> > > Ablinger, Peter: Voices and Piano
Freitag, 1. Juli 2022

Ablinger, Peter - Voices and Piano

Das Prinzip Redundanz


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nicolas Hodges spielt Peter Ablingers 'Voices and Piano' und regt dabei zum Nachdenken über Musik und Sprache an.

'Die Musik analysiert die Wirklichkeit.' Dieser Satz aus dem Werkkommentar des Komponisten Peter Ablinger formuliert gleichsam die Essenz dessen, was die unter dem Titel 'Voices and Piano' versammelten Stücke ausmacht. Es handelt sich um eine Reihe von Kompositionen für Klavier und Lautsprecher, an welcher der Komponist seit 1998 kontuierlich arbeitet und die letzten Endes etwa 80 Einzelstücke umfassen soll, aus denen der Interpret zum Zweck der Aufführung eine Auswahl treffen muss. Allen gemeinsam ist die Idee einer Abbildung von Sprache auf die Möglichkeiten des Klaviers, basierend auf Sprachäußerungen (etwa Lesungen, Vorträge, Reden oder Interviews) von zumeist bekannten Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik, die in Form historischer Tondokumente unterschiedlichster Beschaffenheit und Länge zugespielt wird. Nun ist das Klavier ein denkbar plumpes Medium zur Abbildung der Feinheiten von Sprache, da sich dieses Anliegen mit der dynamisch und intonatorisch flexibler gestaltbaren Tonerzeugung von Blas- und Streichinstrumenten ungleich besser realisieren ließe. Gerade darin aber liegt die Besonderheit und Stärke von Ablingers Ansatz.

Abstraktion

Weil sich das Tasteninstrument aufgrund seiner temperierten Tonhöhenfixierung gegen eine nuancierte Übertragung des Sprechtonfalls sperrt, lässt sich die Übertragung der Stimmen in einen Notentext als Akt der Abstraktion begreifbar. Ausgehend von einem Computerraster bestimmt der Komponist via Spektralanalyse den Grad der Annäherung an die jeweilige Sprachdiktion, definiert so einerseits das Ähnlichkeitsverhältnis zwischen Zuspielung und Klavierausarbeitung, ermöglicht aber andererseits auch die Ableitung von musikalischen Kennzeichen, die für das jeweilige Stück – gleichsam als motivische Konstanten – charakteristisch sind. Frappierend ist, wie nah der Komponist dabei dem Tonfall der jeweiligen Personen kommt: Idiom, Kennzeichen des Sprechtonfalls oder besondere Artikulationsgewohnheiten fließen in den Klaviersatz ein und bestimmen die musikalische Umsetzung. Wie unterschiedlich die Ergebnisse jeweils sind, machen etwa die stockende, von Pausen durchzogene Transkription von Bertolt Brechts mit der englischen Sprache kämpfendem Monolog, das poetische Deklamieren im singenden Tonfall Guillaume Apollinaires die österreichische Färbung in der Sprache Heimito von Doderers oder Jean-Paul Sartres auf Klarheit und argumentative Dichte bedachtes Sprechen deutlich.

Mitunter wirkt der Klavierpart gegenüber den Zuspielungen vereinfachend, bildet nur noch die klangliche Oberfläche der Sprache ab, weil die genaue Diktion sich in ihrer Differenziertheit nicht mehr auf das Instrument übertragen lässt; in anderen Fällen finden jedoch auch akustische Informationen jenseits der Sprache – etwa gelegentliches Husten – Eingang in den Klaviersatz. Am spannendsten ist das Ergebnis aber dort, wo die Transformation der Sprache über die zugespielten Vorlagen hinaus zu eigenen Ausdrucksqualitäten findet, etwa im Falle von 'Agnes Gonxha Bojaxiu (Mutter Theresa)', wo die Stimme erst kurz vor Ende des Stücks einsetzt und wie eine Konkretisierung der Klavierklänge wirkt, in 'Orson Welles', wo umgekehrt die Sprache zunächst mit nur wenigen Tönen sparsam umschrieben wird und das Klavier erst allmählich zu einer genaueren Diktion findet, in 'Mao Tse-Tung', wo aus der Rede immer wieder unerwartete Melodietöne ausbrechen, oder bei 'Morton Feldman', dessen Vortrag gelegentlich gefilterte Klangqualitäten seiner eigenen Musik zu beschwören scheint. Und gerade in solchen Momenten nähern sich Ablingers Stücke zumindest für kurze Momente den subjektiven Ausdruckswelten der Gattung Klavierlied an.

Redundanz

Das ändert jedoch nichts daran, dass die Inhalte des Vorgetragenen im Grunde gleichgültig sind: Die Worte werden selbst dort zur Nebensache, wo wir in der Lage sind, den Sprechenden zu verstehen, der Informationsgehalt erstreckt sich nicht mehr auf semantische, sondern auf sekundäre Eigenschaften der Rede, denn hier geht es lediglich um das äußere Abbild, die Außenhaut und klangliche Erscheinungsweise von Sprache. Ablingers Arbeitsweise zielt daher auch auf die Differenz zwischen vokalem und instrumentalem Klang, der sich gerade aus der Überblendung von Zuspielung und pianistischer Relektüre ergibt. Es herrscht das Prinzip der Redundanz durch Verdopplung, das zur Überlagerung zweier Arten von akustischer Information führt. Zugleich behalten Musik und Sprache aber auch den ihnen jeweils eigentümlichen Charakter, existieren unabhängig nebeneinander, obwohl sie letzten Endes nicht ohne einander auskommen können.

Einen wichtigen Gedanken hierzu äußert der Pianist Nicolas Hodges, für den die Stücke entstanden sind, in dem ausgezeichneten Booklet-Text, den er zu dieser Kairos-Produktion verfasst hat. Denn hier wird deutlich, welchen Problemen sich der Musiker gegenübersieht, der die Rede durch seine instrumentalen Fähigkeiten duplizieren soll, wie er sich mit der spezifischen Aufgabenstellung dieser Kompositionen auseinandersetzt. Er habe sich häufig gefragt, so Hodges, wo eigentlich die Musik in dieser Situation bleibe, an welchem Ort sie entstehe. Die Erkenntnis aus der intensiven Beschäftigung mit Ablingers Stücken ist auch für den Hörer bedeutsam: 'Sie [die Musik] ist eindeutig nicht im Klavierteil alleine, aber auch nicht in der aufgenommenen Stimme. Sie liegt in der Beziehung zwischen beiden Teilen, ihrem Kontrapuntk […].'

Hodges und der Ort dazwischen

Dieses in jedem der insgesamt neunzehn eingespielten Stücke anders ausformulierte Dazwischen markiert genau den Ort, an dem die Musik entspringt: einen Ort, den Hodges mit seinem Spiel unnachahmlich ertastet und ausleuchtet, obgleich ihm Ablingers Notat lediglich die Tonhöhen- und Zeitstrukturen, nicht aber die Modi zur dynamischen oder artikulatorischen Gestaltung vorgibt. So realisiert er die Stücke manchmal mit klanglicher Härte (in 'Bertolt Brecht'), manchmal mit Zärtlichkeit (in 'Morton Feldman'), schreibt ihnen mit geschmeidig tupfendem Spiel sehr poetische Momente ein (in 'Hanna Schygulla' und 'Guillaume Apolinaire'), lässt von Zeit zu Zeit aber auch einen seltsam drängenden Zug von Widerspenstigkeit (beispielsweise in 'Gertrude Stein', 'Jean-Paul Sartre') oder ostinater Unnachgiebigkeit (in 'Bonnie Barnett' und 'Pier Paolo Passolini') hören. Die Ergebnisse dieser pianistischen 'tour de force' sind verblüffend und faszinieren durch ihre differenzierte Wiedergabe, geraten dabei gelegentlich sogar auf seltsame Weise verstörend. Und das ist gut so: Denn auf diese Weise regen sie dazu an, über das Wesen von Sprache und Musik, über ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachzudenken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ablinger, Peter: Voices and Piano

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
1
26.02.2010
075:50
2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010281655
KAI 0013082


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