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Freitag, 7. August 2020

Chopin Frédéric - 24 Préludes op. 28; Ballade op. 23; Ballde op. 52

Strömen und Stauen


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sheila Arnolds Auseinandersetzung mit Chopins Klaviermusik auf einem historischen Flügel weiß über weite Strecken zu überzeugen. Allein bei den Balladen fehlt es an Zusammenhang und rhetorischer Kraft.

Jahrelang schien die künstlerische Auseinandersetzung mit der Klaviermusik des 19. Jahrhunderts auf historischen Instrumenten durch eine unsichtbare Mauer getrennt: Beethoven und Schubert waren jenseits der Grenze, jüngere Komponisten diesseits – und blieben daher ausgespart. An Schumann, Chopin, Liszt oder Brahms wagte sich lange Zeit kein berufener Spezialist für historische Tasteninstrumente. Erst in jüngster Zeit, mit besonderer Schubkraft im letzten Jahr, schwappte eine Welle von (angeblich) historisch informierten Klaviereinspielungen über den Tonträgermarkt. Vor allem im Vorlauf der diesjährigen Chopin- und Schumann-Jubiläen konnte der Interessierte einige sehr spannende Einspielungen entdecken. Die Auseinandersetzung insbesondere mit Chopins Klaviermusik unter Verwendung eines historischen Instrumentariums wurde vor allem durch zwei tolle Einspielungen von Arthur Schoonderwoerd ins öffentliche Bewusstsein gerückt; mittlerweile hat das Warschauer Chopin-Institut eine eigene Reihe auf den Weg gebracht, die sämtliche Klavierwerke Chopins auf Klavieren des 19. Jahrhunderts präsentiert.

Nun legt das Label CAvi-music mit einer Aufnahme von Chopins Préludes op. 28 und zwei Balladen mit Sheila Arnold nach. Die in Deutschland aufgewachsene und von hervorragenden Klavierpädagogen ausgebildete gebürtige Inderin Sheila Arnold verwendet bei dieser vom WDR produzierten Einspielung einen Érard-Hammerflügel (1839) aus dem Bestand des WDR. Im Gegensatz zu den von Chopin in Paris benutzten (und bisher stets bei historisch informierten Chopin-Aufnahmen zum Einsatz gekommenen) Pleyel-Flügeln zeichnet sich dieses Instrument durch einen direkteren, obertonreichen Klang aus. Wirken auf einem Pleyel selbst die dichten, kraftvollen Akkorde der g-Moll-Ballade op. 23 rund und klangvoll, so kommen sie auf dem Érard knackiger, bissiger, auch ein bisschen kantiger daher.

Mag sein, dass Sheila Arnold deswegen in diesem Stück ein auffallend langsames Tempo anschlägt, um die lyrischen Anteile mit subtilem Anschlag in weiche Klänge zu betten. Allein: Das langsame Tempo, mehr noch aber die hohe Flexibilität in der Zeitgestaltung steht einer geschlossenen, stringenten Lesart der g-Moll-Ballade im Wege. Das rhetorische Moment, der Zusammenhang von Phrasen zu geschlossenen Abschnitten, wird seiner bezwingenden Wucht beraubt, wenn die langen Phrasierungsbögen von Chopin in kurze, expressiv zugespitzte Ausbrüche aufgespalten werden. Im Gegensatz zu (den historischen Hinweisen über) Chopins Klavierspiel belebt Sheila Arnold ihr Klavierspiel weniger durch minutiöse Nachzeichnung der melodischen Spannungsbögen bei stetem Grundpuls, was zu leichten rhythmischen Schwebungen innerhalb von einzelnen Takten führt, mithin auch zu einer Desynchronisation der beiden Hände. Sie wendet vielmehr jene Rubato-Techniken an, wie sie für das Spiel im frühen 21. Jahrhundert typisch sind: Formabschnitte gliedernde Tempodifferenzierungen und die Zusammenführung beider Hände, wodurch die Begleitung sich den Spannungswellen der Melodie anschließt. Die Folge ist ein ständiges Strömen von Motiven und Melodien, die aber im nächsten Moment gleich wieder gestaut, mehr oder weniger abrupt zum Stillstand gebracht werden.

Freilich vermag auch solches – alles andere als historisch orientierte – Klavierspiel zu faszinieren. Vor allem, wenn die interpretatorischen Entscheidungen anscheinend aufgrund der Klangmöglichkeiten des Instruments gefällt werden, wie etwa vor allem in den 24 Préludes op. 28 der Fall. In den beiden Balladen aber weist Sheila Arnolds Spiel einige Charakteristiken auf, die eher an eine Übertragung eines Zugangs vom modernen Konzertflügel auf das historische Klavier schließen lassen. Deutlich wird das etwa in den zahlreichen Zäsuren, die jene Winzigkeit zu lange dauern, so dass die Spannung in sich zusammensinkt; auf dem modernen Flügel würde der längere Nachklang hier vermutlich für Kontinuität einstehen.

Wenn auch die Balladen op. 23 und 52, mit denen Sheila Arnold das Préludes-Programm einrahmt, nicht vollauf zu überzeugen vermögen, so darf das Zentrum der Einspielung, Chopins op. 28, als eine in ihrer pianistischen Ausformung der Ausdrucksqualitäten wunderbar stimmige Interpretation gelten. Mit technischer Expertise (etwa G-Dur-Prélude), feinsinniger Anschlagskultur(z.B. ‚Regentropfen-Prélude) und einem untrüglichen Sinn für die stark kontrastierenden Stimmungsmomente von Chopins 24 Préludes gelingt Sheila Arnold ein buntes Kaleidoskop an musikalischen Charakterdarstellungen. In diesen Stücken scheint der interpretatorische Zugriff – mehr als bei den Balladen – an den Klangmöglichkeiten des historischen Instruments orientiert, vor allem in Bezug auf die Gewichtung des Klaviersatzes: die lockeren, aber wunderbar klaren, präzisen Bässe bilden ein prägnantes Fundament, ohne je allzu füllig zu wirken. So gelingt es Sheila Arnold in einigen Préludes wunderbar, die polyphone Anlage von Chopins Klaviersatz transparent und klangschön aufzufächern.

Dass sich die zarten Farben des grundlegend eher hell timbrierten Instruments direkt mitteilen, liegt auch an der meisterlichen Klangtechnik, die den Hörer nahe an den historischen Flügel heranrückt, aber dennoch einen räumliche Klang abbildet, so dass auch die dynamischen Gegensätze und subtilen Schattierungen in Sheila Arnolds Spiel optimal deutlich werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Chopin Frédéric: 24 Préludes op. 28; Ballade op. 23; Ballde op. 52

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
02.08.2010
67:42
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4260085531837
8553183


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"„Unter den Klavierwerken Frédéric Chopins gehören für mich die beiden Balladen op. 23 und op. 52 sowie die 24 Préludes op. 28 zum Stärksten, was er für Klavier Solo hinterlassen hat. Die Reihenfolge der Stücke ergab sich aus dem unmittelbaren Erleben der Werke: Die g-Moll Ballade ist im wahrsten Sinne des Wortes erzählend. Wortgewandt, rhetorisch, assoziativ. Das Geschehen endet aber in Chaos und Katastrophe. Eine Woge des vermeintlichen Glücks folgt mit dem Beginn der Préludes op. 28, die aber mit den Totenglocken des zweiten Prélude unmittelbar versiegt. Im Folgenden durchlaufen wir Höhenflüge und Abgründe menschlichen Daseins. Das Ende des d-Moll Prélude: drei erschütternde Schläge nach einem letzten Absturz. Wieder: Zerstörung, Tod. Dann die Ballade op. 52. Eine Erinnerung aus der Ferne, tröstlich. Sozusagen „nicht ganz von dieser Welt“. Natürlich auch aufgewühlt, aber eigentlich - abgeklärt!“ © Sheila Arnold Dank der Kooperation des WDR Köln schafften wir es, den meisterlich gepflegten Érard-Flügel aus der WDR-Sammlung für diese Aufnahme frei zu bekommen. Das Baujahr ist fast identisch mit dem Entstehungsjahr des Hauptwerkes, den 24 Préludes op. 28. Auch dieses Album wird dazu beitragen, die Kompositionskunst Chopins in neuem Licht zu lesen, durch den packenden Zugriff der aus Indien gebürtig stammenden deutschen Pianistin, die sich intensiv mit dem historischen Instrumentarium in spieltechnischer Weise auseinandersetzt und vor allem daher klanglich andere, völlig neue Dimensionen erforscht. "


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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