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Montag, 25. Oktober 2021

Samaniego, Joseph Ruiz - Vokalwerke

Zwischen Himmel und Erde


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Los Músicos de Su Alteza interpretiert gänzlich unbekannte Villancicos von Joseph Ruiz Samaniego mit spanischem Temperament und sensibler Textdeutung in Historischer Aufführungspraxis.

Die Basílica del Pilar ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Christenheit, da hier 40 n. Chr. die Heilige Jungfrau über einer Säule (span.: pilar) erschienen sein soll. Daran, dass im Jahr 1661 ein Mann namens Joseph Ruiz Samaniego den Posten des Kapellmeisters erhielt, den er bis zu seinem Tode 1670 behalten sollte, erinnert sich heute keiner der pilgernden Marienverehrer, geschweige denn an die Werke dieses Komponisten. Das 1992 von seinem Leiter Luis Antonio González gegründete Ensemble Los Músicos de Su Alteza, das in Deutschland noch unbekannt ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, spanische Barockmusik in der Zeit um 1650 wiederzubeleben.

Der Namensgeber des Ensembles war eine prestigeträchtige Formation hoch qualifizierter Musiker, die zwischen 1669 und 1677 im Dienste des Generalvikars von Aragón und Johann Joseph von Habsburgs, einem unehelichen Sohn Philipps IV., das Musikleben Zaragozas prägten. In enger Zusammenarbeit mit spezialisierten Musikologen interpretiert das Ensemble von González Werke dieser Zeit auf historischen Instrumenten nach damaliger Aufführungspraxis.

Die Entdeckung der Villancicos von Joseph Ruiz Samaniego, der in seinem Amt als Kapellmeister auch für die Músicos de Su Alteza komponierte, beweist dass es an der Zeit ist, noch tiefer in den verstaubten Manuskripten des spanischen Barocks zu wühlen. Die Aufnahme bietet, sensibel und mit spürbarer Lust musiziert, einen breiten Einblick in die verschiedenen Arten des Villancicos, dieses urspanischen Genres, in dem sich das Profane mit dem Sakralen verbindet, fromme Inhalte durch schlüpfrige Doppeldeutigkeit und Volkssprache gebrochen werden. Genau diese Gratwanderung auf der Grenze zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen wird von den Músicos de Su Alteza so elegant vollzogen, dass es eine Wonne ist, dieser so unbekannten Musik zu lauschen.

Das erste Villancico der CD 'Oigan en breve ensalada‘ bietet eine dichterische Delikatesse, indem es sich durch und durch aus den Titeln zeitgenössischer Comedias von so illustren Autoren wie Juan Pérez de Montalbán und Lope de Vega zusammensetzt. Den ironischen Unterton dieser Textcollage offenbaren die Interpreten ganz charmant: Die ‚pura virgen’ (reine Jungfrau) und ‚la más constante mujer’ (die standhafteste Frau) und auch der ‚mejor hijo’ (beste Sohn) werden durch subtile Stimmeinfärbungen und sehr dem Sprachgestus angepassten Gesang als Floskeln entlarvt, ohne jedoch äußerlich an frommer Wahrheit zu verlieren – ein Kriterium, das in der Zeit der scharfen Zensur durch die Inquisición essentiell war.

Diese Art der Verschleierungstechnik war ein beliebtes Mittel spanischer Dichter, insbesondere da die Bildhaftigkeit des Christentums mannigfaltige Möglichkeiten bot, amouröse Begegnungen durch vermeintlich biblische Worte zu schildern, wie es die großen Mystiker, allen voran San Juan de la Cruz, zu tun pflegten. ‚La Virgen como una perla, halló en la concha su centro’ (Die Jungfrau wie eine Perle befindet sich im Inneren der Muschel) heißt es in ‘De esplendor se doran los aires’ –  die Doppeldeutigkeit des Wortes ‚Muschel’ war den Zeitgenossen durchaus geläufig. So trifft das Fazit am Ende des ersten Villancicos, das der CD ihren Titel gibt, den Nagel auf den Kopf: ‚La vida es sueño’ (Das Leben ist Traum). Pedro Calderón de la Barca stellt in seiner gleichnamigen Comedia fest, dass das Leben ein Traum ist und der Täuschung immer eine desillusionierende Ent-Täuschung folgt.

Die Interpretationen der Músicos de Su Alteza sind allesamt Ent-Täuschungen im allerbesten Sinne, denn sie offenbaren mit großem Gespür für die semantischen Feinheiten der Worte in der musikalischen Umsetzung die Doppelgesichtigkeit dieser Kompositionen. Dem anrüchig Profanen, das sowohl Sänger als auch Instrumentalisten mit hörbarer Freude, dabei stets klug differenziert in ihrer Gestaltung, oft bewusst schroff und besonders in den tänzerischen Abschnitten mitreißend schwungvoll musizieren, werden die sakralen Abschnitte gegenübergestellt, die – wie am Ende des ersten Villancicos – mit sinnlicher Intensität und klanglicher Schönheit dargeboten werden.

Neben der ausgezeichneten Interpretation ist die kontrastreiche Zusammenstellung der Werke hervorzuheben. Sorgfältig wurden verschieden groß besetzte und charakterlich unterschiedliche Villancicos ausgewählt, die zu diversen kirchlichen Festen erklangen. Dabei wechselt auch die räumliche Aufstellung der Musiker, gut zu hören in ‘Sonoras voces el aire pueblan’, wo mit Echoeffekten gearbeitet wird. Ergänzend zu den Vokalwerken hat das Ensemble auch eine der ‘Tocatas de Ministriles’ eingespielt, von denen Samaniego zahlreiche komponierte.

Zuletzt sei auf die gelungene Gestaltung des Booklets hingewiesen, wie sie beim Label Alpha üblich ist. In ansprechender Optik enthält es neben einem fundierten Text von Luis Antonio González, der Informationen über Leben und Werk Samaniegos liefert, einen zweiten wissenschaftlichen Text des Historikers Denis Grenier über ein Gemälde Diego Velázquez’, welches das Cover ziert. Unter dem Motto ‘ut pictura musica’ (‘Musik ist wie ein Gemälde, ein Gemälde wie Musik’) bleibt Alpha seiner Gepflogenheit treu, die aufgenommene Musik in einen breiteren kulturellen Kontext zu stellen.

Los Músicos de Su Alteza präsentieren auf dieser sehr empfehlenswerten CD ein in all seinen subtilen Anspielungen gut durchdrungenes, facettenreiches Klanggemälde spanischen Barocks. Die technische Souveränität der Musiker paart sich hier mit der überschwänglichen Lust am Musizieren und dem Feingespür für textliche Finessen, die – und dies ist wohl der einzige Wermutstropfen dieser Produktion – im Booklet leider nur auf Spanisch, Englisch und Französisch nachvollzogen werden können. Das Fazit: Hoher Repertoirewert und sehr gelungene Interpretation in schöner Aufmachung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Susanne Ziese Kritik von Susanne Ziese,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Samaniego, Joseph Ruiz: Vokalwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.09.2009
Medium:
EAN:

CD
3760014191534


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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