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Montag, 6. Dezember 2021

Schüttler, Martin - Pelze & Restposten

Und vorm Einschlafen schnell noch ein Bier


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Martin Schüttler gehört zu den Komponisten, die akustische Realitäten konsequent in ihre Musik integrieren.

Die neueste Folge der Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrates, die jüngst bei WERGO erschienen ist, ist dem Schaffen von Martin Schüttler gewidmet. Schüttler gehört zu den Komponisten, die akustische Realitäten nicht einfach aus ihrer Musik ausblenden und sich dem Eskapismus hinein in die Konzertsäle streng verweigern. Sein Lehrer Nicolaus A. Huber hat das 1972 als ‚kritisches Komponieren‘ bezeichnet, als ein Komponieren, das die ‚Probleme, die den Menschen betreffen‘ widerspiegelt. Martin Schüttlers Musik bewegt sich immer an der Realität entlang und fungiert zugleich als ihr kritischer Kommentar. Als Jäger und Sammler akustischer Trouvaillen integriert er die Klänge, die uns umgeben, konsequent in seine Arbeit, ohne sich um ihre klassische Kompatibilität zu kümmern.

In seinem Tonbandstück 'Das Mitleid ist die Geißel der Menschheit, Sheriff‘ greift Schüttler auf ein defektes MIDI-File einer Computerspielmusik aus den Achtzigern zurück, die er in bearbeiteter Form mit einem Ghetto-Blaster, also einem bewussten Low-Tech-Instrument und in hochauflösender Vierkanalton-Wiedergabe zuspielt. Ein Dialog ungleicher Partner entsteht, und der Titel des Albums kommt einem unwillkürlich in den Sinn: ‚Pelze und Restposten‘ – wie in der Fußgängerzone, in der hinter orangener Lichtschutzfolie präsentierte Pelzmützen auf die Bückware im Ein-Euro-Shop gegenüber blicken.

Auch in anderen Werken bedient sich Schüttler bereits bestehender Musik, so in 'taped & low-bit‘ für präparierten, und das bedeutet hier: geknebelten Countertenor und Synthesizer. Der Komponist Johannes Kreidler hat dazu einmal treffend bemerkt: ‚Die Enttabuisierung bestehender Musik als Spielmaterial für die Neue Musik war eine paradigmatische Wende, die so stark polarisierend wirkte, dass die ihr innewohnenden Potenziale zwischen Trash und Bildungsbürgergut bis jetzt nicht gründlich ausgehoben sind.‘ Bei Martin Schüttler stehen diese disparate Ebenen gleichberechtigt nebeneinander. Ramsch trifft auf zart ausgehörte Passagen, profane Zitate werden zu Blutgrätschen in vermeintlich magische Momente.

In 'Gier‘ für Oboe (mit Melodika), Schlagzeug, Klavier, Kontrabass und Live-Elektronik erlebt der Hörer Musik gewordene Schüttware, die stetige Anhäufung des immer gleichen Materials, aus der aber kein Reichtum erwächst, sondern gähnende Langweile. Die konsequente Designverweigerung in der Musik führt schließlich zu einer Kunst, die ehrlich ist und wahr, reflektiert und zeitgemäß – und bestimmt nicht zeit-genössisch.

Positiv auffallend ist auch die Präsentationsform der CD: Martin Schüttler gehört zu einer neuen Generation von medienreflektierenden Komponisten, die ihre Platten nicht mit Livemitschnitten von Uraufführungen vollpacken, sondern die CD als eigenständiges Medium begreifen und als solches nutzen. Zusammen mit Mark Lorenz Kysela, Schüttlers Partner im Laptop-Duo ‚taste‘, sind drei einminütige Miniaturen entstanden, die gemeinsam mit der Tonbandkomposition 'Das Mitleid ist die Geißel der Menschheit, Sheriff‘ die vier Musiken nach Noten verbinden und zu einem kompletten Hörerlebnis zusammenkitten.

Im Zusammensetzen von scheinbar Disparatem, im Zusammentragen von klingenden Wirklichkeiten stehen Martin Schüttlers Arbeiten schließlich für eine ‚gehaltästhetische Wende‘ in der Kunst, die der Philosoph Harry Lehmann konzise formulierte: ‚Die Hinwendung zum Gehalt impliziert eine Abwendung vom Material.‘ Beim Schreiben dieser Zeilen mischt sich die Titelmelodie von ‚Derrick‘ in Schüttlers Klänge, gepfiffen von einem unbekannten Virtuosen in den tristen Fluren vor der Cafeteria. Vorm Einschlafen schnell noch ein Bier. Weghören kann man nicht, Ohren haben keinen Schließmuskel. Aber die Augen kann man zumachen und lauschen lernen – die schönste Musik schreibt doch das Leben selbst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schüttler, Martin: Pelze & Restposten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.11.2009
Medium:
EAN:

CD
4010228657524


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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