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Samstag, 4. Dezember 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - Don Giovanni

Wärme eines Vorstadt-Theaters


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Tempi sind ohne Ausnahme optimal, sowohl für die Sänger, für die Hörer wie auch für den Gestus des Stückes selbst.

Opern-Einspielungen haben zwangsläufig immer etwas Ernüchterndes, jedenfalls dann, wenn man das Stück von Live-Aufführungen kennt. Niemals kann beispielsweise das schauerliche Dröhnen der ersten Akkorde der Don Giovanni-Ouvertüre (in der die Höllenfahrt des bekanntesten Schürzenjägers aller Zeiten bereits antizipiert wird) so drastisch durch Mark und Bein gehen, wie es in einer Aufführung - und sei sie noch so schlecht - der Normalfall ist.

Wenn man diese bedauerliche Tatsache vorweg für sich akzeptiert hat, so kann man allerdings mit der vorliegenden Einspielung so manche Überraschung - im positiven Sinne - erleben. Naxos hat der Konkurrenz wiederum die lange Nase gezeigt und für ein geradezu lächerliches Geld eine Don Giovanni-Version vorgelegt, die in so mancher Hinsicht die Palme davon tragen kann, auch wenn sie an die besten aller Don Giovanni-Aufnahmen insgesamt nicht heranreicht.
Als direkter Vergleich bietet sich der kürzlich erschienene Live-Mitschnitt mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding an, der beim Aix-en-Provence Festival (Virgin, 1999) gemacht worden ist. Harding bietet dabei in immer noch recht jugendlichem Enthusiasmus eine Interpretation, die nicht nur Anstalten macht, gleich mehrfach Geschwindigkeitsrekorde zu brechen (was die Sänger des öfteren in arge Verlegenheit bringt). Ein wesentlich bedeutenderes Problem bei Harding sind die vielfachen Übertreibungen, vor allem dynamischer Art. Schon die Ouvertüre wirkt extrem artifiziell, ja geradezu überzüchtet. Man merkt den unbedingten Wunsch, sich von allen bisherigen Versionen abzusetzen, was in diesem Fall allerdings nicht wirklich gutgeht.
Halász ist von völlig anderem Schlag. Bei seiner Einspielung stellt sich ein ähnliches Gefühl ein wie das, was einen überfällt, wenn man nach wochenlanger Sushi-, Austern oder Finger Food-Tortour die Qualitäten gehaltvoller Substanz schätzen lernt. Was Halász hier auch unternimmt - er macht es gut. Die Tempi sind ohne Ausnahme optimal, sowohl für die Sänger, für die Hörer wie auch für den Gestus des Stückes selbst.

Das allein will bereits etwas heißen, haben doch selbst Dirigenten wie Giulini, etwa in seiner Don Giovanni-Version von 1959/87 gelegentlich Tempo-Probleme (beispielsweise bei der deutlich lahmenden Ouvertüre). Alles bei Halász hat Zeit sich zu entwickeln, aber die Zugkraft bleibt immer erhalten. Gleichzeitig hat das Ganze einen angenehmen vollen Klang mit Betonung der tieferen Streicher, wodurch das Fundament einigermaßen gesichert ist. Gerade dieses Fundament fehlt Harding beispielsweise völlig. Dessen Ouvertüre machte eine derart überreizt-zerbrechlichen Eindruck, als ob man befürchten muss, ein kleiner Huster könnte das musikalische Gebäude sofort zum Einsturz bringen. Das ist keine Frage der Besetzung, sondern der Balance. Und auch die stimmt bei Halász immer.
Er hat ohne Zweifel Talent dafür, den Sängern den Raum zu geben, den sie benötigen, ohne dabei im Orchester etwas ‚hinten runter fallen zu lassen‘. Das macht Halász so sicher und behutsam zugleich, dass selbst die ein oder andere Prestige-Aufnahme dahinter zurückbleibt. Bei ‚Batti batti, o bel Masetto‘ etwa ist Halász trotz einer vor allem in der Höhe schwächelnden Zerlina (Ildikó Raimondi) eine Atmosphäre gelungen, die Giulini - bei allem Respekt - nicht erreicht hat. Man hört hier wirklich alles, ohne dass es steril oder überanalysiert wirkt, im Gegenteil: das Ganze verströmt die Wärme eines kleinen Vorstadt-Theaters auf hohem Niveau. Die abgespreizten Fingerchen sind woanders zu Hause.

Don Giovanni wird hier von Bo Skovhus gesungen, und dass dieser hier nicht einen alternden, jovialen Lebemann wie das lange Zeit üblich war spielt (und bei welchem man sich schon immer gewundert hat, wie der je eine Donna hinter dem Ofen hervor locken konnte), war zu erwarten. Allerdings ist Skovhus hier in keinster Weise revolutionär. Von einem Sänger, der gerne erzählt, dass er in seiner Jugend eher Heavy Metal nahe stand und weniger dem Knabenchorgesang, erwartet man vielleicht schnell eine eher unkonventionelle Deutung. Doch Skovhus ist zu professionell, um das zur Schau zu stellen. Mozart schrieb den Don Giovanni seinerzeit dem 22jährigen Luigi Bassi auf den Leib, demnach hat sich Mozart also keineswegs einen väterlichen Typ vorgestellt, sondern einen jugendlichen Erotomanen, der plötzlich die Erfahrung macht, wie es ist, bei den Damen auf Granit zu beißen anstatt ein zartes Händchen zu halten. Skovhus liegt nicht nur altersmäßig im Mittelfeld, sondern auch in seiner Deutung. Der jugendliche Übermut ist schon weg, aber mögliche Schwächen muss er auch noch nicht überspielen. Skovhus‘ Don Giovanni ist eher ein Gebieter als ein Charmeur.

Merkwürdig an dieser Aufnahme insgesamt ist, dass die sängerischen Leistungen sich hier zwar durchweg auf recht hohem Niveau bewegen (wobei die Männer wie bei den meisten Don Giovanni-Aufnahmen besser abschneiden als die Frauen), aber es fehlt bei allen an einem Ausdruckswillen, der über das in engerem Sinne Gesangliche hinaus geht. Besonders auffällig ist das bei Donna Elvira (Regina Schörg), deren Rolle ja eine ganze Bandbreite von Emotionen parat hält: Liebe, Sehnsucht, Hass, Eifersucht, Abscheu, Rachegedanken, Mitleid, Verachtung. Schörg singt das alles schön und gut, doch einfach zu nett. Sie kann einfach nicht aggressiv sein, nicht sauer, nicht enttäuscht. Sie geht weder auf Konfrontation noch ist sie Impulsgeberin für das Geschehen. Emotionale Zustände etwa werden eher durch den Orchesterpart suggeriert als durch den Gesang. Das gilt in ähnlicher Form für fast die gesamte Aufnahme, und selbst bei den Rezitativen gibt es eine auffallende Zurückhaltung, die wie abgesprochen erscheint und lediglich von Skovhus und Renato Girolami/Leporello (etwa wenn dieser das Unschuldslamm mimt und in läppischer Art ausweichende Antworten gibt) gelegentlich überwunden wird.

Stimmlich haben insbesondere die Männer noch Reserven, und sie bestreiten ihre Partien erstaunlich locker. Eine interessante Figur ist dabei Torsten Kerls Don Ottavio. Kerl versieht Don Ottavio nicht nur mit einer ungewohnt ungestelzten Stimme, sondern auch mit einem Imagewechsel. Diesem Don Ottavio glaubt man ohne jeden Zweifel, dass er - anders als üblich - Worten der Rache tatsächlich auch Taten folgen lassen würde: kein blasses, eher passives Sensibelchen, sondern ein eher körperlicher Typ, der - so könnte man meinen - schon so manches Duell für sich entschieden hat. Seine Entschlossenheit lässt nicht nur Don Ottavio in neuem interessanten Licht erscheinen lässt, sondern verleiht auch der gesamten Oper ein anderes Gepräge. Gesungen wird hier übrigens die Prager Fassung, doch muss man auf Don Ottavios ‚Dalla sua pace‘ keineswegs verzichten. Als Kompromißlösung hat man an den Schluss der Oper einen Appendix mit den Wiener Stücken (ohne Rezitaitive) angehängt.

Ohne Zweifel tritt jede neue Don Giovanni-Aufnahme zwangsläufig gegen härteste Konkurrenz an. Es gibt einfach einige Interpreten (Giulini, Karajan), die immer noch und zu Recht dort ihr Revier abgesteckt haben. Doch wer nicht viel Geld ausgeben will oder auch einmal über die Seitenlinie schauen will, der ist mit dieser Aufnahme gar nicht übel dran. Der Einspielung von Daniel Harding und dem Mahler Chamber Orchestra beispielsweise ist sie um Längen voraus - auch wenn dieser Live-Mitschnitt durchaus eigene Qualitäten hat. Ein echtes Manko der vorliegenden Aufnahme ist allerdings, dass es im Beiheft zwar eine Inhaltsangabe in deutscher Sprache gibt. Das Libretto selbst ist allerdings nur in Italienisch abgedruckt, wodurch jedem, der in dieser Sprache nicht sattelfest ist, so manche Pointe durch die Lappen gehen dürfte. Und auch wenn letztlich der Inhalt entscheidend ist und nicht die Verpackung: Zopfiges Design ist zwar ein Markenzeichen von Naxos. Doch eine flotte Aufnahme hätte eigentlich auch eine adäquate Aufmachung verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Don Giovanni

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Naxos
1
29.10.2001
2:53:39
2000
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0730099608022
8.660080-82

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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Dirigent(en):Halász, Michael
Orchester/Ensemble:Nicolaus Estherházy Sinfonia
Interpret(en):Hungarian Radio Choir,


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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