> > > Busoni, Ferruccio: Piano Music, Vol. 2
Samstag, 15. August 2020

Busoni, Ferruccio - Piano Music, Vol. 2

Busonis Klangzauber


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Weltbürger, pianistisches Genie, richtungsweisend in eine Zukunft, in der andere ernten, was er gesät hat. So wird er beschrieben. Busoni, Sohn eines italienischen Klarinettisten und einer deutsch-italienischen Pianistin. Aufgewachsen bei Florenz, als 8-jähriger bereits in Konzerten in Triest zu erleben, von Anton Rubinstein wegen seines Talentes bewundert. Ausgezeichnet mit vielen Preisen und Medaillen ( z.B. 1890 Rubinsteinpreis). Bis zur Jahrhundertwende eroberte er die Konzertpodien aller damaligen Musikmetropolen. Unterrichtstätigkeit in Helsinki, Moskau, Boston, Berlin und Wien. Die Zeit des ersten Weltkrieges verbrachte er in Zürich, danach lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1924 in Berlin, dessen musikalisches Leben er nicht nur pianistisch beeinflusst hat. Er leitete an der Akademie der Künste eine Meisterklasse für Komposition, hat ein unglaublich eindrucksvolles Gesamtwerk hinterlassen, das jedoch nur teilweise bekannt ist. Er war ein rastloser Geist, ein zukunftsweisender Komponist, ein genialer Pianist und noch so vieles mehr. Er war ein herausragender Mitgestalter der Musikszene des beginnenden 20. Jahrhunderts, von vielen vergöttert, aber auch Wiederspruch geradezu herausfordernd ( Hans Pfitzner polemisierte in seiner Schrift ?Futuristengefahr? gegen ihn). Busoni hat sich intensiv mit dem Werk J.S. Bachs auseinandergesetzt, auch heutige Pianisten sollten an seinen Herausgaben zum Beispiel des Wohltemperierten Klaviers nicht vorbeigehen.

Vorbeigegangen ist vor allem einer nicht, der Pianist Wolf Harden. Mit dem Vol.2 der Klavierwerke von Busoni hat Naxos diesem Pianisten Gelegenheit gegeben, selten oder gar nicht eingespielte Werke zu veröffentlichen. Wolf Harden zählt zu den herausragenden Vertretern der jetzt konzertierenden Pianistengeneration. Gerade 40 Jahre alt, hat er mit den Orchestern von London, Krakau und Hamburg als Solist gespielt, mit dem Trio Fontenay internationale Anerkennung erlangt und die Liste seiner Solo- Klavierabende liest sich wie ein Verzeichnis der wichtigsten Musikmetropolen von Europa, Südamerika bis nach Indien. Seine Diskographie ist umfangreich und dokumentiert sein künstlerisches Wirken, das sich in den letzten Jahren vermehrt der Erschließung unüblichen Repertoires widmet. Für Naxos hat er die Bach- Variationen von Max Reger und das Klavierkonzert von Hans Pflitzner eingespielt, und nun auch den zweiten Teil mit Werken von Busoni. Liest man die Biographie von Wolf Harden, so verbindet beide Pianisten (der eine ?nachschöpferisch? tätig) nicht nur ihre Weltoffenheit und ?Reiselust?.

Wolf Harden hat sich, wie die mit Vol.2 vorliegende Werkauswahl zeigt, sehr intensiv mit dem Gesamtwerk Busonis beschäftigt. Er hat als Eingangswerk die Transkription der Chaconne aus der Partita für Solovioline Nr. 2 BWV 1004 gewählt, eines der doch immerhin bekannteren Werke. Kennt man die Einspielung von Arthur Rubinstein, so erscheint die Wiedergabe von Wolf Harden zwar anders, aber doch konsequent. Nicht Freiheiten sind hier Grundcharakteristikum, sondern der Pianist hält sich stets an die Vorgaben der Partitur. Dadurch erlangt er eine wunderbare Verbindung von Struktur und Klangfärbung, er setzt seine beeindruckende Technik nicht zu äußeren Effekten ein, sondern hält sich eher zurück, um dem Zuhörer das Miterleben der eigentlichen Musik zu ermöglichen. Sein ausgesprochen cantilenes Spiel kommt diesem Werk entgegen. In der Etüde in Variationsform op.17, als einziges Werk eines ganzen Zyklus veröffentlicht, zeigt Wolf Harden den virtuosen Aspekt der Musik Busonis auf. Zu keinem Zeitpunkt als Selbstzweck benutzt, erscheint die Technik als Vermittlung der speziellen Musiksprache. Markanter Stil, Akkordgerüst im Bass und polyphones Stimmgeschehen, sehr direkt und klar gespielt.

Humoristisches kommt im Spiel Hardens durch, wenn er sich mit den ?Fünf Variationen über Kommt ein Vogel geflogen? beschäftigt. Die jeweilige parodierte Klangwelt eines Schumann, Chopin, Mendelssohn, Wagner und Scarlatti gibt er sehr differenziert wieder, mit einer hoher Anschlagskultur, die an den Hamburger Klavierprofessor Conrad Hansen erinnert. Die aus Busonis Kindheit stammenden Werke Thema mit Variationen C-Dur op.6 und die Inno Variationen op.12 spielt Wolf Harden sehr lebendig und frisch, sie sind schon durch ihre Repertoire-Seltenheit ein Gewinn.
Dann bleiben da noch die ?Variationen und Fuge in freier Form über Chopins Prélude in c-moll op.22?. Virtuos spielt sie Wolf Harden, dem Inhalt angemessen. Bravourös erscheinen sie, überfrachtet mit tollkühnen und ausladend gespielten Läufen und Akkordbrechungen. Busoni hat sie überarbeitet und verkürzt, Wolf Harden spielt aber zum Glück die romantisch geprägte ursprüngliche Fassung. Dadurch ergibt sich im Spiel Wolf Hardens ein Eindruck der Klavierwelt der damaligen Zeit, die wenigen nur durch den Pianisten Ervin Nyiregyházi bekannt sind, der dem rethorischen Gestus der Zeit Busonis entsprach. Ist Wolf Harden zwar kein Pianist wie Ervin Nyregyházi, dies wäre allzu vermessen, so kommt er doch dem Inhalt des Werkes op.22 von Busoni vollkommen nah. Die von ihm aufgezeigte Klangwelt ist sehr farbenreich und intensiv.

Zusammenfassend kann man den Mut von Naxos zu dieser CD nur loben. Ein Teil der seltenen Werke Busonis sind nun auf hohem Standard präsent. Mit einem sehr informativen und wissenschaftlich interessanten (englisch-deutsch-französischem) Beiheft ist diese CD in für Naxos typisch sparsamen Design ausgestattet gemäß dem Grundsatz ?Qualität ist wichtiger als der äußere Schein?. Das Auge hätte aber vielleicht etwas anderes mit der Musik Busonis verbunden als eine Malerei des Vesuvs von Francesco Lojacono.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Axel Engels,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Busoni, Ferruccio: Piano Music, Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Naxos
1
15.10.2001
68:55
2000
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0747313569922
8.555699

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Busoni, Ferruccio


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Interpret(en):Harden, Wolf (Piano)


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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