> > > Ysaye, Eugene: Kammermusik für Streicher
Sonntag, 16. Mai 2021

Ysaye, Eugene - Kammermusik für Streicher

Verschwenderisch


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Naxos überrascht mit einer herausragenden Einspielung dreier später Werke für Streicher aus der Feder des Komponisten und Geigers Eugène Ysaÿe.

Dank einiger herausragender Aufnahmen aus den vergangenen Jahren ist der Komponist und Geiger Eugène Ysaÿe (1858-1931) nicht mehr ganz so unbekannt, wie er dies lange Zeit über gewesen ist. Zu Recht: Denn als Interpret hat er aufgrund seiner Gestaltungsfähigkeiten wie kaum ein anderer die komponierenden Zeitgenossen des franko-flämischen Raumes inspiriert, und in seiner eigenen Musik fand er zu einem unvergleichlichen Stil, in dem sich eine ganze Reihe zeitgenössischer Tendenzen bündelten. Die vorliegende Naxos-Produktion widmet sich drei Werken für Streicher, die vorzugsweise dem Spätwerk entstammen und teils zeitgleich oder nach dem berühmten Opus 27 – den 'Six Sonates pour violon seul' – entstanden sind. Entstanden ist dabei eine ganz ausgezeichnete CD, die vielleicht ein weiteres Stück dazu beitragen mag, das Komponieren von Ysaÿe ins rechte Licht zu rücken.

Noch aus früheren Jahren stammt die erst posthum veröffentlichte 'Sonate pour deux violons' von 1915, die von den Geigern Henning Kraggerud und Bård Monsen interpretiert wird und beiden Musikern enormes Können abverlangt. Das dreisätzige Werk schwankt zwischen leidenschaftlichem Ausdruck und – im langsamen Satz – verhaltener, fast melancholischer Farbe. Das Zusammenspiel ist exzellent, denn Kraggerud und Monsen gehen mit einem Höchstmaß an Genauigkeit aufeinander ein. Von ihrem Können zeugen etwa die zarten, sphärischen Klänge am Ende des Mittelsatzes, die gleich darauf vom volltönenden Beginn des dritten Satzes abgelöst werden. Impressionistische Farbgebungen, aber auch immer wieder sehr emphatisch formulierte Passagen deuten an, wo Ysaÿe kompositorisch zu verorten ist, machen aber auch zugleich die besonderen Hürden seiner Musik deutlich. Besonders packend realisiert ist das ständige Schwanken zwischen intimster, filigran gearbeiteter Kammermusik und der fast schon orchestralen Klangqualität, die der Komponist mit nur zwei Violinen zu erreichen versteht. Es handelt sich um ein Stück der ständigen Übergänge, das immer weiter treibt und stellenweise verschwenderische Melodien- und Klangfülle verströmt.

Das einsätzige Streichtrio 'Le Chimay' op. posth. aus dem Jahr 1927 weist ähnliche Kennzeichen auf: Auch hier wechselt intimes Musizieren mit Ausbrüchen, die klanglich über die kleine Besetzung hinaus streben. Doch liegt über allem – trotz der immer wieder aufkeimenden, flirrenden Farbfelder –, eine herbe, spätherbstliche Strenge, verbunden mit subtiler Kontrapunktik und einem bisweilen in kurze Monologe mündenden Schweifen, das über mehrere Abschnitte unterschiedlichen musikalischen Charakters führt. Mit akribischem Beharren auf den detailreichen Ausdrucks- und Dynamikbezeichnungen – hat man doch im Zuge der Einspielung das originale Stimmenmaterial des Komponisten zu Rate gezogen – setzen Kraggerud, Lars Anders Tomter (Viola) und Ole-Eirik Ree (Violoncello) diese Tour de force an Stimmungswechseln um und liefern eine außerordentlich gelungene, mitunter gar ein wenig an Arnold Schönbergs 'Verklärte Nacht' gemahnende Lesart des Werk.

Vielleicht am meisten unterschätzt ist die 'Sonate pour violoncelle' op. 28, 1923 zeitgleich zu den Violin-Solosonaten entstanden und wie dieser Zyklus ein Reflex auf die großen Vorbilder von Johann Sebastian Bach. Auch diese Komposition zeugt von Ysaÿes untrüglicher Kenntnis der instrumentalen Möglichkeiten – selbst Fingersätze schreibt der Geiger dem Cellisten vor, um dadurch genau kalkulierten Klangfarbenwirkungen zu erzielen. Ree richtet bei der Umsetzung sein Augenmerk auf die deklamatorische Qualität der Musik: Er zeichnet ihre Nuancen genau nach, wirkt bisweilen wie ein Sänger, der sich selbst durch Akkorde begleitet, in weitem Spannungsbogen die Melodien weiterspinnt und die vom Komponisten sehr genau formulierten Ausdruckscharaktere der einzelnen Sätze sorgfältig realisiert. Wunderbar, was er hier aus diesem auch unter Cellisten noch weitgehend unbekannten Werk herausholt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ysaye, Eugene: Kammermusik für Streicher

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
12.10.2009
Medium:
EAN:

CD
747313097777


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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