> > > Dvorak, Antonin: Sinfonie Nr. 9 e - Moll ´Aus der neuen Welt´
Freitag, 7. August 2020

Dvorak, Antonin - Sinfonie Nr. 9 e - Moll ´Aus der neuen Welt´

Dvorak und Prokofjew werden zum Ohrenschmaus


Label/Verlag: Animato
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der mitreißend intensiven Einspielung das Landesjugendorchesters Baden-Württemberg unter Christoph Wynekens werden die beiden Sinofnien ausdrucksstark musiziert.

An eine großstädtische Kulisse erinnert das Titelbild auf der CD des Landesjugendorchesters Baden-Württemberg mit Werken von Dvorak und Prokofjew. Eine verschwommene Szene, vielleicht Hochhäuser, eine Begegnung von zwei Menschen. Die Neunte Sinfonie 'Aus der neuen Welt' von Antonin Dvorak bildet die eine Säule der Aufnahme, die andere die suitenartig zusammengestellte Ballettmusik zu 'Romeo und Julia' von Sergej Prokofjew.

Unweigerlich hat die Zusammenstellung den Autor an die 'West Side Story' Bernsteins erinnert, in der das Romeo-und-Julia-Sujet in die erbarmungslos pulsierende Großstadtwelt New Yorks verlegt wurde. Diese Assoziation mag subjektiv sein, eröffnet jedoch den vorgestellten Werken einen Raum, sich inhaltlich zu verbinden. Dabei ist die Neunte Sinfonie 'Aus der neuen Welt' von Dvorak durchaus nicht als programmatische Huldigung Amerikas zu verstehen, sondern verdankt ihren Namen wohl eher den spontanen Grußworten, die der Komponist als Untertitel der Partitur beigab. Die Musik selbst enthält nur wenig Anklang an amerikanisches Lokalkolorit und stellt diesem Themen gegenüber, die deutlich an die Folklore aus Dvoraks böhmischer Heimat erinnern. Der Komponist wehrte sich gegen die Spekulation, er habe genuin indianische Musik in seiner Sinfonie verwendet; das sei Unsinn, er habe lediglich im Geiste dieser amerikanischen Lieder komponiert. Dvorak war einer der Komponisten, die als Vorbild bei der Schaffung einer Nationalmusik für sein Land galten. Deshalb wohl holte man ihn nach Amerika. Welchen besseren Lehrer hätte es geben können? Sein dreijähriger Amerika-Aufenthalt steht am Anfang einer Entwicklung zu typisch amerikanischer Musik, die lange Zeit später unter anderem von Copland, Bernstein, Ives und anderen ihre vollendete Gestalt fand.

Zu Prokofjews 'Romeo und Julia' gibt es kaum mehr zu sagen, als dass das Ballett schlichtweg ein Schlüsselwerk der Moderne ist, Grenzen bis hin zur Atonalität auslotet, mit komplexesten rhythmischen Strukturen experimentiert und dabei eine überwältigende Energie und Kraft transportiert. Insofern kann das Ballett als Ausdruck einer neuen, pulsierenden, machtvollen Zeit verstanden werden, die einen gewaltigen Sog entwickelt, der im nicht aufzulösenden Kontrast zur intimen Innerlichkeit der individuellen, leisen, zwischenmenschlichen Liebe steht.

Beide Werke, die Sinfonie Dvoraks und das Ballett Prokofjews, sind wie geschaffen dafür, die ganze Bandbreite der Qualität eines großen Sinfonieorchesters zu zeigen, bieten sie doch für alle Instrumentengruppen anspruchsvollste Partien, sowohl in technischer wie interpretatorischer Hinsicht. Beide Werke gehören zudem zu den festen Bestandteilen des sinfonischen Repertoires und sind in zahllosen Einspielungen immer wieder beleuchtet worden. Alle namhaften Orchester der Spitzenklasse haben sich etwa der Dvorak-Sinfonie mindestens einmal im Rahmen einer Aufnahme angenommen, das Who-is-who der Dirigenten hat unzählige Deutung vorgestellt. Wagt man nun eine Neueinspielung dieser Werke, so muss man sich fraglos an diesen Vorbildern und Referenzen messen lassen. Eine hohe Messlatte gilt es da zu überwinden.

Bedenkt man dies, ist die vorliegende Aufnahme des Landesjugendorchesters Baden-Württemberg umso erfreulicher, als sie diesem Anspruch in jeder Form gerecht wird. Das ungemein hohe technische Niveau der in dem Orchester versammelten Jugendlichen macht staunen und lässt keinen Zweifel daran, dass der Nachwuchs für die nationalen und internationalen Spitzenorchester gesichert scheint. Musikalisch-interpretatorisch weiß das Ensemble unter Leitung des großartigen Dirigenten Christoph Wyneken auf ganzer Linie zu überzeugen. Mit großer Sensibilität für die mitunter sehr stark kontrastierenden Stimmungen, den leisen lyrischen Passagen wie den vorwärtsdrängenden, leidenschaftlich dramatischen Sätzen und Satzteilen gelingt Wyneken mit seinen Musikern in beiden Werken der große, konsequent gehaltene Spannungsbogen. In keiner Minute wirkt die Interpretation beiläufig oder unpräzise, im Gegenteil, sie ist filigran ausgearbeitet. Ein wichtige Komponente kommt noch hinzu, welche die Aufnahme zu einem rundum gelungenen Projekt werden lässt: die spürbare Begeisterung und Leidenschaftlichkeit der jungen Musiker. Sie überträgt sich intensiv, was sicher auch durch die Tatsache befördert wird, dass es sich um eine Liveaufnahme handelt. Man kann förmlich sehen, mit welcher Energie und welcher Verve die Jugendlichen diese Stücke musizieren und wünschte sich, bei den beiden Konzerten in 2008 dabei gewesen zu sein.

Eine Einspielung, die ihre großen Konkurrenten nicht zu scheuen braucht und Lust auf weitere Einspielungen dieses großartigen Klangkörpers und des Dirigenten Christoph Wyneken macht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dirk Weber Kritik von Dirk Weber,


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    Dvorak, Antonin: Sinfonie Nr. 9 e - Moll ´Aus der neuen Welt´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Animato
1
11.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4012116611434


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