Wenn der kubanische Gitarrist Joaquín Clerch seine Gitarre streichelt, schlägt und zupft, zaubert er konzertante Töne auf höchstem Niveau. Der u.a. am Salzburger Mozarteum ausgebildete, vielfach preisgekrönte Saiten-Virtuose gilt als führender Gitarrist seiner Generation. Mit den Brandenburger Symphonikern hat er sein lineares Solo-Gitarren-Spiel und seine melodische Klarheit in einen ausdrucksstarken neuartigen Klangkörper überführt. Das Ergebnis ist jetzt erstmalig und einmalig auf einem edel rot-golden gestalteten Doppel-CD-Album zu hören, das als erste Veröffentlichung des neuen Labels duo-phon classic erscheint. Darauf brilliert Joaquín Clerch mit eigenen Kompositionen und Interpretationen von Rodrígo, de Falla, Walton, Strawinsky als Weltstar unter Weltstars. Denn die ihn begleitenden Symphoniker des Theaters Brandenburg an der Havel haben seit ihrer Ernennung zum deutschen „Orchester des Jahres“ 2002 auf Tourneen nach Amerika, Japan, Südafrika und China internationale Meriten gesammelt.

duo-phon classic bietet dem Brandenburger Symphonie Orchester und seinen 53 Mitwirkenden unter Leitung von Michael Helmrath erstmals eine Plattform, seine außergewöhnlichen Crossover-Projekte mit internationalen Solisten auf Tonträger zu veröffentlichen. Was aufgrund des enormen technischen Aufwands live nur ein- bis zweimal im Jahr zu realisieren ist, wird mit Unterstützung des Landes und der Stadt Brandenburg und aus Mitteln der Europäischen Union jetzt auf duo-phon classic einem größeren Publikum zugänglich gemacht.

Dazu gehört auch die einzigartige Zusammenarbeit der Brandenburger Symphoniker mit dem indischen Violinisten Lakshminarayana Subramaniam. Der 61-jährige Komponist und Dirigent ist weltweit bekannt für seine zwischen der südindischen Traditionsmusik Raga und europäischer Klassik changierenden Werke. Er gilt sowohl als „der Paganini klassischer indischer Musik“ wie auch als „indischer Menuhin“. Als Filmkomponist wirkte er u.a. an Bollywood-Klassikern wie „Salaam Bombay“ und dem Welterfolg „Little Buddha“ mit. Auf der zweiten Doppel-CD von duo-phon classic bringt er seine „Freedom Symphonies“ und „Global Symphonies“ in ein spannendes Wechselspiel mit den Brandenburger Symphonikern.

Weitere Veröffentlichungen unter duo-phon classic:

Chormusik von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) „Loreley“, op. 98 (unvollendete Oper) & Die erste Walpurgisnacht, op. 60

Sinfonischer Chor der Singakademie Potsdam, Deutsches Filmorchester Babelsberg / Leitung: Thomas Henning

„Mord auf dem Säntis“ - Kammeroper von Noldi Adler und Friedrich Schenker - Libretto von Christoph Nix

Ein Auftragswerk des Theater Konstanz in Zusammenarbeit mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz und DRS2 Live-Mitschnitt im Rahmen des 23. Internationalen Bodenseefestivals 2011

duo-phon classic, viertes Sub-Label unter dem Dach des 1995 von Inhaber Alfred Wagner gegründeten duo-phon Labels mit seinen mittlerweile über 300 Veröffentlichungen!

Cantica – Musik der Ostkirchen, hat sich zum Ziel gesetzt, das nach Umfang und künstlerischem Gehalt reiche und zu großen Teilen noch nicht erschlossene Musikschaffen der orthodoxen Kirchen Osteuropas und des Nahen Ostens erschließen zu helfen. Die Edition umfasst Gesänge zu den wichtigsten orthodoxen Feiertagen, informiert über frühe Gesänge der nationalen Kirchen, zeigt die verschiedenen Stilrichtungen, macht bekannt mit den bedeutendsten Komponisten orthodoxer Musik (darunter die erste Gesamtausgabe der geistlichen Werke Rimski-Korsakows) und stellt einige der besten Chöre dieser Länder vor.

In der Edition Berliner Musenkinder werden seit dreizehn Jahren Schellack-Schätze digitalisiert für den Markt der Jetztzeit erschlossen, darunter bis dahin nicht mehr zugängliche Originale von Claire Waldoff, Otto Reutter oder Richard Tauber. Die Revitalisierung der Unterhaltungsklassiker von Weimarer Tagesschlagerkomponisten wie Mischa Spoliansky und Werner Richard Heymann durch duo-phon records hat zu einer Wiederentdeckung dieser und anderer in Vergessenheit geratenen Komponisten und Texter der leichten Muse geführt.

Ein Ohr am Puls der Zeit beweist duo-phon mit der ebenfalls fortlaufenden Edition Berliner Musenkinder Spezial, in der Chansonsänger von heute, die an die Traditionen der 20er und 30er Jahre anknüpfen und innovativ über sie hinausweisen, vorgestellt werden. Dazu gehören Künstler wie Judy Winter, die mit dem Musical „Marlene“ und der gleichnamigen CD für Furore sorgte und Travestiestar Georg Preuße alias „MARY“.

Erfolgreichstes Bindeglied zwischen historischen und heutigen Künstlern auf dem duo-phon Label sind die „Berlin Comedian Harmonists“, neu formiert nach dem Vorbild der ersten Boy Group der Weimarer Republik. Deren erste CD „Veronika, der Lenz ist da“ wurde über 40.000 Mal verkauft.

Seit vier Jahren existiert die dritte Reihe des duo-phon record Labels: Musenkinder Hörbuch. In diesem Segment werden aufwändige Hörspiele etwa zur Entstehungsgeschichte der „Dreigroschenoper“ produziert und wie auf der von Kabarettforscher Volker Kühn herausgegebenen, mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2007 ausgezeichneten Doppel-CD „Mit den Wölfen geheult-Von leichter Muse in schwerer Zeit“, auch kritische Hinterfragungen der „Bombenstimmung“ der 30er Jahre veröffentlicht.


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