> > > Ivan Moravec live in Brüssel: Klavierwerke von Beethoven, Brahms & Chopin
Sonntag, 29. Mai 2022

Ivan Moravec live in Brüssel - Klavierwerke von Beethoven, Brahms & Chopin

Unprätentiöse Klavierkunst


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ivan Moravec zeigt sich einmal mehr als Klaviervirtuose ohne alles Virtuosengehabe. Seine Kunst kommt wie auf leisen Pfoten daher.

Wenn der russische Pianist Grigory Sokolov als Geheimtipp gilt (wobei er in den letzten Jahren mit zahlreichen Konzerten in Deutschland eine breite Klaviergemeinde begeisterte), dann dürfte Ivan Moravec ein noch viel ‚geheimerer’ Tipp sein. Der 1930 geborene Tscheche ist weit weniger präsent auf den Konzertpodien, und auch seine Einspielungen sind nicht allzu zahlreich; in jüngerer Zeit (2001) wurde nur ein Live-Mitschnitt herausgebracht, alle anderen erhältlichen Aufnahmen sind schon Jahrzehnte alt (was freilich ihre Bedeutung nicht einschränkt).

Auch die vom tschechischen Label Supraphon in diesem Jahr veröffentlichte Aufnahme ist eigentlich schon älter: Es handelt sich um einen Brüsseler Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1983. Dass das Material aber bisher nicht erschienen ist, macht es zu einem kostbaren Schatz, auf den sich der Klavierbegeisterte ungeduldig stürzt. – Er wird nicht enttäuscht. Moravec, der grandiose Chopin-Interpret mit großer Liebe zu Debussy, Brahms, Mozart und nicht zuletzt Komponisten seiner tschechischen Heimat, hat ein Programm zusammengestellt, das seine pianistische Kunst im besten Licht erscheinen lässt und – nicht selten in seinen Konzerten – Chopin als Schlusshöhepunkt ans Ende des Konzertabends gesetzt. Davor gibt es die sogenannte ‚Pastoral‘-Sonate D-Dur op. 28 von Ludwig van Beethoven und vier Stücke von Johannes Brahms, sämtlich spätere Stücke (entstanden zwischen 1878 und 1892). Von Frédéric Chopin erklingen zwei Nocturnes (opp. 32/1 und 27/1), zwei Mazurken (opp. 17/4 und 50/3) sowie das h-Moll-Scherzo op. 20.

Schon die nicht allzu oft gespielte D-Dur-Sonate von Beethoven zeigt Moravec nicht nur als einen virtuosen Pianisten, dessen Läufe mit geschmeidiger Leichtigkeit perlen, sondern vor allem als einen Anschlagskünstler par excellence. Man traut zuweilen seinen Ohren nicht, welche Farbunterschiede Moravec dem Flügel zu entlocken weiß. Das wird schon im heiteren Eröffnungssatz offenbar, mehr noch aber im folgenden 'Andante’, in dem Moravec die kontrastierenden musikalischen Charaktere durch unterschiedliche Farben verdeutlicht. Große Tastenkunst präsentiert Ivan Moravec dann in Brahms‘ Intermezzo a-Moll und dem A-Dur-Intermezzo, beide aus op.118. Die dynamische Kontrolle des Klaviersatzes ist fabelhaft, die musikalische Strukturierung mit kantablem Legato hält diese bei anderen Pianisten leicht zerfasernden Stücke spannungsvoll zusammen. Ebenso überzeugend gerät das h-Moll-Capriccio op. 76 und die Rhapsodie Nr. 2 in g-Moll aus op. 79. Keine schlechte Idee, die beiden Intermezzi durch das Capriccio zu trennen, in dem Moravec den Eingangsteil mit tupfendem Anschlag dem ganz expressiv und gesanglichen Mittelteil entgegenstellt. – Und dies alles in gänzlich unprätentiöser Manier, getragen von künstlerischer Redlichkeit, weitab von allem oberflächlichem Effekt. Expressivität wird hier nicht hergestellt, sie scheint sich von selbst zu ergeben, als schiere Folge des interpretatorischen Zugangs von Ivan Moravec.

Kleine Beweglichkeiten im Tempo nutzt der Pianist, um die Spannungskurven der Musik wirkungsvoll nachzuzeichnen, um Artikulationsdifferenzen und Farbschattierungen nachdrücklich zu unterstützen. Dabei wirkt der Grundklang seines pianistischen Zugriffs sehr offen und hell, selbst Brahms‘ Klavierwerke klingen keineswegs so melancholisch verschattet wie ansonsten oft. Der Höhepunkt des Konzertabends, gleichzeitig jener dieser Aufnahme, sind die fünf Chopin-Programmpunkte. Das H-Dur-Nocturne op. 32/1 gestaltet Moravec mit einer atmenden Flexibilität und verleiht dem Klaviersatz durch differenzierten Anschlag unterschiedliche Schichten: die volltönende Mittellage wird von den im oberen Register hauchzart artikulierten Fiorituren wunderschön abgesetzt, während der Klavierklang sich gegen Ende hin verhärtet – passend zur Stimmung mit der lastenden Tonwiederholung und den harten Sforzati durchsetzten Melodiefetzen. Auch das cis-Moll-Nocturne op. 27/1 verdichtet Moravec zu einer dramatischen Szene, ohne die Musik auf reine Stimmung zu reduzieren: Die musikalische Struktur teilt sich gleichsam unter der Hand in größter Klarheit mit. Dieses Musizieren mit Herz und Verstand gleichermaßen zeigt sich auch in den Mazurken, ehe das Scherzo Nr. 1 in h-Moll op. 20 in einer mitreißenden, ebenso suggestiven wie glasklar-unsentimentalen Weise. Das Hastig-Nervöse erhält in Moravecs‘ Deutung so viel Gewicht wie die kraftvollen Melodiefragmente. Der H-Dur-Teil wird mit viel Ruhe und am Gesang orientierter Phrasierung gestaltet, exzellent auch hier die pianistische Kontrolle. Das dürfte dem stillen tschechischen Tastenzauberer so schnell niemand nachmachen.

In den Studios des Tschechischen Rundfunks wurde das Audiomaterial sorgsam bearbeitet. Der Hörer wird recht nah an den Flügel herangeführt, sodass das leise Mitsingen und -summen Moravecs hier und da hindurchschimmert. Viel wichtiger aber: Die Farben des Klaviers, die Artikulationsfeinheiten werden ebenso deutlich, was die Einspielung zu einem weiteren glanzvollen Dokument von Ivan Moravecs musikalischer Meisterschaft macht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ivan Moravec live in Brüssel: Klavierwerke von Beethoven, Brahms & Chopin

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
23.10.2009
Medium:
EAN:

CD
099925400422


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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