> > > Schubert, Franz: 3 Sonatinen op. 137 für Violine und Klavier
Sonntag, 20. Oktober 2019

Schubert, Franz - 3 Sonatinen op. 137 für Violine und Klavier

Schubert-Sonatinen


Label/Verlag: Edition Peters
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die inneren Werte zählen: In gewohnt altmodischem Peters-Layout kommt die Neuausgabe der Schubert-Sonatinen daher, inhaltlich ist sie dafür umso mehr wissenschaftlich wie praktisch auf der Höhe der Zeit.

Die Edition Peters legte im Herbst vergangenen Jahres eine Neuausgabe von Franz Schuberts drei Sonatinen für Violine und Klavier op. posth. 137 vor. Klaus Burmeister betreute diese Urtextausgabe als Herausgeber. Zeitlich gesehen sind sie ein Jugendwerk Schuberts, denn er schrieb sie 1816, als er selbst noch bei Antonio Salieri Unterricht nahm. Allzu schnell führt diese Bezeichnung aber zur Unterschätzung ihrer Qualität. Es handelt sich um eine dreisätzige und zwei viersätzige ‚Sonatinen für Piano-Forte und Violine’ (Bezeichnung auf dem Erstdruck), in ihrer Satzform und im Charakter mehr Mozart verhaftet als dem Stil der großen Violinsonaten des frühen 19. Jahrhunderts.

Kurz nacheinander entstanden, sah Schubert die Werke als Trias, was man an der eigenhändigen Nummerierung in den Autographen erkennen kann. Erst nach seinem Tod wurden die Sonatinen 1836 veröffentlicht und man fragt sich angesichts des zarten, intimen Charakters der Werke, ob sie ursprünglich überhaupt für die Veröffentlichung vorgesehen waren. Im Vorwort weist der Herausgeber darauf hin, dass die Sonatinen wohl vielmehr für die Aufführung im privaten Rahmen, vor Freunden und ausgewähltem Publikum, entstanden sind. Wahrscheinlich schrieb Schubert sie für seinen Bruder Ferdinand, der später eine Orchesterfassung anfertigte. Gleichzeitig sind sie ein Manifest für Schuberts frühe, vielschichtige Auseinandersetzung mit der Gattung Sonate. Während die erste Sonatine in ihrer Struktur noch recht konventionell und klassisch ist, wirken die beiden anderen geradezu experimentell. Für das rege Ausprobieren und Entwickeln sprechen auch die vielen Änderungen und Eintragungen in seinen Autographen.

Das technische Niveau der Werke ist für beide Stimmen moderat. Ein fortgeschrittener Geigenschüler oder ein geübter Laie wird nicht auf unüberwindbare Hindernisse treffen. Was an technischer Virtuosität fehlt, wird aber vom musikalischen Anspruch wettgemacht. Deshalb sind die Werke gleichermaßen für pädagogische Zwecke wie für die professionelle Kammermusik geeignet. Auf den ersten Blick wirkt die Melodieführung recht einfach und kantabel. Die Art der Themenbehandlung und die wenig musterhafte Struktur der beiden letzten Sonaten verlangen von den Interpreten ein hohes Maß an musikalischem Verständnis und Ausdruckskraft, um die unbeschwerte Schönheit dieser kleinen Kammerwerke zur Geltung zu bringen. Einerseits verlangen die Melodielinien einen langen Atem, um sie nicht in kurze, zusammenhanglose Phrasen zu zerstückeln; andererseits erfordern sie Liebe zum Detail, da in dieser kleinen Besetzung und der Kürze der Werke die musikalische Arbeit auf engem Raum stattfindet. Fingerspitzengefühl ist daher bei der kleinteiligen Artikulation in fast jedem Takt gefragt. Auch ein gut organisiertes Zusammenspiel der beiden im Prinzip gleichberechtigten Stimmen ist erforderlich (Schubert selbst bezeichnete die Werke als Sonate für Klavier mit Violinbegleitung!). Schuberts Sonatinen punkten nicht mit Klanggewalt, großen Gefühlen und technischen Effekten, dafür mit zarter Schönheit. Deshalb passen sie auch wenig in den großen Konzertsaal, sondern entfalten im kleinen Kreis, im Kammerkonzert, der Soirée oder Matinée, oder auch in der Hausmusik ihre Wirkung.

Klaus Burmeister ist ein erfahrener Editor kritischer Ausgaben der klassischen und romantischen Musik. Die Sonatinen sind als kritischer Urtext konzipiert, nach den überlieferten Autographen Schuberts. Man könnte also meinen, dass die Quellenlage unstrittig und geradezu ideal ist. Da die Autographen jedoch in mehreren Teilen und unvollständig vorliegen, diente der Erstdruck von 1836 als komplementäre Quelle und machte eine wohlüberlegte Quellenkritik durch den Herausgeber notwendig. Der Schlusssatz der Sonatine in a-Moll beruht nur auf dem Erstdruck, da der Autograph verschollen ist.

Die Werke wurden durch das gesamte 19. Jahrhundert häufig gedruckt, vor allem in der Version der sogenannten David-Ausgabe (benannt nach ihrem Herausgeber Ferdinand David) des Peters-Verlages 1868. Erst 1930 revidierte man diese Fassung und ersetzte sie durch eine ‚spielpraktische’ Ausgabe, also eine reichlich mit Interpretationshilfen versehene Ausgabe. Die vorliegende kritische Edition soll diese ersetzen. Ferdinand Schuberts Orchesterfassung weicht von den heute überlieferten Autographen leicht ab. Man weiß aber, dass diese Änderungen von Franz gutgeheißen (vielleicht von ihm selbst vorgeschlagen?) wurden und sich auch in der Erstausgabe der Sonatinen wiederfinden. Ebenso sind die Kompositionsautographen durch zahlreiche Umarbeitungen und Korrekturen so unübersichtlich geworden, dass sie wohl nicht als Druckvorlage dienten. Für die Erstausgabe wurde wahrscheinlich eine heute verschollene Reinschrift - von Franz' oder Ferdinands Hand - verwendet. Burmeister ist sich dieser Tatsache bewusst und hält sich in einigen Fällen daher enger an die Erstausgabe, als an die Autographen.

Es sind keine Fingersätze oder Angaben des Herausgebers für die Interpretation enthalten. Editorische Zusätze sind genau gekennzeichnet. Ein ausführliches Vorwort von Burmeister führt an das Werk heran und erläutert die Kriterien der Ausgabe, der Revisionsbericht ist an die Klavierstimme angehängt. Dieser gibt einerseits Auskunft über die Herausgeberentscheidungen bezüglich der Quellen, andererseits über die Differenzen zur Erstausgabe und zur alten Peters-Ausgabe. Der Musiker, insbesondere der nicht-professionelle Musiker wird sich nur selten für diesen Revisionsbericht interessieren und legt größeren Wert auf praktische Qualität. Es ist jedoch ökonomisch und begrüßenswert, dass immer mehr Verlage kritische Ausgaben auch für die Praxis tauglich gestalten und die Ausgaben so für das wissenschaftliche Studium interessant werden. Umso mehr, da es fast schon zum guten Ton gehört, sich als Berufsmusiker auch kritisch-historisch mit dem interpretierten Werk auseinander zu setzen.

Alle drei Werke wurden bereits in der Erstausgabe zusammen unter op. posth. 137, Nr. 1–3 publiziert. Sowohl daran, als auch an der Bezeichnung ‚Sonatine’ hielt man in der vorliegenden Ausgabe fest. Das 52 Seiten starke Heft enthält das Vorwort, die Klavierstimme (mit der Violinstimme in kleiner Schrifttype) und den Revisionsbericht, sowie eine separat entnehmbare Violinstimme von 19 Seiten, die ohne Einband zusammengeheftet ist. Das Notenbild ist in beiden Stimmen klar und gut lesbar, die Notensysteme haben eine angenehme Größe. Taktzahlen und eine Aufteilung in Buchstaben erleichtern die Orientierung. Das Fehlen von Fingersätzen, vor allem in der Klavierstimme, mag dem einen oder anderen Hobbymusiker unbequem erscheinen. Ebenso die zahlreichen gestrichelten Bindebögen, die der Herausgeber fakultativ hinzugefügt hat und die von den Interpreten Entscheidungen verlangen. Dies ist aber in vielen modernen, nicht explizit pädagogischen Notenausgaben heute Standard und sollte als zusätzliche Anregung zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Interpretation des Werkes angesehen werden.

Der Satzspiegel jeder Seite ist so günstig angelegt, dass der Violinist fast nie blättern muss (und wenn, hat er sehr viel Zeit dafür) und der Pianist ohne fremde Hilfe blättern kann, was gerade für das häusliche Musizieren, Proben oder den Unterricht sehr vorteilhaft ist.

Das schlichte Layout entspricht dem typischen Edition-Peters Design mit seinen grünen Ornamenten auf beigem Grund und großen Lettern auf dem Einband. Das Format ist etwas größer als DIN A4, gedruckt wurde auf recht dickes, gelbliches Papier. Durch die Drahtheftung lassen sich die Noten problemlos weit öffnen (und bleiben auch offen!). Heftung und Papier sind widerstandsfähig genug, auch grobschlächtigeres Blättern und Glattstreichen der Falz zu überstehen.

Peters' Neuausgabe der Schubert Sonatinen ist wissenschaftlich orientiert und praxistauglich. Eine lohnende Investition, vor allem für den praktischen Musiker.

Klangqualität:
Repertoirewert: 


Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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    Schubert, Franz: 3 Sonatinen op. 137 für Violine und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Edition Peters
1

BestellNr.:

EP 11099

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"Über die Entstehung der drei Sonatinen ist wenig bekannt, sie gelten als Hommage an den Stil Mozarts. Da sie leicht zu spielen sind, werden sie gerne im Unterricht verwendet. Sie verbreiten eine Atmosphäre der Sorglosigkeit und wirken wie Lieder, die für eine „Geigen-Stimme“ komponiert sind."


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Edition Peters

Seit mehr als 200 Jahren steht der Musikverlag C. F. Peters im Dienst von Musikpflege und Musikwissenschaft. Ausgaben klassischer wie zeitgenössischer Werke vereinigen sich in der EDITION PETERS zu einem Gesamtkatalog mit mehr als 12.000 lieferbaren Titeln. Erstklassige Qualität im Druck, ihr eigenes wissenschaftliches Profil und ihre Bezogenheit zur Praxis haben die Ausgaben der EDITION PETERS zu verlässlichen Garanten für eine musikalische Beschäftigung auf hohem Niveau werden lassen. Ungeachtet dessen hat es sich der Verlag zur selbstverständlichen Aufgabe gemacht, die an seine Editionen gestellten Qualitätskriterien immer wieder neu zu überprüfen.

Die EDITION PETERS zeichnet sich aus durch

  • neue Urtextausgaben nach aktuellem wissenschaftlichem Forschungsstand sowie bewährte Traditionsausgaben
  • editorische Zusammenarbeit mit renommierten, praxiserfahrenen Herausgebern
  • hochwertige Papierqualität und mustergültige buchbinderische Verarbeitung
  • lesefreundliches Layout und hervorragendes Druckbild


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