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Sonntag, 29. Mai 2022

Schiller beflügelt. - Balladen für Sprecher & Klavier

Uneinholbar?


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Verdienstvoll ist es allemal, das Melodram neu beleben zu wollen. Ob Schiller dazu taugt?

Dass Friedrich Schiller ein Fremder ist und keine der zwischen Rüdiger Safranski und Walter Müller-Seidel ins Kraut schießenden Bio- und Monographien darüber hinwegtäuschen kann, dass seine unerschütterliche moralische Gewissheit, das hoch gespannte Pathos der Freiheit, zumal ein ausgeprägt didaktischer Zug, kurzum: dass Schillers Überzeugtsein und Überzeugenwollen dem 21. Jahrhundert durchaus befremdlich anmutet und seine lyrische Sprache manches Mal merkwürdig blechern tönt, papieren und starr – gemessen auch an Zeitgenossen wie Goethe oder Hölderlin –, in mancherlei Reimen und Metren geradezu abgedroschen; dass Schiller – trotz anders lautender Beteuerungen – als durchaus musikferner Schriftsteller gelten muss und sich das ‚Schiller und Goethe’ des 19. Jahrhunderts unweigerlich ins ‚Goethe und Schiller’ unserer Tage verkehrt hat; dass Schiller alles in allem als ‚historisches’ Phänomen angesehen wird, ein Stück Vergangenheit, und nur als solches Interesse findet – es lässt sich kaum bestreiten. So scheinen alle Versuche, Schiller wiedereinzubürgen, ‚gegenwärtig’ zu machen, zum Scheitern verurteilt.

Das duo pianoworte, Helmut Thiele (Rezitation) und Bernd-Christian Schulze (Klavier), scheitert in Ehren. Beide glauben an Schiller, und an die Gattung Melodram. Deswegen wurden – ehrenvoll auch dies – vier Komponisten beauftragt, je ein Gedicht Schillers als Melodram neu einzurichten, für musicaphon als zuständiges Label: Thomas Schmidt-Kowalski (‚Das Lied von der Glocke’), Matthias Drude (‚Der Handschuh’), Alfred Koerppen (‚Das verschleierte Bild zu Sais’) und Christoph J. Keller (‚Der Taucher’). Keiner aus diesem halben Dutzend zeitgenössischer Künstler hat schlankweg ‚versagt’: Das Scheitern liegt weit eher in der Sache.

Helmut Thiele ist Wiener. Man hört es nicht, und kann dies nicht bedauern, denn ‚Schiller wienerisch’ streifte die Grenzen der Lächerlichkeit. Dennoch ist Thieles Rezitation in Gefahr, zumindest in Grenznähe zu geraten: Er spielt er den hohen, hochmögenden Schiller-Ton aus – das Zungen-R immerhin bleibt uns erspart –, ein wenig wie es auf deutschen Bühnen vor fünfzig Jahren noch üblich war. (Der junge Klaus Kinski hat jenen schnarrenden Vortragsstil der Nach- und Vorkriegsjahre in unübertrefflicher wie unfreiwilliger Weise parodiert.) Auch Schillers rigorose Metrik wird durch Thiele unnachsichtig zur Geltung gebracht, teils willentlich forciert. Ob mehr Zurückhaltung im Vortrag möglich und wünschenswert wäre? Ob Schiller uns, wenn Thiele anders spräche – oder ein anderer als Thiele – ‚nahe gebracht’ werden könnte? Es fehlt – bezeichnenderweise – an Möglichkeiten des Vergleichs.

Oder liegt es an ‚uns’, an den Hörern? Das Melodram ist stark mit der Wiener Schule um Arnold Schönberg verbunden ('Erwartung’, 'Pierrot lunaire’), firmiert als ‚expressionistische’ Gattung, düster schimmerndes Seelengemälde, in meistenteils atonaler klanglicher Gestalt. Schillers Gedankenlyrik könnte von schönbergschen, Sigmund-Freudschen Gefilden nicht weiter entfernt sein, scheint folglich am wenigsten fürs Melodram prädestiniert. So nehmen sich die am wenigsten diatonischen unter den vier Melodramen am eingängigsten aus – paradoxerweise, möchte man sagen –, während Schmidt-Kowalskis ‚Lied von der Glocke’, das ungeniert balladesk und ‚romantisch’ daherkommt, ein wenig wie Brahms ad usum delphini, am unzugänglichsten, widerborstigsten scheint – wiewohl es Schiller selbst, möglicherweise, am meisten zugesagt hätte: auch dies ein Beleg für Schillers uneinholbare Fremdheit…?

Interpretation:
Klangqualität:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schiller beflügelt.: Balladen für Sprecher & Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Musicaphon
1
11.11.2009
68:13
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476569130
M 56913


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"Rechtzeitig zu Schillers 250. Geburtstag legt das duo pianoworte eine Huldigung an den Weimarer Poeten vor. Da dem lyrischen Werk von Schiller ein geradezu „musikalischer Gestus“ innewohnt, lag es nahe, Komponisten der Gegenwart zu neuen Melodramen nach den bekannten Texten anzuregen. Der Balladendichter Schiller hatte, einmal abgesehen von dem außerordentlichen metrischen und rhythmischen Reichtum in seiner Lyrik, präzise ästhetische Vorstellungen von den Aufgaben und vor allem von den Wirkungen der Musik. In der Verbindung von Rezitation und Musik entsteht nun die Möglichkeit, Altbekanntes in ungewöhnlichem Licht zu präsentieren und vielleicht sogar neues Interesse für eine der wortgewaltigsten deutschen Dichter zu erwecken. Denn noch immer bieten Schillers Gedichte und Balladen mit ihrem musikdramatischen Impetus für die Komponisten ausgeprägte musikalische Gestaltungs- und vielleicht sogar Angriffsflächen. Die ganz unterschiedliche musikalische Herangehensweise von vier renommierten niedersächsischen Komponisten führt zu einem äußerst reizvollen stilistischen Kaleidoskop. - Das mit dem ECHO KLASSIK 2002 ausgezeichnete duo pianoworte widmet sich seit seiner Gründung 1994 einem speziellen Genre: Werke für Sprecher und Klavier. Sie „entführen in eine Welt, die man bisweilen schon verloren glaubte“ (Musikblatt). Dabei geht es vor allem um das Anknüpfen an die mittlerweile fast in Vergessenheit geratene Tradition des romantischen Konzertmelodrams. Etliche Uraufführungen von zeitgenössischen Melodramen durch das duo pianoworte zeigen, dass es gerade in dieser immer noch viel zu wenig beachteten Musikgattung ein äußerst vielfältiges und spannendes Potential zu entdecken gibt. Neben einer umfangreichen Konzerttätigkeit begeistert das duo pianoworte auch bei zahlreichen Rundfunk- und Fernsehsendungen regelmäßig sein Publikum. Die beiden Künstler lehren darüber hinaus an Musikhochschulen und Universitäten auf dem Gebiet „Musik und Sprache“."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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