> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 1 D - Dur
Donnerstag, 20. Februar 2020

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 1 D - Dur

Faszinierende Mahler-Exegese


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Manfred Honeck weiß mit einer ganz eigenen Sicht auf Mahlers Erste Sinfonie zu faszinieren - ein Ansatz, der von dem erstklassigen Orchester exzellent umgesetzt wird.

Es ist in der Tat ein internationales, gar globales Projekt, dessen Ergebnis hier vorliegt: ein österreichischer Dirigent spielt mit einem amerikanischen Orchester bei einem japanischen Label eine Sinfonie des böhmisch-österreichischen Komponisten Gustav Mahler ein. Das Resultat – überwältigend! Denn Manfred Honecks Interpretation zeichnet sich nicht nur durch eine ebenso eigenwillige wie stringente Lesart aus, sondern ist hörbar Ausdruck einer musikalisch-stilistischen Reflexion, die dem Dirigenten zur Ehre gebührt; und nicht weniger lobenswert ist das Orchester, das den individuellen Deutungsansatz Honecks mit orchestraler Hochpräzision und musikalischem Feingefühl umsetzt.

Manfred Honeck, ehemals Mitglied der Wiener Philharmoniker, spricht in einem kleinen im Booklet (dieser vom japanischen Label Exton veröffentlichten Aufnahme) zu lesenden Kommentar von dem böhmisch-österreichischen Grundbass von Mahlers Sinfonik, einer mitunter volkstümlich daherkommenden, drastischen musikalischen Sprache. Nun gab es im Laufe der Interpretationsgeschichte der Mahlerschen Sinfonien nicht wenige Versuche, das genuin regional Kolorierte dieser Musik hörbar zu machen. Aber Manfred Honeck geht – lobenswerterweise – einen entscheidenden Schritt weiter: Er lässt die verschiedenen Idiome von Mahlers Musik in der ihnen eigenen musikalischen Stilistik (vielleicht auch: Stilhöhe) erklingen. Genau das macht diese Einspielung zu einer einzigartigen: Das Ländlich-derbe wird hier in angemessener Weise ruppig gespielt, zuweilen simultan zu einer ‚höheren‘ Art des Musizierens. Dadurch werden die (Stil-)Brüche unmittelbar hörbar und erlebbar. Kommt hinzu, dass Manfred Honeck – wie etwa auch Ivan Fischer – einer Dirigentengeneration angehört, die, abseits der Ideologien Historischer Aufführungspraxis, historisch-stilistische Fragen der Interpretation gründlich reflektiert. Das Ergebnis ist eine musikalische Feingestaltung, die Streicher-Portamenti als typische Gestaltungsweisen aus Mahlers Zeit (und die der Komponist mit Sicherheit erwartete!) in ihr Spiel aufnehmen – ebenso fein dosiert wie bruchlos eingebunden in den Klangkontext. Es fasziniert zu hören, wie das Pittsburgh Symphony Orchestra die minutiösen stilistischen Färbungen in sein Spiel aufnimmt und auch der beweglichen Temponahme seines Dirigenten bereitwillig und leichtfüßig folgt.

Das Ergebnis: Mahlers Erste Sinfonie mit einer Sogkraft, wie sie dergleichen selten zu entwickeln vermag! Honeck achtet nicht nur auf orchestrale Transparenz (etwa kanonische Figuren im ersten Satz, die hier wunderbar deutlich werden, ohne allzu zeigend-didaktisch zu wirken), sondern vor allem auf eine organische Umsetzung der zahlreichen Direktiven in der Partitur von Mahlers Erster Sinfonie. Honeck gelingt es auf hoch spannende Weise, die Musik zu Beginn der ‚Durchführung‘ im Kopfsatz zu stauen und Spannung aufzubauen, die sich dann berstend entlädt. Das musiklische-interpretatorische Kalkül folgt dabei minutiös der Partitur; vielleicht ist deswegen der Effekt so gewaltig – anders als vielen anderen Interpretationen, die etwa Temposteigerungen zu früh ansetzen, wodurch vieles verschenkt wird. Hier nicht: Manfred Honeck motiviert das exzellent, bisweilen grandios agierende Pittsburgh Symphony Orchestra zu einem detailreichen Spiel gerade hinsichtlich der Artikulation in Streichern wie Bläsern, was diese Einspielung zu einer wahrlich brillanten macht. Mag auch das Tempo etwa im ersten Satz zuweilen sehr langsam wirken – der stetige Spannungsaufbau braucht diesen wie aus der Zeit fallenden Stillstand des Musikalischen. Und wenn Honeck dem drängenden Impetus am Ende des vierten Satzes erst spät nachgibt, so doch, um das Ende umso gewaltiger erschallen zu lassen.

Manches mag vielleicht ein wenig grell wirken, beispielsweise die wilden Horntriller gegen Ende des ersten Satzes oder so manches des unheimlichen dritten. Aber Manfred Honeck hütet das Orchester davor, Mahlers Erste als Steinbruch extravaganter orchestraler Effekte auszubeuten. Entscheidend für den hervorragenden, vor allem dynamische Momente bis in die Extreme auslotenden und -reizenden Klang ist eine meisterliche Tontechnik, die das feinnervige Orchesterspiel äußerst fein abbildet – und als Hybrid-SACD als audiophilen Leckerbissen direkt an den Hörer weitergibt. Exzellent in jeder Hinsicht!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 1 D - Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
15.07.2013
Medium:
EAN:

SACD
4526977050269


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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