> > > Haydn, Joseph: Streichquartette op. 20 Nr. 1 - 6
Dienstag, 26. Januar 2021

Haydn, Joseph - Streichquartette op. 20 Nr. 1 - 6

Sonnenaufgang einer Gattung


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein wohltuender Sonnenaufgang gegenwärtiger Haydn-Interpretation. Auch diese Folge des Auryn'schen Haydn-Zyklus' weiß vollauf zu überzeugen.

„Sonnenaufgang einer Gattung“, so beschreibt Thomas Seedorf, Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, Joseph Haydns Opus 20 in seinem inhaltsreichen Begleittext zu der in diesem Jahr vom Label Tacet herausgebrachten Einspielung mit dem Auryn-Quartett. Treffender könnte man die gattungsgeschichtliche Bedeutung der Quartettserie wohl kaum zur Sprache bringen. Die „Sonnenquartette“, die ihren Namen aufgrund des Titelblatts tragen, das der Verleger Johann Julius Hummel mit einer aufgehenden Sonne verzierte, bilden einen Höhepunkt und zugleich vorläufigen Endpunkt der Gattung. Nach ihrer Vollendung schwieg Haydn in diesem Genre ganze zehn Jahre, um dann 1781 mit seinem epochalen Opus 33 das Paradigma dessen zu schaffen, was in der Musik- und Gattungsgeschichte bis heute unter dem Begriff des „Klassischen“ firmiert.

Im Gegensatz zu den „Russischen Quartetten“ bildet die Werkgruppe op. 20 so etwas wie ein kompositorisches Experimentfeld, das nicht mehr viel mit der Divertimentopflege älterer Provenienz gemein hat. Auch wenn Haydn die Quartette im Titel mit dem Begriff „Divertimento“ belegt, so zeigt sich doch im (differenziellen) Rückblick auf die vorherigen Gattungsbeiträge Opus 1, 2, 9 und 17, dass die Rubrik im Falle der „Sonnenquartette“ ausgedient hat und nur noch das „Relikt einer älteren Bezeichnungspraxis, eine morsch gewordene Wort-Hülse“ (Seedorf, S. 7) bildet.

Ihre Nobilitierung verdankt das noch relativ junge Genre Haydns Motivation, mit dem Streichquartett die Sphäre des bloß Unterhaltenden zu überwinden. Ein Kennzeichen dieser Neuorientierung bildet (u. a.) das deutliche Bestreben zur Individualisierung des Einzelwerks, die nicht nur durch die Wahl der (Moll-)Tonarten, die „Weitung des Affektrahmens“ (ebda.), sondern auch aufgrund der Integration aufwendiger kontrapunktischer Verfahren angezeigt wird. Letzteres spiegeln vor allem die Finalsätze des C-Dur, A-Dur und f-Moll-Quartetts wider.

Das Auryn-Quartett hat sich das Mammutprojekt zur Aufgabe gemacht, alle Streichquartette Haydns einzuspielen. Hier bekundet sich eine deutliche Tendenz zur enzyklopädischen Aufführung, wie es das Quartett bereits mit Aufnahmen und Konzertaufführungen der gesamten Streichquartette von Beethoven, Brahms, Schumann, Mendelssohn und Schönberg gezeigt hat.

Haydns Kammermusikerbe findet mit dem Auryn-Quartett einen wichtigen Sachverwalter. Ihre Auseinandersetzung mit Opus 20, das darf an dieser Stelle vorweggenommen werden, steigert das Interesse an dem Rest der insgesamt auf 14 Folgen berechneten Gesamtaufnahme. Es bleibt abzuwarten, ob das Quartett das hohe Niveau, wie es die vorliegende Aufnahme wiederspiegelt, auch in den nachfolgenden Produktionen halten kann. Im Falle der Serien op. 33, 50 und 76 kann sich der Quartettfreund bereits selbst informieren – sie liegen vollständig bei Tacet vor.

Es muss schlichtweg verblüffen, wie souverän die Auryner etwa mit dem bekannten 'Capriccio‘ des C-Dur-Quartetts umgehen. Diesem höchst affektiven, an eine instrumentalisierte Opernszene erinnernden 'Adagio' begegnen sie mit einer unglaublichen Differenziertheit an dynamischen Abstufungen. Die amorph anmutenden Instrumentalrezitative des Satzes werden homogen in den Gesamtverlauf dieser „kompositorische[n] Laune“ (Seedorf, S. 8) integriert. Das muss man vom Auryn-Klangköper gehört haben, um die Besonderheit dieses höchst experimentellen Satzes in Gänze zu erfahren. (Gleiches gilt übrigens auch für die Pendantstellen im langsamen Satz des wunderschönen f-Moll-Quartetts sowie für den solistischen Instrumentalgesang des 'Adagios' im A-Dur-Quartett.)

Auch den Fugen, deren kontrapunktische Faktur Haydn auf singuläre Weise mit dem kadenz-metrischen Satz der „Wiener Klassik“ verschmelzt, müssen hier hervorgehoben werden. Das Auryn-Quartett versteht es, die Vermittlung von gelehrtem und galantem Stil, von Tradition und Innovation aufregend zu gestalten. Wiederum im C-Dur-Quartett wird die 'Fuga a quattro sogetti‘ zunächst beiläufig, ohne großes Aufheben eingeführt, um dann in einem dynamischen und kontrapunktisch sukzessiv verdichtenden Steigerungsbogen kurz vor Ende des Stücks seinen eigentlichen Höhepunkt zu finden. Einzig der Kopfsatz des f-Moll-Quartetts wird vielleicht etwas zu lethargisch und kontemplativ interpretiert – hier überwiegt ein allzu gewollter Moll-Ton, der dem 'Moderato‘ nicht unbedingt gut tut.

Fazit: Haydns Phantasiereichtum und Experimentierfreude der „Sonnenquartette“, die seitens der damals zeitgenössischen Kommentatoren nicht unkritisiert blieben, wird durch die interpretatorische Ausdrucksstärke, Durchsichtigkeit und Vielseitigkeit des Auryn-Quartetts spannend realisiert. Ein wohltuender Sonnenaufgang gegenwärtiger Haydn-Interpretation!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kai  Schabram Kritik von Kai Schabram,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Streichquartette op. 20 Nr. 1 - 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
2
21.01.2010
Medium:
EAN:

CD
4009850018704


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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