> > > Monteverdi, Claudio: L´ Orfeo
Samstag, 28. Mai 2022

Monteverdi, Claudio - L´ Orfeo

Spannende Zeitreise zurück zum Scheideweg


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der ORF macht einen Mitschnitt von Monteverdis 'Orfeo' in der Einrichtung von Paul Hindemith aus dem Jahr 1954 wieder zugänglich. Die Aufführung ist ein wichtiger Meilenstein der Interpretationsgeschichte.

Wir schreiben das Jahr 1954. Wiener Festwochen. Aus dem vornehmlich mit zeitgenössischer Musik gestalteten Programm sticht ein Werk hervor: Der 'L‘Orfeo' von Claudio Monteverdi, uraufgeführt 1607 am Hofe von Mantua, eingerichtet vom berühmten Komponisten und Interpreten Paul Hindemith. Legt man die erste der zwei CDs in den Player ein, so ist zunächst die Stimme Hindemiths zu hören. Er wendet sich in einer Ansprache an das Publikum und erklärt, dass diese Aufführung die erste sei, die sich ausschließlich auf die Originalpartitur Monteverdis beziehe und dies nicht allein in Form der Partitur, sondern auch in Hinblick auf das eingesetzte Instrumentarium. Im Programmheft wie im zugehörigen Booklet der Einspielung sind denn auch die verwendeten Instrumente aufgeführt sowie die Namen der mitwirkenden Musiker. Unter ihnen Nikolaus Harnoncourt, damals noch Mitglied der Wiener Symphoniker und später einer der herausragendsten Pioniere der sogenannten Historischen Aufführungspraxis für Alte Musik.

Paul Hindemith, der in dem 'L‘Orfeo'-Projekt als Dirigent in Erscheinung tritt, hatte sich zu dieser Zeit bereits über viele Jahre hinweg intensiv mit Monteverdis berühmter Oper und der Musik des Frühbarock im Allgemeinen auseinandergesetzt. Ihn leitete seine Faszination für die Klangsprache jener vergangenen Epoche und die tiefe Überzeugung, dass ihr auch in seiner Zeit ein prominenter Platz gebühren würde.

Die Interpretation sogenannter Alter Musik auf originalen oder den Originalen nachempfundenen Instrumenten war zu dieser Zeit durchaus noch eine Sensation und wohl für weite Teile des Publikums eine neue Hörerfahrung. Hindemith versäumt es denn auch nicht, im Rahmen seiner Ansprache auch den Klang einzelner Instrumente vorzustellen. Heute fest im weiten Spektrum unserer Hörgewohnheiten etabliert, waren damals solche Aufführungen mit dem Öffnen einer Tür in ein kostbares, bislang verschlossenes Zimmer zu vergleichen.

Diesen wahrhaft historischen Moment der ersten Aufführung der von Hindemith eingerichteten Originalfassung des 'L’Orfeo' hat der ORF mitgeschnitten und in einer limitierten Edition veröffentlicht. Eine große Tat, werden wir doch Zeugen von den Anfängen jener klangästhetischen Revolution, die späterhin so weitreichende Veränderungen innerhalb des gesamten Bereiches der Klassischen Musik nach sich zog.

Freilich, die Einspielung hat nichts von der Radikalität des 'L’Orfeo', den Harnoncourt Jahre später in Zürich vorstellte. Der Klang der Wiener Singakademie etwa ist noch klar in der romantischen Tradition verankert und führt uns deutlich vor Augen, welch langer Weg bis hin zur heute umgesetzten Klangästhetik im Jahre 1954 noch bevor stand.

Auch das Solistenensemble bei Hindemith ist kaum mit den später zu hörenden Spezialisten für Alte Musik zu vergleichen. Die Stimmgebung sämtlicher Interpreten lässt noch stark an die Operngesangstraditionen ab Mitte des 19. Jahrhunderts denken: große Stimme, reichlich Vibrato, viel Dramatik, insgesamt druckreicher. Dennoch, dem Ensemble gelingt eine intensive, in jedem Fall glaubwürdige und sensible Darbietung. Allen voran Gino Sinimberghi, der mit seinem Orfeo für große, eindrückliche Momente sorgt. Die instrumentale Einrichtung und Interpretation ist durchaus schon ein Bruch mit bis dato vertretenen Auffassungen, jedoch auch hier nur schwer vergleichbar mit der heutigen Praxis, die insgesamt durchsichtiger, filigraner, ausdifferenzierter geworden ist.

Bei all dem bleibt aber festzuhalten, dass die Einspielung nicht allein nur ein geschichtsträchtiges Zeugnis von den Anfängen einer neuen musikästhetischen Auffassung Alter Musik, die schrittweise einen klanglich üppigen romantischen Interpretationsstils von Ballast befreite, sondern vor allem eine überzeugende, hinreißende Einspielung des die Jahrhunderte zu Recht überdauernden Werkes von Monteverdi.

Hervorzuheben ist an dieser Stelle auch die Ausstattung der CD-Edition. Beginnend mit der kurzen Ansprache Hindemiths, die der Operneinspielung vorangestellt ist, über die Hinterlegung des Originaldrucks der Partitur des 'L’Orfeo', des Programmheftes zur Aufführung sowie des Librettos in verschiedenen Sprachen – jeweils als pdf-Dateien – bis hin zu einem kurzweiligen Booklet wird die Begeisterung der Macher für dieses CD-Projekt deutlich, genauso wie das Anliegen, hier die große Bedeutung dieser Liveaufnahme als Markstein in der neueren Musikgeschichte herauszustellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dirk Weber Kritik von Dirk Weber,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: L´ Orfeo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
2
15.12.2009
Medium:
EAN:

CD
9004629314631


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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