> > > Beethoven, Ludwig van: Streichquartette op. 130, 131, 133 & 135
Donnerstag, 21. März 2019

Beethoven, Ludwig van - Streichquartette op. 130, 131, 133 & 135

Beethoven in anderen Sphären


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Auryn-Quartett legt den letzten Teil seines Beethoven-Zyklus' vor und beschert damit neue Höreindrücke.

Das Auryn-Quartett schließt seinen Beethoven-Zyklus ab und legt eine letzte quasi doppelte Einspielung vor: Auf der DVD finden sich die ‚gewöhnlichen‘ Interpretationen und anschließend eine Fassung im ‚Moving Real Surround Sound‘. Wer möchte, kann einen ganzen Nachmittag damit verbringen, beide Versionen nacheinander durchzuhören und sich dabei auf manche Überraschung gefasst machen.

Klang in Bewegung

‚Moving Sound‘ ist hier nämlich durchaus wörtlich zu nehmen. Ein gut ausgestattetes Lautsprechersystem vorausgesetzt, wandern die Musiker um den Hörer herum: Mal kommt ein Geigenmotiv von links, während sich die Beantwortung im Cello von rechts hinten nähert und dann wieder zurückzieht. Allein der Effekt dieser technischen Wundertüte sorgt schon dafür, dass man die Quartette auf eine Weise hört wie nie zuvor. Musikalisch sinnvoll ist das zudem sehr oft, denn die kontrapunktische Gestaltung in Beethovens Quartetten Op. 131, 130, 133 und 135 bietet eine ideale Grundlage, um das Geflecht der Stimmen durch den Eindruck von Räumlichkeit zu entwirren. Die erreichte plastische Darstellung spricht für sich.

Allerdings gibt es zusätzlich dazu noch einige Knalleffekte, die so manches Mal höchst fragwürdig erscheinen. Der gewöhnlichste davon ist noch der Nachhall: Hier wird mit dem Raumgefühl gespielt, indem das Aufnahmestudio für einige Sekunden kurzzeitig zur Kathedrale aufgebläht wird. Das ist im ersten Satz von Op. 131 noch sehr spannend, wenn die getragenen kontrapunktischen Linien des Themas bei ihrer Wiederholung an majestätischer Wirkung gewinnen. In den meisten langsamen Sätzen hingegen wirkt dieser Effekt eher kitschig: Beethoven kommt wieder einmal auf den Sockel, indem seine Musik fast schon ins Sakrale gesteigert wird. Es gibt verhältnismäßig wenige solcher Stellen, doch was sich da musikalisch abspielt, ist nicht mehr wichtig, denn die Konturen fließen rücksichtslos ineinander über. Ein radikales Beispiel dafür bietet die 'Große Fuge': Dort werden an einer Stelle mehrere Tonarten über mehrere ausgeschriebene Generalpausen hinweg zu einem massigen Brei vermischt. Andererseits merkt man, dass dahinter Kalkül dahinter steckt: Die Stärke des Nachhalls ist immer abgestuft, nie zufällig. Man muss sich damit anfreunden, was einige Zeit dauern kann.

Gleiches gilt für das Echo und weitere Spezialeffekte, die auch einem Science-Fiction-Film entnommen sein könnten. Beispielhaft für den Einsatz dieser Mittel ist der erste Satz von op. 130: So wie er ist, mit zischenden Geigen und zerhackten Klängen, kann man ihn lieben, ein sehr interessantes Experiment nennen oder abtun. Der Gipfel der Künstlichkeit steckt allerdings in op. 135: Hier kann man sich des Gedankens an Raumschiffe und Laserstrahlen kaum noch erwehren, und im ‚schwer gefassten Entschluss‘ gesellt sich gar noch ein U-Boot dazu.

Für den klassischen Hörer ist dieses Experiment keinesfalls leicht. Nach dem Dafürhalten des Rezensenten ist der Versuch im Großen und Ganzen gelungen; er ist aufregend, setzt allerdings zu sehr auf Äußerlichkeiten. Stellenweise ist die Musik mehr aufgeputscht denn neu beleuchtet und die (ebenfalls zahlreichen) gelungenen Passagen können nicht ganz darüber hinwegtäuschen. Gerade der 'Presto'-Satz des cis-Moll-Quartetts ist für den genannten Kritikpunkt symptomatisch, denn der schnelle Wechsel der Spielerpositionen verwirrt hier das Ohr und sorgt am ehesten noch für ein Schwindelgefühl.

Der Kern

Dabei wurde noch nichts zur Interpretation selbst gesagt, die doch das Grundgerüst für beide Versionen bildet. Hierzu ist zu sagen, dass sich die Einspielung zweifelsohne lohnt, wenn man die ‚Moving Sound‘-Fassung links liegen lässt und nur die Normalversion hört. Die Quartette sind durchweg energisch interpretiert, und das große Plus ist, dass das Auryn-Quartett niemals träge spielt. Die Spieler musizieren in hervorragender Abstimmung miteinander und verstehen es, den Werken einen tief empfundenen emotionalen Gestus zu verleihen. Unter dem energischen Impetus hingegen leidet manchmal der Klang und gerade im höchsten Register der Geige kommt es in den langsamen Sätzen zu leicht unpräziser Intonation. Das ist allerdings nur ein kleiner Wermutstropfen. Das Booklet ist zudem verständig und fachkundig geschrieben. Ganz wichtig außerdem: Das technische Verfahren der Klangbearbeitung wird auf den begrenzten Seiten recht ausführlich erläutert, und man kann anhand der Beispiele die Klangkonfigurationen einzelner Sätzen gut nachvollziehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Streichquartette op. 130, 131, 133 & 135

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
20.01.2010
EAN:

4009850013037


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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