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Mittwoch, 29. Januar 2020

Schönberg, Arnold - Sämtliche Klavierwerke

Luft vom anderen Planeten


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eduard Steuermann interpretiert Schönbergs Klaviermusik aus dem Geist der Romantik, verbunden mit struktureller Klarheit. Wunderbar, dass diese Aufnahmen nun wieder verfügbar sind, und zudem auch der Arrangeur und Komponist Steuermann vorgestellt wird.

Für Kenner der neuen Musik ist er ein Begriff: Der Komponist und Pianist Eduard Steuermann war nicht nur ein überragender Pianist, der von Ferruccio Busoni seinen letzten Schliff erhielt, sondern auch Kompositionsschüler von Arnold Schönberg und maßgeblicher Pianist in dessen Verein für musikalische Privataufführungen. Er war befreundet mit dem Geiger Rudolf Kolisch und mit Theodor W. Adorno, der auch sein Klavierschüler wurde. Er gehört zu den künstlerischen Persönlichkeiten, die während der dunklen Jahre der Naziherrschaft emigrieren mussten und nach 1945 dann auch in den USA blieben, wo er ab 1951 eine Professur für Klavier an der Juillard-School inne hatte.

Wie stark und überzeugend Eduards Steuermanns Interpretation der Schönbergschen Werke über die Zeit hinaus geblieben ist, zeigt die vorliegende CD, die endlich seine Gesamtaufnahme der Werke für Klavier solo von Arnold Schönberg aus dem Jahre 1957 wieder verfügbar macht. Die unmittelbare Wirkung ist erstaunlich. Aufnahmetechnisch aufs Sorgfältigste konserviert erstehen die einzelnen Komposition transparent und subtil in einer spannenden Frische. Jedes einzelne Werk wird unter den Händen Steuermann in seinem tiefsten Wesen erfasst. Die Interpretationen leben, sie atmen den Geist klassisch-romantischer Musik, gleichzeitig verbunden mit einem glasklaren Sinn für das Moderne, das Neuartige dieser Musik. Man höre sich nur einmal die Interpretation der einzelnen Miniaturen aus 'Sechs kleine Klavierstücke' op. 19 an. Gerade durch die Anbindung an die Vergangenheit entsteht eine im besten Sinne ‚unerhörte‘ Gegenwärtigkeit. Mit einem noch unmittelbar selbst erfahrenen Wissen um Klavierklang und Klaviertechnik der Romantik, die Eduard Steuermann noch von Busoni persönlich erlernt hat, reifte hier eine Wiedergabe, die das eigenartig Konträre der Schönbergschen Musik wissend und einfühlsam werden lässt.

Damit gewinnen die empfindungsreichen Stücke die Bedeutung eines dokumentarischen Kunstgenusses, der weit über den dokumentarischen Wert hinausgeht. Interessant auch die klanglichen Nuancen, die Steuermann in der Suite op. 25 findet. Mit welcher Empfindsamkeit zeichnet Steuermann hier die Einsätze und differenziert die dynamischen Kontraste! Im Verhältnis zu dieser Aufnahme werden andere Gesamtaufnahmen, etwa die des französischen Pianisten Claude Helffer, fast zu Makulatur; andererseits ist erstaunlich, wie weit sich die Aufnahme von Mauricio Pollini aus dem Jahre 1975 bis hin zur Konzeption der Tempi der Herangehensweise von Eduard Steuermann nähert.

Auf der zweiten CD kommt eine zweite, wichtige Seite der Instrumentalisten und Komponisten des Schönbergkreises zum Tragen, nämlich das fleißige Transkribieren, Arrangieren von Werken anderer Komponisten; eine Tätigkeit, die im Schönbergkreis als Kunst galt und dem Komponieren fast gleichgesetzt wurde. Man hört mit hohem Genuss und geistigem Gewinn Bearbeitungen für drei Klaviere der 'Toccata' von Francis Poulenc, des 'Wohin' aus 'Die Schöne Müllerin' von Franz Schubert sowie zwei Werke von Johann Strauß für zwei Klaviere, geschmackvoll interpretiert von Erika Haase, Carmen Piazzini sowie Ulrike Morrgart-Pick, die wie aus einem Guss musizieren – kontrastreich, virtuos, aber ohne eitle Selbstdarstellung.

Das kompositorische Werk von Eduard Steuermann ist so unbekannt, dass der Begriff ‚Schattendasein‘ ein Euphemismus ist. Die Gründe hierfür sind vielfältig, aber signifikant für eine Generation von Komponisten, die emigrieren mussten und nach 1945 nicht mehr so recht Fuß fassen konnten. Umso dankbarer ist man für die Einspielung von Steuermanns letztem Werk für Klavier solo. Seine Suite wurde zwischen 1949 und 1951 komponiert. Thomas Hell gelingt es überzeugend, die intensiv-berührende musikalische Sprache sorgfältig zum Klingen zu bringen. Schön, dass nun Eduard Steuermanns Einspielung des Klavierwerkes, seine Suite für Klavier sowie einige seiner Bearbeitungen fremder Werke wieder zugänglich sind. Ein kenntnisreiches Beiheft rundet diese mehr als empfehlenswerte Doppel-CD ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schönberg, Arnold: Sämtliche Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
2
16.12.2009
Medium:
EAN:

CD
4009850018605


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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