> > > Wagner, Richard: Die Meistersinger von Nürnberg
Dienstag, 2. März 2021

Wagner, Richard - Die Meistersinger von Nürnberg

Außerordentlich lebendig


Label/Verlag: Immortal Performances
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Mitschnitt von Wagners 'Meistersingern' aus dem Jahr 1939 mit Erich Leinsdorf ist ein faszinierender Schatz, den das Label Immortal Performances gehoben hat.

Das Jahr 1939 läutete einen Generationenwechsel an der Metropolitan Opera New York ein: Am 23. November verstarb – erst einundsechzigjährig – völlig überraschend Artur Bodanzky, der seit 1915 für das deutschsprachige Repertoire in New York zuständig war. Seine Fassung von Wagners 'Meistersinger von Nürnberg’ war mittlerweile legendär – auch wenn sie heute nur mehr als ‚acquired taste’ bezeichnet werden kann. Bodanzky beschnitt die Oper um eine runde halbe Stunde, nicht selten ohne Wagners ausgefeilte Dramaturgie in Mitleidenschaft zu ziehen. Als Erich Leinsdorf am 2. Dezember die Aufführung relativ kurzfristig übernehmen musste, war keine Zeit mehr, die Kürzungen wieder zu öffnen.

Eine Repertoireaufführung haben wir hier also, keine Galaaufführung, auch wenn in dieser Aufführung zwei Sänger ihr Rollendebüt gaben: Walter Olitzkis (1899–1949) Debüt als Beckmesser fand zu einem Zeitpunkt statt, als er seinen stimmlichen Zenit schon überschritten hatte. Unfähig, die Rolle zu singen, deklamierte er seinen Text vornehmlich. Seit der epochalen Interpretation der Rolle durch Hermann Prey (ab 1981) wissen wir, dass die Rolle viel mehr beinhaltet als die Reduktion auf den ‚komischen Alten’; so ist es nicht zu bedauern, dass Artur Bodanzkys Kürzungen Olitzki einiger seiner Zeilen beraubten. Auch dem David hatte Bodanzky eine ganze Menge Takte gestrichen. In dieser Rolle debütierte Karl Laufkoetter (geboren 1900, Todesjahr unbekannt) in dieser Aufführung. Der gebürtige Düsseldorfer hatte bereits an der Berliner Staatsoper als David glänzende Erfolge gefeiert und war 1936 an die Met gewechselt, deren Erster Tenorbuffo er bis 1946 blieb. Nach Meinung des Rezensenten kommen ihm die Bodanzky-Kürzungen ganz besonders entgegen: Mit keiner besonders schönen Stimme begabt, bleibt er weit hinter jüngeren Kollegen (etwa Gerhard Unger, nicht zu sprechen von Peter Schreiers unglaublich differenzierter Deutung), aber auch hinter dem ungefähr gleich alten Richard Sallaba (in dem berühmten Salzburger Mitschnitt von 1937 unter Toscanini) zurück. In anderen Wagner-Rollen (etwa als Mime in Rheingold und Siegfried) war Laufkoetter unzweifelhaft besser eingesetzt.

Friedrich Schorr (1888–1953) hatte bereits eine umfangreiche Karriere in Europa hinter sich, ehe er 1924 erstmals an der Metropolitan Opera auftrat; im Folgejahr debütierte er bei den Bayreuther Festspielen. Die Heldenbaritonrollen Wagners wurden eine seiner Spezialitäten, aus New York gibt es wenigstens neun Mitschnitte von Wagneropern mit seiner Mitwirkung, darunter auch Bodanzkys 'Meistersinger’ von 1936. In der vorliegenden Aufführung erweist er sich als stimmkräftiger, doch auch lyrischer Töne fähiger Bariton, den das Epitheton ‚Heldenbariton’ nur unzureichend beschreibt. Als Hans Sachs war Schorr ganz besonders berühmt – und in der Tat ist das Ausdrucksspektrum seiner Interpretation eine ganz zentrale Qualität dieser Aufführung.

Charles Kullman (1903–1983) war seit 1935 ein Liebling des New Yorker Publikums. Er hatte den Walther von Stolzing bereits 1936 (mit Lotte Lehmann als Eva) unter Toscanini in Salzburg gesungen – leider stand er 1937 nicht zur Verfügung und wurde durch den ansonsten unbekannten Henk Noort ersetzt. Kullman ist 1939 in Bestform, ganz ohne Frage gehört seine Interpretation zu den besten, die es je gab, zusammen etwa mit Sándor Kónya – wir haben hier einen jugendlichen Heldentenor, der die nötige Höhe und Lyrik für die Rolle mitbringt, doch dem man auch das Rittertum voll und ganz abnimmt. Umso bedauerlicher ist es, dass auch ihm Bodanzkys „Einrichtung“ eine ganze Menge Musik wegnimmt.

Die gebürtige Wienerin Irene Jessner (1901–1994 – lange Zeit hatte sie sich jünger gemacht, ihr Geburtsjahr wird im Booklet mit 1910 angegeben) wurde 1936 Mitglied der Metropolitan Opera; ihre besondere Popularität verdankte sie dem Umstand, dass sie einmal innerhalb von vierundzwanzig Stunden für die erkrankte Lotte Lehmann einsprang. Musikalisch entspricht sie eher dem nicht ganz so jugendlichen Evchen – etwa vergleichbar Maria Reining in Toscaninis 1937er-Mitschnitt aus Salzburg oder auch Elisabeth Rethberg in dem New Yorker Bodanzky-Mitschnitt von 1936 –, doch ist ihre Darbietung lebhaft und musikalisch gestalterisch überzeugend.

Die Schwedin Karin Branzell (1891-1974) hatte 1920 als Amme bei der Berliner Erstaufführung von Strauss’ 'Die Frau ohne Schatten’ mitgewirkt; 1924 wechselte sie an die Met und sang die Magdalene für Bodanzky auch in dem Rundfunkmitschnitt von 1936. Auch 1939 ist die Altistin eine verlässliche, wenn auch nicht herausragende Rolleninterpretin, die durch ihre Stimmfarbe das Alter der Magdalene auch ohne die optische Komponente überzeugend vermittelt. Herbert Janssen (1892–1965) war 1937 in die USA ausgewandert; bereits zuvor hatte er sich einen ausgezeichneten Ruf als Wagnersänger erworben. Eine luxuriöse Besetzung für den Kothner in der Tat, besser als die Vertreter in den meisten Studioproduktionen der Stereo-Ära. Emanuel List (1888–1967) war zur Zeit dieser Aufführung schon nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Kräfte – Bruno Walters berühmter Hunding lag zwar noch keine fünf Jahre zurück, doch glänzt List keineswegs ähnlich in der Rolle des Veit Pogner – zumindest nicht rein musikalisch. List charakterisiert den Goldschmied vokal als eher jovialen, abgeklärten Bürger, als bewussten Kontrast zu dem jugendlichen, aufbrausenden Walther.

Das mag nun alles nach keiner außerordentlichen Aufführung klingen – doch liegt das Außerordentliche in der Tat ganz woanders. So wie Fritz Busch in Glyndebourne in den 1930er-Jahren vielleicht nicht durchgängig die besten Rolleninterpreten für seine Mozartaufführungen zur Verfügung hatte, so handelt es sich ebenso wie in Glyndebourne auch hier bei dieser New Yorker Aufführung um eine herausragende Ensembleleistung. Die Einzelleistungen gehen hier auf in einer Aufführung wie aus einem Guss, von ungeheurer Lebendigkeit, deren spiritus rector der siebenundzwanzigjährige Leinsdorf ist. Von den (nach Meinung des Rezensenten äußerst störenden) Rundfunkankündigungen abgesehen, ist dies eine Opernaufführung, wie sie sein soll, mit den Ensembleszenen als besonderen Höhepunkten – ob dies die Zusammenkunft der Meistersinger im ersten Akt ist, die (unglaublich akkurate und durchsichtige) Prügelfuge am Ende des zweiten Aktes, das Quintett in der Schusterstube oder die Festwiesenszene, überall springt einem höchste Lebendigkeit entgegen, der die ganzen dreieinhalb Stunden im Fluge vergehen lässt und in einem den Wunsch erweckt, die drei CDs sogleich noch einmal zu hören. Es ist dieses Miteinander von Solisten, Chor und Orchester, das diese Aufführung zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt. Leinsdorf war immer ein sehr guter Dirigent, hier ist er exzeptionell.

Einen ganz wesentlichen Anteil an der Freude, die der Hörer an dieser Box hat, hat das Remastering. Richard Caniell, der früher mit Guild zusammengearbeitet hat, hat den alten Rundfunkaufnahmen ihr Alter genommen – wir haben (wenn wir überhaupt einen Gedanken daran verschwenden) hier vielmehr das Gefühl, einen guten Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung aus den frühen 1950er-Jahren zu haben. Caniell liefert in den umfassenden Booklettexten (42 Seiten – alles auf Englisch; ein Libretto ist nicht erforderlich, da man die Sänger sehr gut verstehen kann) nicht nur seinen detaillierten Restaurierungsbericht, sondern er erläutert auch die Quellensituation – dass nämlich diese Aufführung von der Aufnahmequalität her für ihre Zeit bereits einen Höhepunkt darstellt. Man ist geneigt ihm zu glauben. Doch gleich ob das Ursprungsmaterial von besonders hoher Qualität war oder seine Restaurierung die Aufnahme auf das Schönste wiederbelebt hat (nur mehr ein Hauch Bandrauschen ist übrig geblieben) – wir haben hier einen Live-Mitschnitt der 'Meistersinger’, der bei Freunden dieser Oper nicht fehlen sollte. Unbedingt empfehlenswert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Wagner, Richard: Die Meistersinger von Nürnberg

Label:
Anzahl Medien:
Immortal Performances
3
Medium:
EAN:

CD
625989614620


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Immortal Performances

Immortal Performances returns with new CD releases, this time on its own label. This Canadian-based, federally chartered, non-profit archive has gathered a huge number of historic broadcasts gathered over a 50-year period. Their first 48 albums were released by Naxos, followed with 53 albums by Guild Music. Both companies originally formed their Historical label series in order to release Immortal Performances? restorations. Immortal Performances has spent the past three years searching for the original and finest sources of many historic broadcasts. It has now assembled 48 CD albums of exceptional importance that it proposes to release, the first 8 sets of which are available now. These albums offer the finest sound in the historic-era genre and include extensive notes about the singers, the performance and composer, with biographies and rare production photos. Immortal Performances will continue releasing complete Toscanini broadcasts (1935-1954), exciting recordings from the Metropolitan Opera and European Opera Houses, the Russian Legacy as well as operatic broadcasts in association with Busch Brüder Archiv in Germany and the National Library of Canada. Richard Caniell, its archivist and chief guiding light says, ?I hope our forthcoming releases will corroborate our logos, The Ultimate in Historic Broadcast Recordings.?


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