> > > Sciarrino, Salvatore: Sui poemi concentrici I, II, III
Dienstag, 5. Juli 2022

Sciarrino, Salvatore - Sui poemi concentrici I, II, III

Der Imagination Raum lassen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kairos veröffentlicht eine 3-CD-Box mit einer faszinierenden Aufnahme von Salvatore Sciarrinos dreiteiliger Dante-Komposition 'Sui poemi concentrici'.

Mit Salvatore Sciarrinos dreiteiliger Komposition 'Sui poemi concentrici I, II, III' für Soloinstrumente und Orchester (1987) hat es eine besondere Bewandnis, denn sie hängt eng mit einer Filmmusik zusammen, die der Komponist 1985 anlässlich einer 15-stündigen TV-Adaptation von Dantes 'Divinia Commedia' erarbeitet hat. Hört man sich die drei in einer bei Kairos erschienenen Box steckenden CDs an, deren jede jeweils einen der rund 45-minütigen Werkteile enthält, ist man mit Klängen konfrontiert, die wie eine Reise ins Innere anmuten: Klanglich genau abgetastete, fragile Strukturen sind es, die dem Hörer hier begegnen – Strukturen, die Sciarrinos Idee, 'ein Werk in einem großen Atemzug zu entwickeln' deutlich werden lassen. Was sich hier ereignet, ähnelt tatsächlich einem weiträumig organisierten Atemprozess: Die Musik bewegt sich in leisen Wellen durch den Tonraum, gewinnt gelegentlich gestalthafte Präsenz, bleibt aber ansonsten oft im faszinierend Unbestimmten, klanglich immer wieder ähnlich, aber doch auch immer wieder anders geformt.

Sciarrino hat es verstanden, proportionale Elemente der Danteschen Dichtung auf sehr subtile Weise in Musik zu übersetzen, ohne dabei auf das Wort zu rekurrieren – und allein schon dies ist eine Leistung. Nur dem Kundigen mag der Titel 'Sui poemi concentrici' ('Über die konzentrischen Gesänge') eine gedankliche Stütze sein: demjenigen, der weiß, dass in Dantes Dichtung das Jenseits mit Hölle, Purgatorium und Paradies architektonisch in konzentrischen Kreisen angeordnet ist, die umso enger werden, je weiter man in sie vordringt. Davon künden auf ihre ganz eigene Art die drei Abschnitte des Werkes: Geräuschwerte, Mehrklänge von Holzbläsern, Flageolettbewegungen, ein leise grundierendes Tremolo in den Bassregistern, immer wieder artikuliert durch Aktionen wie Pizzicati, bestimmen den Verlauf, der sich in beinahe unmerkliche Variationen über die drei Einzelteile hinweg allmählich verändert – Variationen, die sich äußerlich durch Änderung und Vergrößerung der Solobesetzung (vom Violoncello im ersten über Flöte, Klarinette und Violoncello im zweiten bis zu Flöte, Violine und Viola d’amore im dritten Teil) abzeichnet.

Dem Dante-Bezug des Werkes zum Trotz erzählt Sciarrino hier aber keine Geschichte. Er baut vielmehr eine musikalische Atmosphäre von großer Spannung auf und wandelt diese immer wieder durch Nutzung ihm eigener Mittel um, zärtliche Momente ebenso beinhaltend wie Augenblicke von Verletzlichkeit. Dass er dabei über die drei Stücke hinweg eine alles überwölbende Einheit schafft, ist vielleicht das eindrücklichste Element dieser Komposition – einer 'schwebenden, hochstilisierten, konstruktiv komplexen und doch ganz leichten, ätherischen Musik, die der Imagination großen Raum lässt', wie Rainer Pöllmann in seinem sehr lesenswerten Booklet-Text (der zudem noch durch einen Werkkommentar des Komponisten ergänzt wird) das Werk charakterisiert. Wer sich auf diese Beschaffenheit einlassen kann, wird von wunderbaren Momenten voller Intensität belohnt, voller Klangzauber, wie ihn eigentlich nur Sciarrino (und auch der nicht immer) hervorbringen kann.

Die Mitglieder des ensemble recherche stellen hier wieder einmal ihre Vertrautheit mit der Musik des Italieners unter Beweis und faszinieren mit einer facettenreichen Umsetzung der oft sehr zurückhaltenden Klangproduktion. Die instrumentalen Klangwellen sind dennoch deutlich ausformuliert, gewinnen ihre Prägnanz durch minimale Lautstärke- und Klangfarbenschattierungen. Dabei werden die Soloinstrumente im Grunde nur als zusätzliche Klangfarben des Orchesters eingesetzt, als weitere Farbtupfer in den zarten Geweben der Partitur, die sich bisweilen in präzisere Figuren verfestigt, sonst aber kaum jemals in solistischer Manier herausstechen. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das unter Leitung von Peter Rundel agiert, steht dem in Hinblick auf die Spannung in nichts nach. Allerdings zeigt sich doch hin und wieder, dass die Musiker in Bezug auf die geforderten Spieltechniken – insbesondere der Flageoletts – nicht ganz jene ausgereiften Fähigkeit wie die Ensemblemitglieder besitzen, woraus geringe Diskrepanzen zwischen der solistischen und der orchestralen Ebene resultieren. Davon einmal abgesehen ist diese Produktion mit ihrem spannenden Hörabenteuer eine treffliche Bereicherung der seit einigen Jahren immer rascher anwachsenden Sciarrino-Diskografie.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sciarrino, Salvatore: Sui poemi concentrici I, II, III

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
3
13.11.2009
142:07
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010281389
KAI 0012812


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