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Sonntag, 22. Juli 2018

Piazzolla, Astor - Tangos, Balladen, Gitarrenstück

Melancholische Klänge


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Melancholische und betörende Klänge im Kammerstil. Eine gelungene Interpretation des 'Tango Nuevo' Artur Piazzollas. Soli, Duette und Balladen repräsentieren den Tango in verschiedener Art und Weise.

Seit September 2009 gehört der 'Tango Argentino' zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Der Tanz breitete sich seit dem 19. Jahrhundert, ausgehend von Buenos Aires, in der ganzen Welt aus. Im Ursprungsland wurde der Tango, trotz der Weiterentwicklung und dem Erfolg im Ausland, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als minderwertiger Musik- und Tanzstil angesehen und hauptsächlich mit der Unterschicht verbunden.

In jener Zeit spielte auch Astor Piazzolla (1921–1992) Bandeon, das später zum wichtigsten Instrument in seinen Kompositionen werden sollte. Nach seinen Kompositionsstudien bei Alberto Ginastera und Nadia Boulanger und dem eigenen Kunstanspruch verlieh Piazzolla dem Tango ab 1955 ein neues Gesicht. Er schuf für sich und seine diversen Ensembles den 'Tango Nuevo'. Piazolla verband darin den ursprünglichen Tango mit argentinischer Folklore, Jazz-Elementen und europäischer Kunstmusik. Während dieser Bearbeitung wurde aus der Tanzmusik eine Musik für den Konzertsaal, die ihr Ziel nicht mehr in der Tanzbarkeit erreichte.

Solostücke für Flöte und Gitarre

Auf der Aufnahme ‚Classica Argentina' der Musikproduktion Darbinghaus und Grimm befinden sich keine typischen Tangos mit Bandeon als Hauptinstrument. Es handelt sich um Kammermusik, die die ruhige Seite des Tanzes belegen. Annette Maiburg führt die Vielseitigkeit des Instrumentss in den 'Tango-Études' für Soloflöte vor. Um neue Klangfarben präsentieren zu können, benutzt sie verschiedene – auch ungewöhnliche – Spieltechniken. Dabei variiert sie zusätzlichen den weichen fließenden Ton mit präziser Artikulation und deutlicher Phrasierung. Der Spannbreite ihres Klangspektrums sind dabei scheinbar keine Grenzen gesetzt. Die lediglich lockere Verbindung zum Tango in diesen sechs Sätzen wird durch das Temperament und die Spielfreude Maiburgs ausgeglichen. Die fünf Solostücke für Gitarre haben einen anderen Charakter. Joaquin Clerch schafft es, die eingefangene Melancholie der Kompositionen auf seinem Instrument umzusetzen. Die oft langen Wiederholungen klingen bei ihm nie gleich. Clerch baut innerhalb der Sätze eine enorme Spannung auf, die den ruhigen Ablauf der Werke jedoch nicht stören. Selbst die perkussiven Anteile auf der Gitarre wirkt einmal aufpeitschend, dann wieder beruhigend.

Die 'Histoire du Tango' und drei Balladen

Die beiden erstklassigen Solisten Maiburg und Clerch verbinden sich in der 'Histoire du Tango' zu einem fein abgestimmten Duo. Piazzolla schildert in vier Stücken die Entwicklung des Tangos vom Bordell in Buenos Aires über die Cafés, die Nachtklubs bis zum modernen Konzert. Wieder muss Maiburg diverse Blastechniken anwenden, die der virtuose Flötenpart beinhaltet. In dieser Geschichte wird die Bandbreite der Emotionen eines Tangos ausgebreitet. Dafür werden schnelle und kokettierende Melodien neben melancholische Themen und technische Abschnitte gestellt. Schließlich finden auf der Aufnahme noch drei Balladen für Altstimme (Francisca Beaumont), Flöte, Gitarre und Violoncello (Guido Schiefen) ihren Platz: 'Chiquilin de Bachin' (Kleiner Junge von Bachin), 'Balada para mi muerte' (Ballade für meinen Tod) und 'Balada para un loco (Ballade für einen Verrückten). Alle Balladen handeln von traurigen, einsamen und verlassenen Menschen. Beaumont schlüpft während den Stücken glaubwürdig in diese Rollen. Ihre Stimme variiert dabei zwischen gehauchten Worten, warmem Gesang bis zu schrillen Abschnitten. Diese gewollte Übertreibung bildet dabei den Kontrapunkt zu den begleitenden Instrumenten.

Die Reihenfolge der Stücke trägt ebenfalls einen Teil zum Erfolg dieser Aufnahme bei. Die Stücke werden nicht einfach nacheinander angeordnet. Das übergeordnete Konzept scheint dem Charakter des Tangos angepasst zu sein: Der ständige Wechsel der Flöten-Etüden, den Gitarren-Soli, der 'Geschichte des Tangos' sowie den eingestreuten Gesangsballaden halten die Spannung durchgehend aufrecht. Eine durch und durch gelungene Präsentation des 'Tango Nuevo' in den ausgewählten Kammerstücken Piazzollas.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Benjamin Scholten Kritik von Benjamin Scholten ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Piazzolla, Astor: Tangos, Balladen, Gitarrenstück

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
25.09.2009
77:57
2009
EAN:
BestellNr.:

760623157825
MDG 610 1578-2


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"Anette Maiburg (Flöte) und Joaquin Clerch (Gitarre) sind die Basis der Classica-Reihe bei MDG. Eine äußerst geschickte Verbindung von klassischer Musikausbildung und Weltmusik ist die Besonderheit ihrer musikalischen Sprache. Mit „Classica Cubana“ hatten die beiden Musiker einen Überraschungserfolg erzielt, der auch prompt mit einem „Echo Klassik“ belohnt wurde. Und jetzt „Argentina“. Maiburg und Clerch holen sich je nach Programm Partner hinzu. Besondere Farbtupfer verleihen in diesem Fall das Cellospiel von Guido Schiefen und die rassige Alt-Stimme von Francisca Beaumont, mit der die enorm wandelbaren Werke von Astor Piazzolla immer wieder in einem neuen Licht erscheinen. Argentinien ist Tango und Tango ist Piazzolla. Dabei war der Tango-Spezialist während seines Studiums drauf und dran, seine musikalische Vita über Bord zu werfen, um sich ganz der klassischen Musik zu widmen. Es ist der Weitsicht seiner Kompositionslehrerin Nadia Boulanger zu verdanken, dass sie ihn vor diesem Schritt bewahrte und ihm riet, seine Wurzeln keinesfalls zu verleugnen? Durch die raffinierte Reihenfolge der Stücke, welche die Künstler wählen, ist der Zuhörer immer wieder von neuen Höreindrücken überrascht. Herausragend sind darunter die von Clerch behutsam eingerichteten Balladen für Altstimme, Gitarre und Cello. Aber auch die Tango-Etüden für Flöte solo oder die Solo-Stücke für Gitarre erhalten in dieser Abfolge immer wieder neue Facetten und Blickwinkel. Es ist stets spannend, genau hinzuhören, denn die Musik wirkt so verführerisch, dass man ihr unwillkürlich im Dauerbetrieb lauschen möchte. "


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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