> > > Stylus phantasticus. Bell´Arte Salzburg spielen: Werke von Buxtehude, Schop, Strungk u.a
Dienstag, 30. November 2021

Stylus phantasticus. Bell´Arte Salzburg spielen - Werke von Buxtehude, Schop, Strungk u.a

Norddeutscher Ohrenschmaus


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Stunde feinste norddeutsche Barockmusik bietet hier das Ensemble Bell'arte Salzburg. Ein intelligent musiziertes Programm für den Genusshörer.

Von wegen kühl und reserviert: Im hohen Norden Deutschlands blühte im 17. Jahrhundert eine einzigartige Musikkultur, aus welcher das Ensemble Bell'arte Salzburg für eine Produktion des Labels Berlin Classics ein abwechslungsreiches Programm ausgewählt hat. Im Booklet beschreibt die erste Geigerin des Ensembles den Stylus Phantasticus, der das übergreifende Thema der Einspielung bildet. Sie fasst sich jedoch sehr kurz, und man gibt sich als Leser schwerlich damit zufrieden, dass hinter dem ‚phantastischen Stil’ nur eine Art besonders freier Kontrapunktbehandlung steht. Der Stylus Phantasticus ist Teil einer Unterscheidung verschiedener Funktionsstile, wie sie beispielsweise bei Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert beschrieben werden. In diesem Stilsystem wird jede Musik einem ihrer Funktion, ihrem Zweck und Aufführungsort entsprechenden Stil unterordnet. Geistliche Musik war anderen Regeln bezüglich ihrer Machart und Gestaltung unterworfen als beispielsweise Madrigale. Den Stylus Phantasticus definiert Kircher als ‚freie’ Instrumentalmusik, die der Phantasie der Komponisten keine strikten Regeln auferlegte. Hinter dem Begriff steht also ein Repertoire von Musik, die nicht an Worte oder einen Cantus firmus gebunden ist, sondern dem Komponisten weite Entfaltungsmöglichkeiten bot und eine Gelegenheit, die Grenzen ihrer Kunst auszuloten. Dem entsprangen dann freie Formen wie Toccaten, Fantasien, Ricercare und Sonaten.

Das Programm umfasst überwiegend Sonaten in kammermusikalischer Besetzung, mal einsätzig, mal vielsätzig. Dazwischen sorgen Duos und Solostücke für Auflockerung. Gleichzeitig zeigt dies die Vielförmigkeit der noch jungen Gattung Sonate, die eine strikte Formkonvention noch suchte. Das Ensemble hat sich ganz der Historischen Aufführungspraxis gewidmet. Die beiden Instrumente der Violinistinnen passen in der Tat gut zum dargebotenen Repertoire: eine Violine von Jacob Stainer um 1670 und eine von Sebastian Klotz um 1730, also Instrumente aus der Geigenbautradition nördlich der Alpen. Dabei bedenke man, dass sich für Violinen erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts langsam einheitliche Größen, Mensuren und Formen durchsetzten, so dass auch der Klangcharakter von Instrument zu Instrument sehr verschieden sein konnte. Auf der Aufnahme klingen die beiden Violinen deutlich verschieden, was der realen Aufführungssituation im späten 17. Jahrhundert also durchaus entspricht.

Die Musiker des Ensembles, zwei Violinistinnen und eine Continuogruppe (Gambe, Orgel und Cembalo), sind sehr darum bemüht, das Repertoire frisch und nicht zu akademisch und steif klingen zu lassen. Gerade norddeutsche Barockmusik neigt gerne dazu, weil sie nicht die leichte Spritzigkeit italienischer Musik besitzt, sondern ‚gezähmt’ und geordnet klingt. Es gelingt ihnen dennoch, der Musik, beispielsweise in der B-Dur-Sonata von Buxtehude, die nötige Leichtfüßigkeit zu geben, ohne unseriös und unpassend zu wirken. Demgegenüber steht die herbe kontrapunktische Strenge der Sonata in d-Moll für zwei Violinen von Johann Vierdanck. Die beiden Geigerinnen verfügen erfreulicherweise auch hier über die rhythmische Präzision, einen klaren, schnörkellosen Ton und eine lupenreine Intonation, um den Reiz des Wechselspiels von Konsonanzen und Dissonanzen zur Geltung zu bringen.

Ein weiterer besonderer Ohrenschmaus ist das Präludium in G-Dur für Violine solo von Thomas Baltzar, einem seinerzeit angesehen Geiger, der sich im deutschsprachigen wie im englischen Raum verdient gemacht hat. Der improvisatorische, komplexe Charakter lässt an Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo denken, obwohl zwischen beiden Werken mehr als ein halbes Jahrhundert liegt. Die Interpreten haben erkannt, dass es bei der Umsetzung dieses Repertoires nicht nur um überkorrektes Wiedergeben der Partituren, ein stilgerechtes Gestalten und Verzieren geht, sondern man auch wagemutig sein muss, phantasievoll, vielleicht sogar extravagant gestalten darf. Sie tun dies - ,jedoch wohldosiert, um trotz aller Kreativität den klaren, geradlinigen Charakter der Musik nicht zu verschleiern. (Es handelte sich schon damals um Unterhaltungsmusik, allerdings weniger zur Belustigung, als mehr zur geistigen Erbauung eines gelehrten Publikums.) Ein schönes Beispiel hierfür ist die Partita in a-Moll aus dem ‚Hortus Musicus’ von Johann Adam Reincken, bestehend aus einer mehrteiligen Sonata als Kopfsatz und einer viersätzigen, traditionell aufgebauten Partita mit stilisierten Tänzen. Die Gratwanderung zwischen effektvoller, den Zuhörer fesselnder Musik einerseits und Verwirklichung kunstvoller und hochkomplexer Kontrapunktik andererseits gelingt den Interpreten durch eine intelligente Strukturierung und ein gut aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel.

Das ausgewählte Programm bietet einen guten Querschnitt durch das norddeutsche Sonatenschaffen vor Bach und lenkt den Blick auf die reiche Instrumentalmusik der Epoche, die hinter der dominierenden geistlichen Musik manchmal etwas zu wenig Beachtung findet. Um dem Hörer den Zugang zu den Werken zu erleichtern, hat Annegret Siedel, die erste Geigerin des Ensembles, im Booklet kleine Werkbeschreibungen verfasst, die auf Besonderheiten aufmerksam machen. Ebenfalls findet man im deutsch- und englischsprachigen Booklet die Kurzbiografien der Künstler des Ensembles Bell'arte Salzburg.

Klanglich ist die Einspielung sehr angenehm, der Klang ist homogen, klar und gut ausbalanciert. Dass man nicht in einer Kirche, sondern einer kleineren, dämpfenderen Raumakustik eingespielt hat (in der Siemensvilla, Berlin), tut dem Programm sehr gut und setzt es in jene akustischen Verhältnisse, für die es gedacht war. Eine Erwähnung und ein Lob wert ist die Covergestaltung mit einer Abbildung eines barocken Stilllebens, das ein Sammelsurium wunderlicher, kostbarer und exotischer Dinge zeigt und das Thema des Phantastischen so noch einmal aufgreift.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stylus phantasticus. Bell´Arte Salzburg spielen: Werke von Buxtehude, Schop, Strungk u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
20.11.2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124165727
0016572BC


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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