> > > Prokofjew, Sergei: Klavierkonzerte Nr. 2 & 3
Sonntag, 16. Januar 2022

Prokofjew, Sergei - Klavierkonzerte Nr. 2 & 3

Gesteigerte Gegensätze


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Freddy Kempf erweist sich als formidabler Interpret von Prokofjews Zweiten und Drittem Klavierkonzert. Die Klaviersonate Nr. 2 könnte allerdings noch etwas stringenter und mutiger in der Darstellung sein.

Der englische Pianist Freddy Kempf konnte mit rund einem Dutzend Einspielungen für BIS unter Beweis stellen, dass er mühelose Bewältigung technischer Herausforderungen mit einem individuellen interpretatorischen Zugriff zu verbinden weiß. Das wurde nicht zuletzt in seiner Aufnahme der Sonaten Nr. 1,6 und 7 von Sergej Prokofjew deutlich. Freddy Kempf knüpfte 2010 daran an, erweiterte aber das Spektrum: Die Klaviersonate Nr. 2, die er sich diesmal aufs Notenpult legte, ist eingebettet zwischen die beiden Klavierkonzerte Nr. 2 und 3. Den Orchesterpart übernimmt das Philharmonische Orchester Bergen unter seinem Chefdirigenten Andrew Litton, ebenfalls einem Musiker mit besonderen Vorlieben und Kompetenzen im russischen Repertoire.

Doch am Anfang stutzt man, sowohl zu Beginn des Klavierkonzerts Nr. 2 g-Moll op. 16, als auch – und mehr noch – in der 'Andante'-Einleitung des häufig und gerne gespielten C-Dur-Konzerts op. 26. Denn was einem hier entgegenschallt, ist ein üppiger, romantischer, gerundeter Klang, der sich deutlich von dem schlanken, gläsernen, kühlen und beklemmend glatten Klang unterscheidet, den man von anderen Prokofjew-Einspielungen gewohnt ist. Doch zeigt sich im weiteren Verlauf, dass dieser eigentümlich sinnliche, geradezu spätromantisch üppige Orchesterklang keine stilistische Verirrung ist, sondern Kalkül: Er ist die Folge des Versuchs, die Kontraste gegensätzlicher Stimmungen über das gewohnte Maß hinaus zu steigern. So gewöhnungsbedürftig ein solcher Zugriff zuerst einmal auch sein mag – er wird von den Interpreten konsequent durchgeführt. Denn nicht nur der schwelgerische Orchesterklang vergrößert den Kontrast zur nachfolgenden stählernen Brillanz. Auch der Solist Freddy Kempf gibt den Einleitungen, vor allem der Kopfsatz-Einleitung des g-Moll-Konzerts, durch flexiblen Umgang mit dem Zeitmaß eine ‚romantische‘ Note und gleichzeitig eine Weite, die direkt mit der Solokadenz in diesem Satz korrespondiert, in der diese Eingangsthematik bis zu gewaltigen Dimensionen gesteigert wird.

Auch im Mittelsatz des Dritten Klavierkonzerts arbeitet Kempf die verschiedenen Charaktere der Variationen sehr prägnant heraus. Dieses Vermögen erweist sich als grundlegendes Gestaltungsmittel: Freddy Kempf, ein versierter Techniker, meistert die hoch virtuosen Partien mit Bravour, die monumentalen, gewaltigen mit der nötigen Klangwucht, die nach innen gewendeten mit einer Lyrik, die durchaus zwischen dem oben beschriebenen leidenschaftlichen Zugang und einem nüchternen, kühlen zu unterscheiden weiß. Vergleicht man aber die nadelfeinen, gestochen scharfen Kaskaden eines Byron Janis mit jenen von Freddy Kempf, so wirken letztere doch selten so beißend und messerscharf gesetzt.

Andrew Littons interpretatorisches Konzept erschöpft sich erfreulicherweise nicht allein darin, Gegensätze in Prokofjews Musik zu verstärken. Er zeigt sich auch hier wieder als ein sensibler Gestalter. Ihm und dem furios spielenden Philharmonischen Orchester Bergen sind zwar die fast brutalen Ausbrüche (etwa der Tutti-Einsatz nach der Solo-Kadenz im Kopfsatz des g-Moll-Konzerts) nicht fremd, doch kann er sich und die Musiker auch für differenzierte Zwischentöne begeistern. In manchen Momenten wirkt der Orchestersatz wie unter einem Vergrößerungsglas, so feinfühlig werden die Schichten – in Teilen des Zweiten Klavierkonzerts etwa elegische, fast statische Streicheraktionen, Wellenbewegungen in den Klarinetten und knorrig-bittere Melodieansätze in den Kontrabässen – gewichtet.

Auch wenn man sich an einen solchen Klang bei Prokofjew erst gewöhnen muss – der durchaus edle, leidenschaftliche Tonfall, den Litton und Kempf hier finden, und der von der Tontechnik schattierungsreich und mit dem nötigen Klangvolumen umgesetzt wird, erschließt nicht nur für sich genommen bislang selten vernommene Seiten der beiden Werke, sondern überzeugt als Teil eines schlüssigen interpretatorischen Konzeptes. Freddy Kempfs Darstellung der Klaviersonate Nr. 2 d-Moll op. 14 zeichnet die unterschiedlichen musikalischen Charaktere zwar konturenscharf, doch vermisst man ein wenig den Mut zu zugespitzter Modellierung musikalischer Zusammenhänge, die etwa einem Interpreten wie Bernd Glemser hervorragend gelingen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofjew, Sergei: Klavierkonzerte Nr. 2 & 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
20.01.2010
Medium:
EAN:

SACD
7318599918204


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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