> > > Caecilia-Concert. Musik am Habsburger Hof: Instrumentalwerke von Neri, Schmelzer, Ferro u.a
Samstag, 28. Mai 2022

Caecilia-Concert. Musik am Habsburger Hof - Instrumentalwerke von Neri, Schmelzer, Ferro u.a

Folgen österreichischer Heiratspolitik


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Musiker des Caecilia-Concerts haben mit dieser Zusammenstellung nicht nur wahre Schätze des Repertoires gehoben, sondern diese durch empfindsame Interpretationen zu neuem Glanz gebracht.

„Bella gerant alii, tu felix Austria nube“ – während die anderen europäischen Staaten in unterschiedlichste kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren, lautete der Wahlspruch der Habsburger, solchen Zwist lieber durch eine geschickte Hochzeitsstrategie aus der Welt zu schaffen. Diese frühe „Globalisierung“ des Königshauses hat das kulturelle Leben des Hofes nachhaltig geprägt. Die italienischen Prinzessinnen, die im siebzehnten Jahrhundert nach Wien einheirateten, hatten meist eine größere Anzahl von Musikern als Nachhut bei sich, die in der Hofkapelle ihre Heimat finden sollten. So entstand eine Vielzahl von Kompositionen zu unterschiedlichsten Anlässen, darunter zahlreiche Werke für die königliche Kammer. Die Gruppe Caecilia-Concert hat unter dem Titel „Schmelzer & Co“ eine Auswahl dieser hochvirtuosen Musik bei Challenge Classics veröffentlicht.

Geschrieben wurde diese Musik für das reichhaltige Instrumentarium des Frühbarocks, das im frühen achtzehnten Jahrhundert von den modernen Instrumenten wie dem Fagott und der Oboe, aber auch von den immer häufiger zum Einsatz kommenden Streichinstrumenten abgelöst wurde. So steht im Mittelpunkt des Ensembles der Dulzian, ein Vorläufer des heutigen Fagottes, oft begleitet vom Zink, jenem Zwitterinstrument aus Trompete und Blockflöte, das in puncto Virtuosität und Artikulationsvielfalt der Violine absolut ebenbürtig war.

Die Komponisten des österreichischen Hofes waren in aller Regel auch ausgesprochene Meister auf ihrem Instrument. Der spanische Dulzian-Virtuose und Komponist Bartolomeo de Selma y Salavere, der während eines Innsbruck-Aufenthaltes gleich von Erzherzog Leopold angestellt wurde, schrieb sich selbst zahlreiche Werke auf den Leib, darunter das Primo Libro de Canzoni, Fantasie, Correnti, aus dem Wouter Verschouren, begleitet von Kathryn Cok an der Orgel, einen eloquent parlierenden Auszug vorstellt. Überhaupt kamen die Blasinstrumente des frühen Barocks dem Ideal einer menschlichen Stimme sehr nah, auch wenn dieses Ideal mit unserer heutigen Vorstellung nichts mehr gemein hat. Wer aber einmal dem schnarrenden Klang des Orgelregisters „Vox humana“ gelauscht hat, versteht, warum Instrumente wie Pommer und Dulzian ganz oben auf der Beliebtheitsskala der Zeit standen.

Eine zentrale Figur der Musik am Habsburger Hof war Antonio Bertali, der von 1624 an für zweiundvierzig Jahre in Wien in Diensten stand. Bertali war Geiger, und so ist ein Großteil seines Werkes für die Geige entstanden, darunter die drei Triosonaten, die das Caecilia-Concert für diese Einspielung ausgewählt hat. Zu den zwei Violinen, gespielt von Bjarte Eike und Antina Hugosson, treten als Bassinstrument Dulzian oder Posaune hinzu. Über die aparte Kombination mag sich der heutige Hörer wundern, denn ein Trio aus Violine, Posaune und Fagott würde heute als äußerst exotische Besetzung durchgehen. Die Kammermusik des Frühbarocks jedoch konnte alle drei Instrumente hervorragend vereinigen, was natürlich vor allem der ganz anderen Klanglichkeit der Instrumente geschuldet ist, die dazu führt, dass sich alle drei Klangfarben hervorragend mischen. Von Johann Heinrich Schmelzer, dem Namenspatron des Albums, stammt eine Triosonate für ebendiese Besetzung, die in ihrem Wechsel aus Polyphonie und Homogenität ein wunderbares Spiel von Vorder- und Hintergrund schafft. Schmelzer, der als Geiger und Zinkspieler in Wien tätig war, war der erste Österreicher, der die wichtige Position des Hofkapellmeisters innehielt. Mit seinem plötzlichen Pesttod im Jahre 1680 neigte sich auch die Tradition dieser aparten Kammermusik dem Ende zu.

Die Musiker des Caecilia-Concerts haben mit dieser Zusammenstellung nicht nur wahre Schätze des Repertoires gehoben, sondern diese durch empfindsame Interpretationen zu neuem Glanz gebracht. Der Puls dieser Musik ist bei weitem nicht so uniform, wie es die Notenschrift glauben machen mag. Was Phrasierung, Reichtum der Artikulationsformen und rhythmische Flexibilität – ohne Mangel an Akkuratesse – anbelangt, ist diese Einspielung als beispielhaft anzusehen. Das Diktum der Musik als Klangrede wird hier zur erlebbaren Realität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Caecilia-Concert. Musik am Habsburger Hof: Instrumentalwerke von Neri, Schmelzer, Ferro u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Challenge Classics
1
30.10.2009
75:53
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
608917233926
CC72339


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"Bläser-Sonaten des 17. Jhdts. vom Habsburger Hof: Die eingespielten Werke gehören zu den letzten, ausgesprochen virtuosen Kompositionen, die für diese 'altmodischen' Instrumente komponiert wurden, bevor deren führende Rolle im 18. Jahrhundert von 'moderneren' Instrumenten wie der Barockoboe, dem Barockfagott, und nicht zu vergessen der Geige und dem Cello übernommen wurde. Sie gehören sicherlich zum Besten, was je für Posaunisten, Kornett- und Dulzian-Spieler komponiert wurde. Das niederländische Ensemble Caecilia-Consort legt hiermit seine dritte CD vor und stellt seine Spiellust und Perfektion erneut unter Beweis"


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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