> > > Orff, Carl: Astutuli
Samstag, 15. August 2020

Orff, Carl - Astutuli

Schwank und Ritus


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Orffs musikalisches Theaterstück 'Astutuli' liegt nun als DVD vor. Das hat durchaus Witz, will aber schließlich doch nicht voll überzeugen.

Die Festspiele ‚Orff in Andechs (1998–2008)’ unter der künstlerischen Leitung von Hellmuth Matiasek pflegen das szenische Werk des umstrittenen, mit Werken wie ‘Antigonae’ oder ‘Die Kluge’ gleichwohl bedeutenden Komponisten des Musiktheaters. 2007 wurde ‘Astutuli’ aufgeführt. Der augenscheinlich einzige Live-Mitschnitt dieses Werks liegt nun in einer gut ausgestatteten DVD bei WERGO vor.

Das 1953 entstandene einstündige Werk ist Teil von Orffs ‚Bairischem Welttheater’ und im Gegensatz zur ‘Bernauerin’ eine Komödie: eine auf den ersten Blick abstruse, auf den zweiten Blick aber überaus schlüssige Synthese aus Bauernschwank und Mysterienspiel; auch das Epische Theater hat Spuren hinterlassen. Die Sprache – stilisiertes Bayrisch, das sich auch dem Nicht-Bayern erschließt, was auch an der guten Textverständlichkeit der Akteure liegt (die DVD bietet Untertitel an) – ist stark rhythmisiert, gesungen wird selten. Die Junge Münchner Philharmonie unter der Leitung von Mark Mast hat, salopp gesagt, daher nicht allzu viel zu tun, macht ihre Sache aber durchgängig gut. Die erste Musik erklingt nach acht Minuten, der Schlagwerkapparat dominiert.

Matiaseks Regie wird dem Werk gerecht. Das einfache und zweckmäßige Bühnenbild ist eine Holzkonstruktion im Halbrund und mutet an wie eine Kombination aus Amphitheater und Scheune. Die Szene ist karg, alles nur evoziert. Wie könnte es bei diesem Stück auch anders sein? Der Gagler kommt in die kleine Stadt und verspricht den Einwohnern ein Theaterstück, das nur die Schlauen sehen können, was zur Folge hat, das jeder die Luftschlösser und Gaukeleien des Gaklers vorgibt sehen zu können, weil er nicht als dumm gelten will. Der Gagler beschwört Geister und Zustände wie im Schlaraffenland herauf und knöpft den Zuschauern nach und nach ihr Hab und Gut ab. Keiner will der Dumme sein, und am Ende sind's alle – bis auf den Gagler. Die Besetzung dieser Rolle mit dem bekannten TV-Moderator Michael Schanze erweist sich als Glücksgriff. Man erkennt ihn nicht wieder. Er betont das Mephistophelische seiner Figur – definitiv kein ‚Kinderquatsch mit Michael’. Die eigentliche Hauptrolle hat jedoch der Chor inne, das Ensemble der ‘Welttheaterchöre Andechs’, das die Bühne nie verlässt und gut geführt wird.

Obwohl das Geschehen stark ritualisiert ist und damit den Zuschauer immer auch ein Stück weit auf Distanz hält, bietet Orffs Komödie einigen Witz. Komisch ist etwa, wenn der halbnackte Bürgermeister (Winfried Hübner) das imaginäre Gewand anzieht, das den Blick in die Zukunft verspricht, und deklamiert ‚z'eng ist's mir neet’... Sehr gut die beiden undurchschaubaren Landstreicher (geschmeidig: Christoph Gehr und Michael Schlenger), wenn sie die Schuld auf das (reale) Publikum schieben. Allein die Publikumsbeschimpfung (vor Handke) gerät zu lang. Schade nur, dass die Klangqualität zu wünschen übrig lässt: Die Aussteuerung unterliegt mehrfachen Schwankungen, ist einmal 10 Sekunden lang gar defekt.

Diese – im vergleichsweise kleinen Rahmen in Andechs realisierte – Aufführung von Orffs ‘Astutuli’ ist dennoch eine Bereichung nicht nur für eine auf Raritäten spezialisierte Musiktheatersammlung. Das Werk ist alles, nur keine Oper. Ein musikalisiertes Theaterstück, das einen ganz eigenen, herben Reiz entfaltet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Orff, Carl: Astutuli

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.10.2009
Medium:
EAN:

DVD
9783795778316


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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