> > > Schneider, Enjott: Orgelsinfonie Nr. 6 ´Te Deum´
Montag, 15. August 2022

Schneider, Enjott - Orgelsinfonie Nr. 6 ´Te Deum´

Im Geiste Bruckners


Label/Verlag: Ambiente Audio
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vierte Folge geistlicher Musik des hauptsächlich als Filmmusikers bekannten Enjott Schneider bietet neben kleineren Werken eine seiner zwölf Orgelsinfonien, gespielt vom Widmungsträger an der Florianer Bruckner-Orgel.

Enjott Schneider (geb. 1950) ist hauptsächlich als Komponist von Filmmusik bekannt – allein für dieses Medium hat er etwa 500 Partituren geschaffen; zudem ist er seit 1996 Professor für Filmkomposition an der Münchner Musikhochschule, wo er zukünftige Filmkomponisten ausbildet. Das ist jedoch eine unzulässige Verengung, denn Schneiders Schaffen umfasst viele Gattungen; er schrieb allein mehrere abendfüllende Opern, Sinfonik, aber auch – und das will in die Schublade ‚Filmkomponist’ erst einmal gar nicht hineinpassen – geistliche Musik vom Orgelstück bis zum Oratorium. Aber: Schneider hat – neben vielen anderen Instrumenten – auch Orgel gelernt und hatte sogar zeitweilig eine Organistenstelle inne, und auch seine Münchner Professur wurde erst von einer solchen für Musiktheorie und kirchenmusikalische Komposition in die heutige umgewandelt.

Aktuelles Kompositionsprojekt

Nun ist es keineswegs so, dass Enjott Schneider der geistlichen Musik irgendwann den Rücken gekehrt hätte. Im Gegenteil: Derzeit entsteht mit einem Zyklus von zwölf groß angelegten Orgelsinfonien ein ehrgeiziges Projekt, das ohne die nötige Portion innerer Überzeugung und Sendungsbewusstsein wohl kaum zu realisieren wäre. Neun Sinfonien hat Schneider bereits vollendet. Sie alle stellen – durch ihre Titel bereits angedeutet – eine Auseinandersetzung mit der Gattung und dem Schaffen großer Orgelmeister dar. Die sechste Sinfonie mit dem Titel 'Te Deum’ wurde 2008 von Jürgen Geiger an der Bruckner-Orgel der Stiftskirche St. Florian, unter der ja auch die sterblichen Überreste des österreichischen Komponisten ruhen, uraufgeführt; das Werk nimmt dann auch konkret auf Bruckner, genauer: auf sein 'Te Deum’ Bezug, indem es zahlreiche Zitate enthält und in seiner formalen Struktur eng der Brucknerschen Vertonung folgt. Die Form bleibt aber weitestgehend eine Vorlage, in die Schneider nun eine kompositorische Auseinandersetzung mit Leben und Schaffen Bruckners hineinspiegelt.

Kleinere Werke als Gegenpart

An der Bruckner-Orgel hat Geiger, der zudem Widmungsträger der Sinfonie ist, auch die vorliegende Einspielung realisiert, bei der der Sinfonie einige kleinere Orgelwerke gegenüberstehen und sich beide ‚Parteien’ die Spielzeit in etwa teilen: die Choralvorspiele 'Schmücke dich, o liebe Seele’ und 'Komm, heil’ger Geist, Herre Gott’ aus dem 'Ansbacher Orgelbüchlein’, die Pastorale 'Herz und Herz vereint zusammen’, die modale Fantasie 'Wenn meine Sünd’ mich kränken’, eine 'Toccata sopra Alleluja’, sowie Rezitativ und Blues 'De profundis’. Letzteres erinnert daran, dass Schneider auch in der Popmusik durchaus zuhause ist, bietet aber niveauvolle Kunstmusik lediglich mit Blues-Anleihen. Generell ist Schneiders Tonsprache in den hier präsentierten Werken durchaus traditionell und sollte dem Ohr keine Probleme bereiten, freilich ohne anbiedernd oder seicht zu sein. Für das bisher verschwiegene letzte Stück der CD, 'Ataccot’, darf Schneider nicht die volle Autorschaft beanspruchen, denn es handelt sich um nichts anderes als die rückwärts gespielte Toccata d-Moll BWV 565. Das kurze Stück ist auch rückwärts gespielt erstaunlich lebensfähig und bietet einen witzigen, wenn auch naturgemäß irgendwie ‚offenen’ Abschluss der Programmfolge, deren ansonsten wenig zwingende Zusammenstellung unter dem Aspekt einer Gesamteinspielung gesehen werden muss.

Teil einer Gesamtaufnahme

Um diese handelt es sich nämlich: Das Label Ambiente, in dessen Katalog ein deutlicher Schwerpunkt auf Orgelmusik auszumachen ist, begnügt sich nicht mit einem auszugsweisen Einblick in das geistliche Schaffen Enjott Schneiders, sondern geht mutig in Serie. Die vorliegende Platte ist bereits die vierte Folge; während in den beiden ersten ein gemischtes Programm aus Vokal- und Orgelmusik geboten wird, herrscht hier mit nur einem Instrument und einem Interpreten Einheitlichkeit. Und in wessen Händen könnte die sechste Orgelsinfonie besser liegen als in denen des Widmungsträgers und Bestreiters der Uraufführung? Dass auch für die vorliegende Einspielung wieder die große Bruckner-Orgel zur Verfügung stand, darf ebenfalls als Glücksfall angesehen werden. Geiger, 1976 geboren und in gleichen Maßen Pianist wie Organist, begeistert die Presse sonst durch virtuose Darbietungen. Auch die technischen Anforderungen der hier gespielten Musik stellen keine Hindernisse dar; schön ist die eindrucksvolle Präsentation der Klangmöglichkeiten der Orgel, der Geiger die verschiedensten Klangfarben und -kombinationen entlockt. Auch die Stücke, die auf Zurschaustellung eines spieltechnischen Feuerwerks verzichten, gelingen Geiger eindringlich und in abgerundeter Art und Weise. In seiner Schlichtheit berührt das Choralvorspiel 'Schmücke dich ...’ mit sanft wiegenden Akkorden in den Oberstimmen und der Choralmelodie im Pedal; die ruhige und friedvolle Atmosphäre, die Geiger hier evoziert, dürfte stimmungsvoller kaum hinzubekommen sein. Der sehr natürlich und unverfälscht gehaltene Klang der 2009 entstandenen Aufnahme findet die richtige Balance zwischen Durchhörbarkeit und Raumgefühl; dass die tiefen Frequenzen zum Teil etwas zu sehr im Vordergrund stehen, kann auch mit der Beschaffenheit des Instruments zusammenhängen. Die gut lesbaren und informativen Booklet-Texte runden die für Orgelmusik-Freunde und Bruckner-Liebhaber unbedingt hörenswerte Produktion ab, die Teil einer interessanten Reihe und lobenswerten Initiative ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schneider, Enjott: Orgelsinfonie Nr. 6 ´Te Deum´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ambiente Audio
1
23.02.2011
Medium:
EAN:

CD
4029897030095


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