> > > Schostakowitsch, Dimitri: Klaviertrios Nr. 1 & 2
Samstag, 18. Januar 2020

Schostakowitsch, Dimitri - Klaviertrios Nr. 1 & 2

Sachlich und romantisch zugleich


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine klangschöne und durchweg überzeugende Einspielung des Ensembles um den Pianisten Freddy Kempf versammelt die Beiträge von Dmitrij Schostakowitsch und Alfred Schnittke zur Gattung Klaviertrio.

Nicht viele Tonträger beginnen mit einem wirklich außergewöhnlichen Moment. Hier gibt es einen: Die Faszination eines gut beherrschten Flageolett-Registers wird demonstriert von Alexander Chaushian, dem Cellisten des Kempf Trios, der den Beginn des zweiten Klaviertrios op. 67 von Dmitrij Schostakowitsch in fesselnder Weise gestaltet. Zugegeben, ich hatte das Werk schon mehrmals gehört und wusste, dass es mit einem Cello-Solo beginnt, welches man in seiner falsettierenden Entrücktheit auch für eine Violinstimme halten könnte – hier jedoch bin ich beim anschließenden tatsächlichen Einsatz der Geige aufs Neue von der Flexibilität des Streicher-Timbres überrascht worden. Der Geiger Pierre Bensaid steht seinem Kollegen in nichts nach: Beide Musiker intonieren die zarte Fuge, mit der das Trio ansetzt, mit exquisiter Tongebung und Phrasierung. Wenig später erscheint ein Klaviereinsatz im tiefsten Bass; die Extremlagen aller Instrumente werden bereits ausgeschöpft, ohne dass die Ebene des Pianissimo verlassen wird. David Fanning konstatiert im Beiheft treffend eine ‚unirdische Stimmung‘ – tatsächlich beginnt die dynamische Entwicklung dieser ätherischen Musik erst nach dreieinhalb Minuten, wenn beide Streicher ins Pizzicato wechseln. Auch die imitatorischen Passagen in dem an zweiter Stelle stehenden 'Allegro non troppo' gelingen bemerkenswert durchsichtig. Höchste rhythmische Präzision hält die drei Musiker nicht davon ab, einige sehr individuelle Rubato-Lizenzen zu verwirklichen. Freddy Kempf, der Pianist und Namensgeber des britisch-französisch-armenischen Klangkörpers, steuert sein Ensemble dezent, doch mit großem Gestaltungswillen durch die hochdifferenzierte Partitur.

Sorge um stilistischen Konturenverlust ist unbegründet

Angesichts von solcher Homogenität im Zusammenspiel mag man verleitet sein zu behaupten, dass die Spitzen und Schroffheiten von Schostakowitschs Tonsprache durch derartigen Schönklang geglättet würden. In diesem Fall besteht jedoch kein Anlass zu der Befürchtung, Wesentliches könnte nivelliert werden – die musikalische Substanz entbehrt jeglicher Seichtheit, und so erliegt auch eine auf Konfrontation bewusst verzichtende Interpretationshaltung niemals der Gefahr der Oberflächlichkeit. Die schweren Klavierakkorde zu Beginn der Largo-Passacaglia dürften allerdings zu der sich anschließenden Geigenkantilene mehr kontrastieren. Überhaupt hält sich Kempf mit offensiven klanglichen Akzenten weitgehend zurück, und auch die gestrichenen und gezupften Saiten dürften gern noch ausgiebiger beansprucht werden. Wenn Balance und Artikulation allerdings dermaßen einheitlich sind wie im Musizieren dieses Ensembles, fällt es mir schwer, ernsthafte Kritik zu üben. So ebenmäßig muss man erst einmal spielen können! Das eindringlich repetitive, an sephardische Folklore gemahnende Hauptthema des beschließenden 'Allegretto' erhält durch absolut zuverlässiges Timing einen obsessiven Touch und führt zu beeindruckend flächigen, die Spannung ins schier Unermessliche anwachsen lassenden Steigerungen.

Zwanzig Jahre zuvor entstand Schostakowitschs erstes Klaviertrio op. 8, eine von schwärmerischem Überschwang gekennzeichnete einsätzige Komposition. In vielen Einspielungen wird diese kammermusikalische Tondichtung seiner Gattungsschwester vorangestellt – nicht so in diesem Fall, wo die leidenschaftliche Eruptivität des Jugendwerks mit der sachlichen, fast nüchternen Kontrolliertheit des op. 67 extrem kontrastiert. Hier gestattet sich das Ensemble auch einmal pathetische Szenen, ohne deshalb zu sehr zu schwelgen; Intimität, wie sie sich in der Partitur reichlich findet, ist unter den Händen von Kempf, Bensaid und Chaushian Ausdruck von Hingabe, nicht von lyrischem Sentiment. Hervorheben möchte ich die Fähigkeit des Pianisten, mit Begleitfiguren, also kompositorisch eigentlich Nebenrangigem, atmosphärisch Entscheidendes beizusteuern, etwa durch die glockengleichen Figuren und Triller, welche den ausgedehnten, von Streichermelodien bestimmten Mittelteil untermalen.

Emotionaler Frühstil trifft auf reife Avantgarde

Schließlich kommt Alfred Schnittke zu Wort, ein Nachfolger Schostakowitschs im besten Sinne, der mit dem hier vertretenen Werk in vielfacher Hinsicht an seinen Landsmann anknüpft. Sein Streichtrio von 1985, eine ruhige, ernste, fast statische Komposition, bearbeitete er sieben Jahre später für eine Klaviertrio-Besetzung. Nichts erinnert in dieser Musik an Schnittkes polymorphe und collagenhafte Beiträge zur musikalischen Postmoderne der 1970er Jahre – unverfälscht persönliche Klanggebärden und dezent eingebrachte, gleichsam kommentierend abgesetzte tonale Felder bestimmen nunmehr die Tonsprache. Das Arrangement ist noch immer ein streicherlastiges Stück und wird in dieser Deutung geprägt durch die vibratoarm und äußerst kontrolliert geführten Bögen Bensaids und Chaushians. Ein schlichtes 'Moderato' und ein noch zurückhaltenderes 'Adagio' stehen nebeneinander; das Ensemble besitzt genügend Ruhe und Konzentration für die Darbietung einer Musik, die auf Entwicklung fast vollständig verzichtet und deren Elemente sich eher durch ihren mehr oder weniger ausgeprägten polyphonen Charakter unterscheiden. Immer wieder werden kleine melodische Idyllen eingewoben, die gleichsam tröstend aus der flächigen Melancholie hervorleuchten. Das Werk endet instabil: Vierteltöne der Geige in höchster Lage verweisen zurück auf den Beginn von Schostakowitschs zweitem Trio, dessen Flageolett-Atmosphäre hier wieder anklingt.

Das Album weist alle Vorzüge einer soliden Studioproduktion auf. Vollendete Kontrolle über das Instrumentarium und höchste Durchdachtheit aller interpretatorischen Parameter werden kombiniert mit erstklassigen aufnahmetechnischen Qualitäten: ein ausgewogener Frequenzgang mit plastischen Tiefen und ein präzises Stereo-Panorama sind eingebettet in die attraktive, das Klangbild niemals dominierende Räumlichkeit der Stockholmer Musikakademie. Wenn man von dem leicht herablassenden und die Rolle der Klaviertrio-Gattung innerhalb der russischen Musikkultur abwertenden Tonfall des Begleittexts absieht, darf man durchaus von einer Einspielung mit Referenzcharakter sprechen, deren audiophile Qualitäten jedes Tonträgerregal bereichern dürften.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Wendelin  Bitzan Kritik von Wendelin Bitzan,


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    Schostakowitsch, Dimitri: Klaviertrios Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
18.11.2009
Medium:
EAN:

SACD
7318599914824


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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