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Montag, 6. Dezember 2021

Purcell, Henry - Dido and Aeneas

Kurzer Spuk


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Wayne McGregors sorgfältig choreographierter Londoner 'Dido' lauert hinter jedem Vorhang, jedem Prospekt, jedem Lichtkegel und jeder Bewegung raunend die Bedeutung. Nur welche? Man rätselt – doch das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Für Henry Purcells 'Dido and Aeneas' hat man 2009 zum 350. Geburtstag des Komponisten in London viel aufgeboten: die große Bühne des Royal Opera House Covent Garden, die Tänzer des Royal Ballet und dessen Hauschoreographen Wayne McGregor als Regisseur. Seit der spektakulären Inszenierung von Sasha Waltz 2005 steht 'Dido' auch als Tanzstück wieder auf der Tagesordnung, für einen wie McGregor natürlich erst recht. Vom Auge des Choreographen profitiert seine Realisierung (schon 2006 an der Mailänder Scala gelaufen) aber weniger in den Tanzeinlagen – die sind eher ein höchst dekoratives Nichts. Die Stärken liegen in detail- und einfallsreicher Personenführung sowie in Sängern, die vor allem als Schauspieler brillieren und dabei von der Bildregie mustergültig in Szene gesetzt werden.

Hervorragendes Anschauungsmaterial also, zumal die Musik als Ausgangspunkt stets erkennbar bleibt – keine Selbstverständlichkeit für eine Inszenierung aus dem Geiste modernistischer Reduktion. Freilich geht es auch entsprechend symbolisch zu. McGregor, zweifellos ein kluger Kopf, hält nicht mit seinem Semiotikstudium hinterm Berg; und so lauert hinter jedem Vorhang, jedem Prospekt, jedem Lichtkegel und jeder Bewegung raunend die Bedeutung. Nur welche? Man rätselt, doch das Ergebnis sieht allemal gut aus. Und manches überzeugt so unmittelbar, dass man dem Regisseur auch den finalen Laserkitsch (mit Pferden!) verzeiht: Didos zum Selbstmord verständlichter Liebeskummertod etwa wird bildstark verübt mit dem Aeneas-Geschenk; und die trügerische, wie aus einem Gemälde herbeizitierte Hainidylle durchkreuzt McGregor mit einer genialen Verwandlung der Actaeon-Erzählung in kinästhetisches Tanztheater.

Das Orchestra of the Age of Enlightenment agiert unter Christopher Hogwood so verlässlich und stilsicher, dass man seine Anwesenheit immer wieder glatt vergisst. Von solcher Selbstverständlichkeit sind die Stimmen weit entfernt; sie bleiben das Kernproblem der um Historizität bemühten Aufführungspraxis. Erfreuliche Ausnahme: Lucy Crowe als Belinda, die ihren Sopran mit Leichtigkeit leuchten lässt, dabei glasklar intoniert und mit einer Natürlichkeit deklamiert, als wäre das keine Kunst – hier kündigt sich Großes an. Sarah Connollys Dido hingegen strahlt schwer und düster, ‚pressed with torment‘ in jeder Note und Miene. Die Regie legt sie als neurotische Tragödin an, lässt das Pathos immer wieder ins Pathologische umkippen. Auch in die musikalische Landschaft will diese zutiefst verstörte Dido nicht recht passen; erst im Streit mit Aeneas (kraftvoll: Lucas Meachem) findet sie zu ihrem furienhaften Selbst. Der große Raum mag auch die übrigen Akteure zum Forcieren verleitet haben; dem erliegt noch am wenigsten Eri Nakamura als Erste Hexe. Auch den Extrachor der Royal Opera (im Booklet sorgfältig versteckt), lernt man mit seinen ‚Join-the-chorus‘-Einlagen mehr und mehr fürchten; dafür gelingt ihm, was sonst nie klappt: die immer etwas peinliche Echonummer, hier fantastisch realistisch – und dadurch erst so richtig schaurig.

Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Ein altbekanntes Problem für Programmgestalter: Was nun? In der Jubiläumsaufführung an Covent Garden 2009 war 'Dido and Aeneas' nur der Prolog, gefolgt von der Pastorale 'Acis and Galatea' des Co-Jubilars Georg Friedrich Händel. Die zugehörige DVD möchte Opus arte aber lieber einzeln vermarkten, und kein Feature oder Making-of entschädigt hierfür, nur ein mäßig erhellendes Zehn-Minuten-Interview mit dem Regisseur und ein exzellenter, aber entstellend übersetzter Booklettext. Für eine Aufführung der Royal Opera zu Purcells 350. Geburtstag hätte man gerne auch auf DVD mehr Aufwand treiben dürfen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Purcell, Henry: Dido and Aeneas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
19.10.2009
Medium:
EAN:

DVD
809478010180


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Interpret(en):Crowe, Lucy (Sopran)


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Opus Arte

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