> > > Haydn, Joseph : Sinfonien Hob. I: 94, 97 & 98
Sonntag, 20. Oktober 2019

Haydn, Joseph - Sinfonien Hob. I: 94, 97 & 98

Ein kontrolliertes Überschäumen


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch Bruno Weils zweite Folge mit Haydns Londonder Sinfonien weiß für sich einzunehmen. Schwungvoll, pointiert, hintersinnig wird hier musiziert. Das Ergebnis überzeugt.

Über seine Zeit als Kapellmeister am ungarischen Fürstenhof Eszterháza, wo er für die ‚Hoff- und Camer-Musik‘ zuständig war, schrieb Joseph Haydn – der von 1757 bis 1795 nahezu ununterbrochen Sinfonien komponierte (insgesamt wurden es 104) und hierbei die Gattung nicht nur erst etablierte, sondern auch systematisch weiterentwickelte – die berühmten Worte: ‚Ich war von der Welt abgesondert, Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selber irre machen und Quälen, und so mußte ich original werden.‘ In der englischen Hauptstadt, in die er nach dem Tod seines Dienstherrn Fürst Nikolaus und auf ein Angebot des Londoner Impresarios Johann Peter Salomon hin gekommen war, war er jedoch alles andere als ‚von der Welt abgesondert‘. Gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft in London 1791 suchte er die Redaktionen der großen Zeitungen auf, um sich mit dem Geschmack seines neuen Publikums vertraut zu machen; denn stets ein großes Anliegen waren ihm Verständlichkeit und Erfolg seiner Werke.

An Einfachheit, wenngleich nicht unbedingt an Verständlichkeit ist der zweite Satz seiner Sinfonie Nr. 94 G-Dur kaum zu überbieten. Die grandiose (vermeintliche) Banalität dieses Satzes, dem die Sinfonie ihren Beinamen ‚mit dem Paukenschlag‘ verdankt, musiziert die Cappella Coloniensis unter der Leitung von Bruno Weil geradezu schalkhaft aus. Wie schrieb doch der ‚Musikalische Almanach auf das Jahr 1782‘ über Haydn und seinen nachgerade legendären, im Hinblick auf sein Gesamtwerk jedoch wohl überschätzten musikalischen Humor? Haydn sei ein ‚musikalischer Spaßmacher fuers hohe Komische; und dieß ist in der Musik verzweifelt schwer. Deswegen fuehlen auch so wenige Leute – daß Hayden Spaß mache, und wenn er ihn mache.‘ Hier fühlt man es.

Schwung und Stilsicherheit

Mit Verve und einem eminenten Gespür für die metrischen Ambivalenzen geht das 1954 gegründete Ensemble, das übrigens mit zu den ersten der Historischen Aufführungspraxis zählte, im Kopfsatz zu Werke, stapft angemessen im bäurisch-derben Menuett, arbeitet die Nuancen des zurückgenommenen Trios heraus und macht die intrikate, metrisch ungemein raffinierte Themenbildung im Finalsatz durchhörbar; gut möglich, dass Igor Strawinsky dieses 'Allegro di molto' im Sinn hatte, als er über eine der Sinfonien aus der Salomon-Serie äußerte: ‚Ich liebe die (Sinfonien) von Haydn wegen der verschiedenen Länge ihrer Perioden.‘

Die Sinfonie Nr. 94 komponierte Haydn bereits 1791, sie wurde jedoch erst im folgenden Jahr als fünfte der Londoner Sinfonien aufgeführt, da sie im Vergleich zu den früheren schwerer verständlich erschien. Die ersten drei der Londoner Sinfonien (Nr. 96, 95 und 93) hat die Cappella Coloniensis im Mai 2009 bereits vorgelegt; mit dieser klanglich hervorragenden Aufnahme folgt nun der zweite Schwung.

Die Sinfonie Nr. 97 C-Dur stand am Ende von Haydns erstem Londoner Aufenthalt. Ein glanzvolles Musizieren auch hier: Trocken und klar erklingen die Tutti in großer Besetzung (die Sinfonien der ersten Londoner Serie kommen noch ohne Klarinetten aus, über die Salomons Orchester offenkundig nicht verfügte), die dynamischen Kontraste und Schattierungen werden zumal im tänzerischen zweiten Satz deutlich herausgestellt, und nicht nur die Phrasierung und Artikulation sehr genau nehmende Interpretation des Finales beeindruckt mit dem Kunststück eines kontrolliert überschäumenden Musizierens.

Die Sinfonie Nr. 98 entstand wenige Monate nach Mozarts Tod; in ihr spielt Haydn nicht nur auf ‚God Save The Queen‘, sondern auch auf Mozarts c-Moll-Klavierkonzert KV 491 an, das sein ‚depressivstes Stück‘ gewesen sei. Diese Meinung vertritt jedenfalls der Dirigent, der auf der zweiten CD leicht verständlich, wenn auch sachlich nicht immer nachvollziehbar, vor allem aber sehr gefühlig und stark vereinfachend in die Werke einführt. Eine der wenigen Thesen Weils, die überzeugen – dass Haydn den Part des Cembalos, das so auffällig solistisch im vierten Satz erklingt, als Hommage an das Wunderkind Mozart konzipiert habe, denn, und nun wird es wieder seicht: „Mozart war Haydns bester Freund.“ Doch noch ein Wort zur musikalischen Interpretation. Der schmerzliche Impetus des zweiten Satzes wird expressiv herausgestellt, doch ohne dass die formale Contenance verloren ginge. Und auch im ersten Satz der B-Dur-Sinfonie ist die Musizierkultur hoch, die Klangkultur schlank. Kurzum: Was die musikalische (nicht: die musikwissenschaftliche) Interpretation betrifft, lässt diese Einspielung keine Wünsche offen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph : Sinfonien Hob. I: 94, 97 & 98

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
2
01.11.2009
Medium:
EAN:

SACD
4260052380628


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Haydn, Joseph
 - Sinfonie Hob. I: 98 B-Dur - Adagio - Allegro
 - Sinfonie Hob. I: 98 B-Dur - Adagio cantabile
 - Sinfonie Hob. I: 98 B-Dur - Menuetto. Allegro
 - Sinfonie Hob. I: 98 B-Dur - Finale. Presto
 - Sinfonie Hob. I: 94 G-Dur ´Mit dem Paukenschlag´ - Adagio - Vivace assai
 - Sinfonie Hob. I: 94 G-Dur ´Mit dem Paukenschlag´ - Andante
 - Sinfonie Hob. I: 94 G-Dur ´Mit dem Paukenschlag´ - Menuetto. Allegro molto
 - Sinfonie Hob. I: 94 G-Dur ´Mit dem Paukenschlag´ - Finale. Allegro di molto
 - Sinfonie Hob. I: 97 C-Dur - Adagio - Vivace
 - Sinfonie Hob. I: 97 C-Dur - Adagio man non troppo
 - Sinfonie Hob. I: 97 C-Dur - Menuetto. Allegretto
 - Sinfonie Hob. I: 97 C-Dur - Finale. Preso assai


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Dirigent(en):Weil, Bruno
Orchester/Ensemble:Capella Coloniensis of the WDR


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
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