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Mittwoch, 21. August 2019

Hagels, Bert - Konzerte in Leipzig 1779/80-1847/48. Eine Statistik

Konzerte in Leipzig 1779-1848


Label/Verlag: Ries & Erler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bert Hagels Aufstellung Leipziger Konzerte gibt nicht nur Einblicke in die Vielzahl von Werken heute kaum bekannter Komponisten, sondern auch in die Diversität der damaligen Konzertprogramme.

In der Literaturwissenschaft wird seit 30 Jahren leidenschaftlich darüber diskutiert, wie und warum manche Autoren als übermenschliche Genies vergöttert werden, während andere Schriftsteller aus dem öffentlichen Bewusstsein einfach verschwinden. Letzteren haftet oft der Makel an, ihre Texte seien von minderer literarischer Qualität, dabei wurden sie zumeist von ihren Zeitgenossen ebenso – wenn nicht sogar mehr– gefeiert als die späteren Helden. Man denke zum Beispiel an Friedrich Gottlieb Kloppstocks bahnbrechenden ‚Messias‘, der durch Goethes ‚Werther‘ weitestgehend aus der gegenwärtigen Rezeption verdrängt wurde.

Ähnliche Entwicklungen gibt es vielfach auch in der Musikgeschichte zu beobachten: zum Beispiel dass Innovatoren wie die Stamitz-Familie durch den Kult um Mozart und Haydn fast vergessen wurde. Ihnen fehlt angeblich das ‚Genie‘, welches besonders gerne im 19. Jahrhundert als Zeichen großer und wahrer Kunst beschworen wurde. Angeregt durch Diskussionen in der Literaturwissenschaft und die englischsprachige Musikwissenschaft beginnt man sich nun auch hier zu Lande endlich zu fragen, ob die in Stein gemeißelt scheinenden Urteile über viele ‚Kleinmeister‘ gerechtfertigt sind. Die Anstrengungen der Alte-Musik- Bewegung seien hier ebenso genannt wie der Paradigmenwechsel in der Musikwissenschaft. Musikalische Kanonbildung zu untersuchen gehört zu den spannendsten Gebieten, die die Musikgeschichte zu bieten hat.

Auch Bert Hagels Buch ‚Konzerte in Leipzig 1779- 1848‘ beschäftigt sich mit der Frage, wie das Konzertleben wurde, was es heute vielerorts ist. Am Beispiel der gut dokumentierten Verhältnisse in Leipzig zeichnet er detailliert die Entwicklungen verschiedener Musikveranstaltungsformen nach. Er verfolgt dabei, wie sich aus eher losen Zusammenkünften und ungezwungenen Versammlungen die in ihren Ritualen festen Formen des Konzertbetriebs bildeten. Hagels Buch fußt auf einer Dissertation, die er im Sommer 2009 in Münster eingereicht hat. Entsprechend ausführlich sind seine Darlegungen zur Materialauswahl und seine Definition von ‚Konzert‘, das ihm als Auslesekriterium dient. Die Stadt Leipzig ist dabei ein Glücksfall für die Forschung, da sie als vitale Bürgerstadt mit lebhaftem Handel, der Messe, einem aufblühenden Musikverlagswesen und regem Kulturleben die verschiedenen Strömungen der Zeiten gut abbildet. Ferner blieb sie von den Verheerungen der Napoleonischen Kriege weitestgehend verschont, weshalb es nicht zu einem solchen drastischen Rückgang des Musiklebens kam, wie beispielsweise in London oder Berlin.

Auf der dem Buch beigelegten CD sind sämtliche Konzertveranstaltungen der Stadt auf 1203 pdf-Seiten minutiös verzeichnet, so dass man sowohl alle aufgeführten Werke als auch ihre Interpreten nachlesen kann. Dabei fällt zum Beispiel auf, wie häufig Werke von Graun, Vanhal oder Hasse erklangen. Auch Werke von J. G. Naumann erfreuten sich großer Beliebtheit beim Leipziger Publikum. In den späten 1780er Jahren durfte scheinbar kein Konzert ohne Aufführung von Kompositionen von Haydn veranstaltet werden. Am 12. Mai 1789 trat Mozart im Saal des Gewandhauses auf und leitete zwei Klavierkonzerte, zwei Sinfonien, eine Klavierfantasie sowie zwei ‚Gesangsszenen‘. In den 1790er Jahren liest man dann den Namen Naumann seltener, wohingegen immer häufiger Werke von Pleyel aufgeführt werden. Auch Dittersdorf und Kozeluch scheinen Publikumslieblinge gewesen zu sein.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden sich viele Konzerte mit Werken von Cherubini, in den 1820er Jahren tritt der Name Rossini langsam in den Vordergrund. Zudem verbleiben die Werke Haydns und Mozarts in den Programmen, die mit zeitgenössischen Kompositionen kombiniert werden. Wie auch die Forschungen William Webers zum Musikleben in London zeigen, waren die Programme, trotz allen Kults um die Wiener Klassik, von damals aktuellen Werken durchsetzt. Am 10. Januar 1833 eröffnete zum Beispiel das Konzert mit der Uraufführung von Wagners C-Dur-Sinfonie, auf die ein Klavierkonzert des Klaviervirtuosen J. P. Pixis (mit Clara Wieck am Flügel) sowie ein Gesangsterzett von Mozart und eine Ouvertüre von Beethoven folgen (letztere beiden Kompositionen gehören interessanterweise nicht zu den typischen ‚Krachern‘ der zwei Komponisten, sondern stellen eher Gelegenheitswerke dar!). Das Wirken Mendelssohns als Direktor des Gewandhauses schlägt sich unter anderem in der Aufführung Händelscher Oratorien wieder, von denen alleine 'Das Alexanderfest' in Reichardts Bearbeitung bis dahin Gehör gefunden hatte.

Man kann durch die Programmgestaltung der einzelnen Konzerte sehr gut die Präferenzen des jeweiligen Publikums erkennen, mussten sich doch die Konzertveranstalter damals noch um die zahlenden Kunden sehr viel mehr bemühen als die staatlich finanzierten Sinfonieorchester der Gegenwart. Für den heutigen Konzertgänger verwirrend dürfte die Reihung unterschiedlicher Genres sein. Statt der heute vielfach üblichen Abfolge Ouvertüre- Solokonzert-(Pause)-Sinfonie gibt es bis 1848 eine bunte Mischung aus kammermusikalischen, vokalen bzw. vokalsolistischen und instrumentalen Darbietungen.

All diese Tendenzen sind der Musikforschung allgemein bekannt, doch kann nun anhand der genauen Auflistung eine sehr viel präzisere Analyse des Leipziger Konzertlebens versucht werden. Das Buch bildet ein breit gefächertes Abbild des Leipziger Konzertlebens, das sich sowohl mit den führenden Musiker-Persönlichkeiten der Zeit, den Impresarios, dem Publikum sowie dem Selbstverständnis der Musiker beschäftigt. So beschreibt Hagels schlüssig, wie sich die Musiker des Gewandhauses ab 1800 als eine normgebende Institution des Musiklebens fühlten. 1803 reichten sogar vier Musiker eine Petition ein, nach der sie sich verpflichten wollten, nur noch Kompositionen von ‚wahren großen Compositeurs‘ zu spielen. Ferner kann man über die Konkurrenz zwischen Gewandhaus und dem Theater sowie derjenigen zwischen den verschiedenen größeren und kleineren Ensembles und den Liebhaberorchestern der Stadt lesen.

Das Buch ist sehr informativ geschrieben und zeichnet sich durch wissenschaftliche Gründlichkeit aus. Der Text hätte vielleicht durch beigefügte statistische Diagramme über aufgeführte Komponisten, Genres und Werke noch an Anschaulichkeit gewonnen. Das Buch wendet sich eher an ein Fachpublikum, eröffnet aber auch dem vorgebildeten Laien einen Einblick in die Entwicklung des Konzertlebens der Stadt Leipzig sowie in den Ablauf kulturgeschichtlicher Prozesse.


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Ries & Erler
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Ries & Erler

Am 1.Juli 1881 gründete der Violinvirtuose, Komponist und Königl. Sächs. Hofmusikalienhändler Franz RIES mit dem Verleger Hermann ERLER in Berlin den Musikverlag RIES & ERLER. Franz Ries, der als Sohn des Berliner Konzertmeisters Hubert Ries und als Neffe des Beethovenschülers und -freundes Ferdinand Ries aus einer Musikerfamilie kam, steuerte als Komponist auch eigene Werke wie "Perpetuum mobile" und später "La Capricciosa" bei, die heute noch beliebte Vortragsstücke für Violine sind. Durch Ankauf der Verlage M.Schloß, Köln, Voigt, Kassel, E.F. Hientzsch, Breslau und im weiteren Verlauf die Übernahme von R.Sulzer und Jatho, Berlin wurde das Verlagsprogramm wesentlich erweitert.

Nach dem Tode Hermann Erlers führte Franz Ries den Verlag allein weiter.

Der Schwerpunkt der gegenwärtigen Verlagsproduktion ist die Herausgabe zeitgenössischer Ernster Musik.

Von Fleschs Skalensystem für Violine (1987 von Max Rostal neu herausgegeben und erweitert) wurden die Ausgaben für die gesamte Streicherfamilie (Va - Vc - Kb) veröffentlicht. Besonders erfolgreich sind auch die kürzlich editierten Unterrichtswerke für Violine von Zakhar Bron und Ramin Entezami sowie Lieteratur für Kinder und Jugendkonzerte für Sinfonieorchester.

Seit 1997 liegt ein weiterer Schwerpunkt des Verlagsprogramms in der Herausgabe und Auswertung von Stummfilm-Musiken (original und neukomponiert), wie u.a. der Original-Filmmusik zum Fritz Lang-Stummfilm Metropolis (UNESCO Weltkulturerbe) von Gottfried Huppertz.

Seit 2002 ist bei Ries & Erler die von Bert Hagels herausgegebene Edition "Sinfonik des 19.Jahrhunderts" sehr erfolgreich. (Die CDs - produziert auf Grundlage dieser Edition - erscheinen überwiegend beim renommierten Label CPO)

Der Verlag Ries & Erler wird auch in Zukunft ein möglichst breitgefächertes Verlagsprogramm anbieten und damit traditionsbewußt sein, aber auch Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber dokumentieren.


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