> > > Haydn, Joseph: Sinfonien Nr. 31, 72 & 73
Mittwoch, 12. August 2020

Haydn, Joseph - Sinfonien Nr. 31, 72 & 73

Durchdachte Kombination


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Interessante Kombination dreier Haydn-Sinfonien mit Jaap van Zweden beim japanischen Label Exton. Bestechender SACD-Klangs und interpretatorisch hohes Niveau lassen einen ganzen Zyklus wünschen.

Man könnte Joseph Haydns unzählige Sinfonien einfach der Reihe nach präsentieren. Wobei sich dabei das Problem stellen würde, dass die spätere Nummerierung nicht unbedingt die Chronologie widerspiegelt. Die vorliegende Produktion macht das unmittelbar deutlich, indem sie drei Sinfonien in einer sich bei näherem Hinsehen und -hören als außerordentlich durchdacht entpuppenden Zusammenstellung gegenüberstellt. Die beiden D-Dur-Sinfonien Nr. 31 und 72 scheinen weit auseinanderzuliegen, weisen aber so erstaunliche Ähnlichkeiten auf, dass man doch stutzig wird: Beide Werke sind mit vier Hörnern besetzt und verlangen diesen zum Teil einiges an Virtuosität ab; besonders auffällig aber ist der Schlusssatz, der in beiden Fällen ein Variationensatz ist (selten genug bei Haydn) und gegen Ende ein auffälliges Kontrabasssolo enthält. Kaum vorzustellen, dass Haydn sich selbst auf solch dreiste Weise kopiert haben sollte! Des Rätsels Lösung: Die Sinfonie Nr. 72 ist eine in der Schublade verschwundene und erst später wieder hervorgeholte Vorform der ungleich reiferen, interessanteren und runderen Sinfonie Nr. 31 – deswegen die in die Irre führende höhere Nummer. Damals waren zwei neue Hornvirtuosen für das Esterházy-Orchester verpflichtet worden, denen der Komponist offenbar auf den Zahn fühlen wollte, denen er aber vielleicht auch ein außergewöhnliches Werk bieten wollte. So decken gleich die ersten Takte das ganze hornistische Spektrum ab, indem sowohl Jagdfanfare als auch Posthornsignal zitiert werden. Die Sinfonie ‚mit dem Hornsignal’ hat man das Werk darauf genannt – selten passt das so gut. Denn auf eine starke hornistische Beteiligung deutet auch die Sinfonie Nr. 73 mit dem Namen ‚La Chasse’ (ebenfalls in D-Dur) hin. Hier liegt jedoch ein Fall vor, in dem der Charakter eines einzelnen Satzes (in diesem Falle das Finale) stellvertretend für die ganze Sinfonie herhalten musste und demzufolge falsche Erwartungen wecken könnte.

Luxuriös

Jaap van Zweden ist beim japanischen Label bereits mit einigen interessanten Bruckner-Interpretationen auffällig geworden, die sich zum Zyklus runden sollen; nun scheint man sich auch dem Wiener Klassiker Joseph Haydn zuwenden zu wollen. Mit der Kammerphilharmonie des Niederländischen Radios (Netherlands Radio Chamber Philharmonic), die eine entsprechend kleinere Besetzung aufweist, wurden 2008 bereits sechs Sinfonien aufgenommen – eine Produktion mit den Sinfonien 92, 94 und 97 erschien quasi zeitgleich – und in klanglich hervorragend aufbereitetem SACD-Mehrkanalklang zur Verfügung gestellt. Das Klangbild ist aber auch in der Stereowiedergabe des herkömmlichen CD-Spielers von bestechender Qualität; hier haben die Japaner mal wieder ganze Arbeit geleistet. In der Ausstattung hat das Label für Haydn gegenüber früheren Veröffentlichungen nachgelegt: Der englische Einführungstext liegt nun nicht mehr lediglich lose bei, sondern wurde in das in gewohnt edler Hochglanzoptik gehaltene Booklet integriert.

Mittelweg

Aus interpretatorischer Sicht überzeugt diese Platte nicht minder. Jaap van Zweden verwendet in seinem mit hervorragenden Musikern bestückten Kammerorchester keine historischen Instrumente, wohl aber lässt seine Herangehensweise die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis durchgängig spüren, ohne so manches nervige Mätzchen der Kollegen zu übernehmen. So besticht die Interpretation durch einen einerseits satten und voluminösen Orchesterklang, lässt andererseits aber präzise und deutliche Artikulation oder schmetternden Hörnerklang nicht vermissen. So entsteht eine glückliche Synthese aus Volumen und Transparenz, die man fast als zeitlos bezeichnen möchte. Gerade in Hinblick darauf, dass möglicherweise über viele Jahre hinweg von diesen Interpreten Haydn-Sinfonien aufgenommen werden, ist es vernünftig, einen Ansatz zu finden, mit dem sich sowohl der Künstler selbst als auch die Hörerschaft noch in einigen Jahrzehnten identifizieren können. Und es ist erfreulich, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Dirigent zu überzeugenden und reifen Lesarten gefunden hat. Der Zyklus mit Adam Fischer und dem Haydn-Orchester krankt ein wenig daran, dass die zu Beginn aufgenommenen Sinfonien sowohl interpretatorisch als auch klangtechnisch mit den späteren nicht mithalten können – man hätte dort einiges neu aufnehmen müssen, was allerdings die Gefahr in sich birgt, nie fertig zu werden. In Sachen Jaap van Zweden muss man sich da wenig Sorgen machen und darf gespannt sein, wie es weitergeht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Sinfonien Nr. 31, 72 & 73

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
30.10.2009
Medium:
EAN:

SACD
4526977003760


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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Von Christian Vitalis zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Auftakt nach Maß: Auftakt einer möglichen Einspielung aller Haydn-Sinfonien mit Jaap van Zweden beim japanischen Label Exton. Angesichts des bestechenden SACD-Klangs und vieler interpretatorischer Glücksmomente wäre das zu wünschen. Weiter...
    (Christian Vitalis, 17.11.2010)

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