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Donnerstag, 21. Januar 2021

Raff, Joachim - Opernouvertüren & Vorspiele

Gelungene Symbiose


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Neues vom rastlosen Romantiker Raff: Tra Nguyen brilliert in der Suite für Klavier und Orchester, Roland Kluttig mit vier Opern-Ouvertüren.

Noch vor zehn Jahren war Joachim Raff (1822–82) ein allenfalls Experten bekannter Komponist, CDs mit seiner Musik musste man mit der Lupe suchen. Wer dagegen heute nach Raff-Aufnahmen sucht, stößt auf Einspielungen sämtlicher Symphonien, der meisten Instrumental-Konzerte und eine breite Auswahl seiner Kammermusik. Nach wie vor der Entdeckung harrt hingegen der Opernkomponist Raff, immerhin sechs Werke für Musiktheater schrieb der rastlos schaffende Tondichter zwischen 1848 und seinem Todesjahr. Diese Veröffentlichung aus dem Hause Sterling könnte hierzu einen Anstoß geben: Roland Kluttig und das Orchester der Norrlands Opera haben vier Orchesterstücke aus Opern Raffs eingespielt.

Aus den 'Eifersüchtigen' und 'König Alfred' ist jeweils die Ouvertüre zu hören, aus 'Samson' und 'Dornröschen' das Vorspiel. Aus letztgenannter Oper erklingt zudem ein instrumentales Zwischenspiel mit dem schönen Titel 'Die Dornenhecke'. Neben diesen kürzeren Stücken steht die ausgedehnte 'Suite für das Pianoforte mit Begleitung des Orchesters' op. 200, trotz des Titels und barocker Satzbezeichnungen wie 'Gavotte und Musette' de facto ein Klavierkonzert. Den Solopart spielt die Pianistin Tra Nguyen. Zwei bekannte (Vor-)Urteile über Raff kann der Hörer anhand dieser CD kritisch überprüfen: Der Komponist sei zwar ein geschickter Instrumentator gewesen, dessen Themen es jedoch an Substanz mangele. Und er hätte in völliger Abhängigkeit von Liszt gestanden. Stimmt das?

Raff dürfte sein op. 200 als Symbiose zwischen den Gattungen Suite und Konzert verstanden haben – als Versuch, die eher strenge dreisätzige Konzertform aufzulockern. Die vorherrschende Rolle des Soloinstrumentes tastete er nicht an, die Pianistin steht klar im Vordergrund. Nguyen ist den teils virtuosen Ansprüchen des Klavierparts voll gewachsen und versteht es zudem, lyrische Momente (vor allem in der 'Introduction und der 'Cavatina') voll auszukosten. Die Orchestermusiker begleiten die Pianistin souverän, gerade die Holzbläser können sich hier und da auch solistisch auszeichnen. Das Balanceverhältnis zwischen Klavier und Orchester ist gut, meinem Empfinden nach hätte man das Soloinstrument sogar etwas mehr nach vorne rücken können. Schließlich handelt es sich um ein Solokonzert in der Lisztschen Tradition, die von Raff hörbar aufgegriffen wird. Zumal Liszts A-Dur-Konzert scheint hier Pate gestanden zu haben, wobei Raff seinem Vorbild durchaus das Wasser reichen kann. Lediglich seine Neigung zu übertriebenem Sequenzieren verhindert es, ihn mit Liszt (oder auch Schumann und Mendelssohn) auf eine Stufe zu stellen.

Die vier Opern-Ouvertüren (oder Vorspiele) zeigen Raff als soliden Handwerker, den allerdings tatsächlich bisweilen die Inspiration verließ – bei seinem hohen Schaffenstempo kaum verwunderlich. Seine besten Momente hatte der Tondichter, wenn er eine Solo-Violine in lichten Höhen über dem Orchester schweben ließ – so im Vorspiel zu 'Dornröschen' (Track 8) und zu 'Samson' (Track 10). Per Öman lässt sich diese Gelegenheiten nicht entgehen und brilliert auf seinem Instrument. Die übrigen Ouvertüren wirken hingegen recht blass, was die Musiker des Orchesters jedoch nicht davon abhält, mit höchster Präzision zu spielen. Kluttigs Gespür für große Steigerung ermöglicht es, das Beste aus den Stücken herauszuholen.

Wer den Komponisten Raff noch nicht kennt, bekommt mit dieser prall gefüllten CD einen hervorragenden Einstieg geboten. Insbesondere die Suite wird von einer glänzend aufgelegten Tra Nguyen als wirkungsvolles Klavierkonzert dargeboten und lässt den Hörer rätseln, warum dieses Werk praktisch nie im Konzertsaal anzutreffen ist. Gewiss hatte Raff auch seine schwachen Momente (die Ouvertüre zu den 'Eifersüchtigen' wirkt sehr hölzern und vorhersehbar), doch um ihn völlig zu ignorieren, ist seine Musik viel zu gut. Kluttig und sein Orchester reihen sich mit dieser Veröffentlichung in die mittlerweile lange Liste der Raff-Wiederentdecker ein. Man darf hoffen, dass eines Tages auch die erste Opern-Einspielung auf den Markt kommt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raff, Joachim: Opernouvertüren & Vorspiele

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
20.11.2009
Medium:
EAN:

CD
7393338108528


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Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



Additional to our series of Romantic orchestral classics, we release two more series:
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