> > > Schumann, Robert: Klavierquartett op. 47 & Klavierquintett op. 44
Donnerstag, 22. Oktober 2020

Schumann, Robert - Klavierquartett op. 47 & Klavierquintett op. 44

Vollendetes Gleichgewicht


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die TACET-Aufnahme von Robert Schumanns Klavierquintett und -quartett mit Peter Orth und dem Auryn-Quartett überzeugt klanglich ohne jeden Abstrich. Genauer kann man sie wohl nicht treffen: die ideale Wohnzimmer-Hörsituation.

Groß war er nicht, der Musiksalon in Robert Schumanns Leipziger Wohnung, und der Flügel auch nicht allzu klanggewaltig. Doch was Schumann in seinem Kammermusikjahr 1842 an neuen Werken auch hervorschleuderte, wurde hier (oder bei Mendelssohns) ausprobiert, und das musste gleichermaßen funktionieren wie wenig später die öffentlichen Erstaufführungen im Saal des Leipziger Gewandhauses. Hausmusik florierte nach wie vor, doch die Gewichte begannen sich schon damals von der Kammer in Richtung Konzert zu verschieben, und der Instrumentenbau reagierte auf die neuen Anforderungen – vor allem zugunsten des Klaviervolumens, oft genug aber zulasten einer vernünftigen Balance. Wenn Kammermusik heute auf modernen Konzertinstrumenten überzeugen soll, zugleich aber auch noch über Tonträger in die Kammer zurückgeholt wird, ist ein plausibel wirkendes Ergebnis alles andere als selbstverständlich. Kammermusik auf Platte ist insofern immer ein künstliches Produkt – und ein ziemlich vertracktes Übersetzungsproblem.

Man muss sich das alles noch einmal klarmachen, um zu begreifen, wie hervorragend die neue Einspielung aus dem Hause TACET mit Schumanns Klavierquintett und -quartett gelungen ist. Sie überzeugt klanglich ohne jeden Abstrich. Wenn sich zu keiner Zeit die Frage stellt, mit was für einem Raum und Aufführungsrahmen man es hier denn eigentlich zu tun hat, dann kann man sie wohl nicht noch genauer treffen: die ideale Wohnzimmer-Hörsituation. Das vollendete Gleichgewicht verdankt sich großem Tonmeisterkönnen und natürlich auch der Spielkultur des Auryn-Quartetts, das sich wieder einmal mit seinem Registerreichtum bestens bewährt. Besonders in den tieferen Regionen harmonieren sie prächtig, ihr Tutti ist energisch und voll, ihr Glanz dunkel abgetönt und in der Höhe gerne fahl und fragil. Im Klavierquartett lässt Jens Oppermann an der Violine aber auch die Spitzen funkeln, namentlich im Fugato-Finale. Und was Stewart Eaton etwa im zweiten Satz des Klavierquintetts an Energie und Farben aus seiner Bratsche hervorzaubert, hätte man (vor einem ungläubigen Blick in die Partitur) wohl kaum einem einzigen Instrument zugetraut.

Als stiller Star der Aufnahme aber erweist sich der Pianist: Peter Orth, US-Bürger und Serkin-Schüler, mit großer Konzertkarriere jenseits des Atlantiks im Rücken, ist nach fast zwei Jahrzehnten in seiner deutschen Wahlheimat und z. T. hochdekorierten Kammermusikplatten noch immer eher Insidern ein Begriff. Wie er die ganze Einspielung durch Zurückhaltung beherrscht, dabei wunderbare mikroagogische Pointen setzt und auch in den brillanten Passagen allenfalls zum primus inter pares wird – das ist hintergründiges Musizieren par excellence. Und das Zusammenspiel der fünf Akteure gerät makellos. Man höre nur den langsamen Satz des Klavierquintetts; bereits das Thema, immer wieder stockend und doch schier endlos, vereint alle Vorzüge dieser Aufnahme: die pianistische Dezenz, den gedeckten Ton, ein qualitätvolles Piano, makellose Phrasierung, über jeden noch so großen Abgrund hinwegtragende Spannungsbögen, vor allem aber die Kunst des unmerklichen Übergangs bei beeindruckend abgebildeter Tiefenstaffelung. Die Stabübergabe könnte leichter nicht von der Hand gehen; alles greift wie selbstverständlich ineinander. Und was auch am Hörer vorüberzieht in dieser Gefühlsstafette – stets treffen die Interpreten den poetischen Kern der kompositorischen Faktur.

Es ist ein glückhaftes Gelingen, das aus diesen zweimal vier Sätzen spricht – jeder von ihnen ein Schwergewicht für sich, und doch alle perfekt gegeneinander austariert. Orth und die Auryns lassen das erlebbar werden, und beschönigt wird dabei nichts, im Gegenteil: Man gibt sich betont ungeschminkt, Ausdruck geht im Zweifel vor Intonation (über dem unbestechlichen Klavier liegt so manches gnadenlos offen), und wegen bloßer Blättergeräusche wird schon gar kein Take verworfen. Authentizität ist eben nicht immer nur eine Frage der Instrumentenwahl. Natürlich bleibt auch dann noch jede Aufnahme unweigerlich ein Kunstprodukt; diese jedoch ist eines im besten Sinne.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Klavierquartett op. 47 & Klavierquintett op. 44

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
16.11.2009
Medium:
EAN:

CD
4009850014409


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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