> > > The Welte Mignon Mystery Vol. XV: Mahler, Reinecke & Grieg spielen eigene Werke
Sonntag, 27. September 2020

The Welte Mignon Mystery Vol. XV - Mahler, Reinecke & Grieg spielen eigene Werke

Historische Herausforderung


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tacet setzte die Serie der Welte-Mignon-Aufnahmen mit einer exzellenten Produktion mit Mahler, Reinecke und Grieg fort - eine Herausforderung für heutige Hörer. Und ein zauberhaftes Erlebnis.

Mit gewissem Neid blicken einige Vertreter Historischer Aufführungspraxis auf jene, die sich mit Tondokumenten jüngerer Komponisten beschäftigen. Geht man doch davon aus, dass sich darin die Intentionen der Komponisten direkt mitteilen – im Gegensatz zu den zahlreichen Schriftquellen vergangener Jahrhunderte, aus denen sich nur mühsam ein konsistentes Bild der Geschichte zusammenbasteln lässt. Anhand von historischen Tonaufzeichnungsverfahren bzw. Mitteln, um eine stattgehabte Aufführung mechanisch zu speichern (etwa das Welte-Mignon-Verfahren) lässt sich ein an den ‚harten Fakten‘ des historischen Klangs orientierter Blick bis weit ins 19. Jahrhundert zurückwenden, bis zu Carl Reinecke. 1905 nahm der steinalte Reinecke mithilfe der Welte-Mignon-Technik einige Stücke auf, deren Interpretation uns heute wie aus lang vergangenen Zeiten erscheint.

Im Rahmen der Reihe ‚The Welte Mignon Mystery‘ legt das audiophile Label Tacet nun den fünfzehnten Teil vor, Tonaufzeichnungen von Komponisten enthaltend, die eigene und fremde Werke interpretieren. Freilich sind die Aufnahmen von Reinecke, Gustav Mahler und Edvard Grieg schon mehrmals bei anderen Labels erschienen. Hier aber liegt ein in allen Belangen überzeugendes Produkt vor, angefangen von der versierten Betreuung durch einen Spezialisten des Welte-Mignon-Verfahrens über ein erstklassiges Instrument und eine exzellente Tonqualität bis hin zu einem informativen, glänzend formulierten Booklettext, der die Einspielungen der drei Komponisten treffend charakterisiert. Damit ist Tacet eine weitere grandiose Folge in seiner Welte-Mignon-Serie geglückt.

Gustav Mahler ist mit zwei Liedern vertreten (‘Ging heut‘ morgen übers Feld’ und ‘Ich ging durch einen grünen Wald’), freilich reduziert auf das Klavier, und zwei Sinfoniesätzen (Kopfsatz der Fünften Sinfonie und Finale der Vierten). Wunderschön biegsam zeichnet Mahler in seinen Liedern die Melodie nach, zum Teil beinahe losgelöst von der Begleitung. Gleiches gilt für die Sinfoniesätze, in denen Mahler die Hauptstimmen deutlich zu betonen sucht. Treffend wird im Booklet bemerkt, dass Mahler hier an die ‘Grenzen des am Klavier überhaupt Darstellbaren’ gerät: Die Reduktion des Orchestersatzes führt dazu, dass der Komponist bei expressiver Konturierung der Hauptstimmen so viel Begleitung (und das heißt hier auch: Stimmung) wie möglich in der linken Hand unterzubringen sucht; da rauscht und flirrt es, kaum ist diese Menge an Wechselfiguren und Gegenbewegungen zur Hauptstimme unterzubringen, manchmal geradezu überbordend an Ausdruckswillen. Sicherlich ist dies Dokument nicht geeignet, um "beweisen" zu können, wie Mahler den Kopfsatz seiner Fünften Sinfonie gespielt wissen wollte – die Reduktion aufs Klavier bringt einige Einschränkungen. Zweifelsohne lässt sich aber abschätzen, welche Ausdrucksqualitäten Mahler in diesem Sinfoniesatz kompositorisch wie interpretatorisch entfacht, und diese ließen sich aufs Orchester übertragen. Der freie Umgang mit punktierten Rhythmen, die weitgehende Unabhängigkeit von Melodie und Begleitung, die Mahler hier auf suggestive Weise vorführt, sind in den Einspielungen der Mahler-Bearbeitungen von Ignaz Friedmann (Menuett und ‚Glockenchor‘ aus der Dritten Sinfonie) freilich stark eingeschränkt, und damit die Interpretationshaltung der 1925 entstandenen Rollen dem heutigen Interpretationsideal viel näher als etwa Mahlers eigene.

Neben Edvard Griegs Einspielung eigener Stücke (‘Schmetterling’ und ‘Vöglein’ aus den Lyrischen Stücken op. 43 und ‘Norwegischer Brautzug im Vorüberziehen’ aus den 'Szenen aus dem Volksleben’ op. 19), in denen Griegs feinfühlige, fiebrige Nachzeichnung der unterschiedlichen Stimmungen einen Zugang zum Notentext freilegen, der nach heutigem Ermessen als wagemutig frei gelten darf, sind vor allem die Beiträge von Carl Reinecke von unschätzbarem Wert. Reinecke, seinerzeit hinsichtlich seiner Haltung als Interpret von Mozart und Beethoven, ebenso im Umfeld von Mendelssohn und Schumann als ‚Klassizist‘ bekannt, der eine vergleichsweise genaue Umsetzung des Notentextes (und der im Notentext greifbaren Ausdrucksqualitäten) favorisierte, erweist sich als zart die Stimmungen nachzeichnender Pianist. Wunderbar, wie er in Robert Schumanns ‘Warum?’ aus den ‘Fantasiestücken’ op. 12 musikalische Einheiten bildet, die er mit einer höchst effektvollen, (nach heutigen Maßstäben) unglaublich freien Phrasierung als Ausdrucksgesten dramaturgisch klar zu vermitteln versteht. Nicht weniger bezaubernd vor allem der langsame Satz aus Mozarts Klavierkonzert D-Dur (KV 537). Frei verzierend, mit Rubati die Melodie gegenüber der Begleitung kantabel versetzend gelingt Reinecke eine höchst spannende Lockerheit der musikalischen Diktion. Der von Tacet eingesetzte Steinway lässt die drei Komponisten wie aus der Zeit gefallene Zeitgenossen wirken, so präsent und filigran ist die Klanggestaltung, die höchsten Ansprüchen vollauf genügt. Wunderbar, wie weich etwa Mahlers und Reineckes Anschlag den Flügel das Singen lehrt. Vor allem deswegen lohnt es sich, diese Einspielung zu hören, auch wenn man die Aufnahmen der drei Komponisten schon von anderen Produktionen kennt: Der Klang spricht für sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Welte Mignon Mystery Vol. XV: Mahler, Reinecke & Grieg spielen eigene Werke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
15.03.2010
Medium:
EAN:

CD
4009850017905


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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