> > > Hummel, Johann Nepomuk: Klaviersonaten op. 13 Nr. 6 & op. 20
Samstag, 25. Juni 2022

Hummel, Johann Nepomuk - Klaviersonaten op. 13 Nr. 6 & op. 20

Historisch informierter Klangteppich


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neue Hummel-Einspielung von Susan Alexander-Max versammelt zwei große Sonaten des Klaviervirtuosen auf einer CD in gelungener Interpretation. Leider stolpert man immer wieder über störende Nebengeräusche des Hammerklaviers.

Die Szene um die historisch informierte Aufführungspraxis hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder neu perfektioniert und ist aus dem heutigen Musikleben gar nicht mehr weg zu denken. Wurde der Musikliebhaber früher bei historisch informierten Aufnahmen teilweise sogar über einen der Schallplatte beigelegten Zettel darüber informiert, dass die Aufnahme durch Verwendung von historischen Instrumenten in authentischer Besetzung eher ungewohnter als bislang klingt, so gehören solche Aufnahmen heute ebenso zum Standard, wie die besagten Zettel der Vergangenheit angehören. Besonders herausragenden Interpreten gelingt es immer wieder, durch eine spektakuläre, neue Werkansicht und schier nie gehörte Klangfarben zu überraschen. Denn wenn nicht nur die Wahl des Instrumentes, sondern auch das Spiel des Interpreten historisch informiert ist, können atemberaubende neue Aufnahmen entstehen. So finden wir uns heute in einer Zeit wieder, in der es schon fast zum guten Ton gehört, zu erklären, warum man für die Aufnahme eines alten Werks modernes Instrumentarium auswählt, welches dem Komponisten zu seiner Zeit gar nicht zur Verfügung stehen konnte.

Die Pianistin Susan Alexander-Max wählt als Hammerklavier-Expertin für ihre neue Hummel-Einspielung ein restauriertes Fortepiano aus der Wiener Werkstatt von Joseph Brodmann, Baujahr 1814. Die Begründung der Instrumentenwahl liegt auf der Hand: das Baujahr des Instruments fällt in die Wiener Jahre von Johann Nepomuk Hummel, der seinen Zeitgenossen vor allem als großer Klaviervirtuose bekannt war. So ist es äußerst wahrscheinlich, dass Hummel mit diesen Instrumenten wohl vertraut war und sie vielleicht sogar selbst gespielt hat. Die Sonaten waren jedoch bereits ein paar Jahre früher entstanden, als er zwischen 1804 und 1811 die Leitung der Esterházischen Kapelle als Nachfolger Haydns innehatte. Das 'Larghetto’ aus dem Stück 'La contemplazione‘ entstand wesentlich später, um 1825; zu dieser Zeit war Hummel bereits über ein halbes Jahrzehnt Kapellmeister in Weimar. Obwohl sich von der ruhigen Stimmung des 'Larghetto’ ein wohltuender Kontrast vor allem zu den schnelleren Sonatensätzen bildet, bleibt das Gesamtbild dennoch rund, denn die Stücke sind ähnlichen Charakters.

So ergibt sich auf dieser CD nicht der übliche Bruch, wenn man Hummels Frühwerke mit seinen Spätwerken verbindet. Die Zusammenstellung der hier versammelten Werke ist eine ebenso runde Sache wie die vorgelegte Interpretation: Das Spiel von Susan Alexander-Max ist der Musik Hummels durchaus gewachsen. Sie überzeugt nicht nur in den virtuosen Passagen der Sonaten, durch die Hummel sein Können selbst gerne darstellte, sondern kann auch in den langsameren Sätzen den Spannungsbogen aufrechterhalten. Die Klangmöglichkeiten, die das Instrument bietet, ermöglichen es ihr, vor allem jene Sätze noch abwechslungsreicher zu gestalten und mit überraschenden Klangfarben aufzuwarten; rettet den Hörer an einigen langatmigeren Stellen davor, die Konzentration schleifen zu lassen.

Doch genau hier werden die Schwächen des Instruments hörbar: der eigentliche Klang des Hammerklaviers ist zwar hell, jedoch nicht immer klar. Der Einsatz von verschiedenen Klangregistern über die entsprechenden Pedale – das Fortepiano bietet una corda-, Fagott-, Moderator- und das Fortepedal – passt gut in den musikalischen Gesamteindruck und wird zu keiner Zeit als bloße Effekthascherei eingesetzt. Solche Passagen sind dann vor allem von ihrer Klangfarbe her interessant, aber die Mechanik des Instruments verursacht stellenweise ebenso viele störende Nebengeräusche wie Musik. Im ersten Satz der f-Moll-Sonate, in dem die Pianistin zu Beginn der Expositions-Wiederholung die Klangfarbe zwischenzeitig wechselt, hat man stellenweise den Eindruck, man lausche einer schlechten MP3. Oder man vermutet, das Hammerklavier stünde – ähnlich dem Filzteppich, der sich bei Verwendung des Moderatorpedals zwischen Saiten und Hämmer schiebt – hinter einem dicken Vorhang, der sich als störende Klangwolke gleichsam zwischen Instrument und Hörer zieht. Zunächst will man noch die Fehler beim Grammy-Prämierten Tonmeister Phil Rowlands suchen, doch es scheint sich hauptsächlich um das Instrument oder zu handeln. Die Nebengeräusche sind mechanisch bedingt; und das Ergebnis klingt nicht zufriedenstellend. Auch in den Forte-Passagen klingt das Instrument sehr rustikal, und manchmal hat man sogar den Eindruck, die Aufnahme würde übersteuern – oder liegt das an der Anschlagstechnik? Offensichtlich handelt es sich um Einschränkungen des Instruments. Das ist sehr schade, denn besonders den Stellen, an denen die Pianistin völlig aus sich herausgeht, wird hierdurch der Höhepunktcharakter genommen.

Susan Alexander-Max hat bereits in der Vergangenheit unter anderem mit Clementi- und Hummel-Einspielungen auf sich aufmerksam gemacht. Noch mehr Hummel-CDs von ihr wären wünschenswert. Nicht nur weil sie mit dieser Interpretation erneut beweist, wie spannend diese Musik sein kann; sondern auch um der Musik Johann Nepomuk Hummels zu noch mehr Bekanntheit zu verhelfen. Beim nächsten Mal jedoch dann bitte so, dass man es sich auch mit Genuss anhören kann. Hier nämlich geht die Liebe zur historisch informierten Interpretation zu weit, der Klang wird nicht nur authentischer, sondern auch schlechter. Ansonsten sollte man den Käufer der CD über eine Beilage wie früher darauf hinweisen, dass auf dem Tonträger ungewohnte Klänge enthalten sind und vielleicht dadurch versuchen, Klangeinbußen als Merkmal einer besonders authentischen Aufnahme auszuzeichnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hummel, Johann Nepomuk: Klaviersonaten op. 13 Nr. 6 & op. 20

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
20.11.2009
Medium:
EAN:

CD
095115076521


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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