> > > sonic.art Saxophonquartett spielen: Werke von Ligeti, Katzer, Lévy u.a
Freitag, 29. Mai 2020

sonic.art Saxophonquartett spielen - Werke von Ligeti, Katzer, Lévy u.a

Packendes Debüt


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das sonic.art Saxophonquartett liefert mit seiner Debüt-CD eine spannende Bestandsaufnahme zeitgenössischen Komponierens.

Historisch betrachtet ist das Saxophonquartett eine relativ junge Besetzung, die jedoch seit gut zwei Jahrzehnten einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Ensembles wie XASAX, das Stockholmer Saxophonquartett, das Raschèr Saxophon Quartett oder das Lost Cloud Quartet haben mit ihrem Können wesentlich dazu beigetragen, dass sich renommierte Komponisten mit der Besetzung befassen und das neue Repertoire kontinuierlich immer weiter wächst. Hiervon profitieren vor allem neue Ensembles wie das sonic.art Saxophonquartett: Die jungen Musikerinnen und Musiker – Ruth Velten (Sopransaxophon), Alexander Doroshkevich (Altsaxophon), Martin Posegga (Tenorsaxophon), Annegret Schmiedl (Baritonsaxophon) –, Gewinner des Deutschen Musikpreises 2008, haben sich für ihre bei Genuin erschienene Debüt-CD sechs Kompositionen sehr unterschiedlicher ästhetischer Herkunft ausgewählt. Mit ihnen demonstrieren sie, welch großer Abwechslungs- und Ausdrucksreichtum in der Besetzung verborgen ist.

Den Anfang macht das einzige nicht originale Werk dieser Einspielung: eine Bearbeitung von György Ligetis '6 Bagatellen' für Bläserquintett (1953), die – vom Komponisten autorisiert – Guillaume Bourgogne 1997 für Saxophonquartett anfertigte. Diese Wahl gibt den Musikern Gelegenheit, die ganze Vielfalt an Facetten aufzudecken, die ihrer Besetzung innewohnt. Dabei ist es durchaus von Vorteil, dass in der Bearbeitung die in der Originalbesetzung hörbare Differenz der Instrumente durch Anpassung an den klanglich homogeneren Saxophonsatz zwar nicht ganz aufgehoben, aber dennoch stark reduziert ist, wodurch der Ensembleklang in seiner Gesamtheit im Mittelpunkt steht. Ihn setzen die Musiker wie eine großen Orgel ein: Die einzelnen Stücke werden unterschiedlich 'registriert', aber doch immer wieder an den einheitlichen Klang zurück gebunden. So entsteht eine sehr einnehmende Darstellung, die Momente von großer Zartheit (in Nr. III) ebenso kennt wie rhythmische Präzision und Virtuosität (in Nr. IV und VI) oder den mit deklamatorischem Pathos oder aufschreiartigen Ausbrüchen verbundenen Lamento-Tonfall (in Nr. II und Nr. V).

Was hier anklingt, wird in den übrigen Kompositionen auf ganz unterschiedliche Weise aufgegriffen. So steht Erkki-Sven Tüürs 'Lamento' (1994) ganz unter dem Leitgedanken der Klage, die allmählich aus den ineinander fließenden, fast eisig wirkenden Klängen des Beginns herauswächst, dann zu Repetitionsimpulsen findet, die sich zu größeren Intervallen auswachsen, um schließlich zu rhythmisch homophonen Abläufen zu finden. Fabien Lévys 'Durch' (1998) hingegen tritt sofort als in sich bewegtes Gebilde in den Hörraum: ein Gebilde, das immer – geprägt von der genauen Umsetzung repetitiver Vorgänge und rhythmischer Verschiebungen – in Bewegung bleibt und auf unterschiedlichen Ebenen Differenzierung erfährt. Härtere Klangnuancen treten in Georg Katzers Komposition 'Wie ein Hauch … doch manchmal' (1993) an den Tag, die den Interpreten in Bezug auf Koordination und Zusammenspiel viel abverlangt. Und auch in Olga Neuwirths 'Ondate' (1997) arbeitet das Ensemble mit unterschiedlichen Rauigkeitswerten und folgt aufmerksam den Spannungsbögen der Musik, die, von unterschiedlichen Registerlagen und zunächst stehenden Klängen ausgehend, sich zu wellenartigen Ereignisabfolgen von unterschiedlicher Dichte entwickelt.

Den vielleicht größte Gegensatz zur Ligeti-Bearbeitung stellt die am Ende der CD platzierte Komposition 'XAS' (1987) von Iannis Xenakis dar, auch wenn beiden Werken der Versuch gemeinsam ist, das Ensemble wie ein Instrument wirken zu lassen. Bei Xenakis wird dies jedoch in klangliche Extrembereiche getrieben, ohne den Zuhörer zu schonen. Hier wie in den übrigen Stücen überzeugt das Quartett durch eine außergewöhnliche Qualität des Zusammenspiels, was sich vielleicht auch aus den Umstand erklärt, dass das sonic.art Saxophonquartett immer wieder Unterricht bei Streichquartett-erfahrenen Lehrern genossen hat. Solche Details sind aus einem Interview zu entnehmen, das im Booklet abgedruckt ist. Der hinzugefügte Text zu den einzelnen Kompositionen ist hingegen eher dürftig, und insgesamt hätte man sich hier eine bessere Lösung wünschen können. Allerdings ändert dies nichts daran, dass es sich bei dieser Veröffentlichung um eine sehr spannende Bestandsaufnahme zeitgenössischen Komponierens für Saxophonquartett handelt – und um eine ganz ausgezeichnete Debüt-CD ohnehin.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    sonic.art Saxophonquartett spielen: Werke von Ligeti, Katzer, Lévy u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
20.01.2010
Medium:
EAN:

CD
4260036251647


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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