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Donnerstag, 8. Dezember 2022

Tan Dun - Paper Concerto

Event-Musik


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dem 'Paper Concerto’ hat Tan Dun eine durchaus atmosphärische Kuriosität mit hohem Schauwert komponiert.

Der italienische Filmkomponist Ennio Morricone könnte Tan Duns großes Vorbild sein. Er schaffte es in Filmen wie ‚Spiel mir das Lied vom Tod’ mit größter Reduktion der Mittel epische Musik zu schreiben und Melodien und kleine Motive zu erfinden, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Tan Dun, der sich ebenfalls durch Filmmusik profiliert, besitzt anscheinend die gleichen Fähigkeiten und Vorlieben. Sein 'Paper Concerto’ zeigt, dass er ein Freund ungewöhnlicher Mittel ist und diese sparsam, aber effektvoll einzusetzen weiß.

East meets West

Papierinstrumente sind in China nicht ungewöhnlich. Es gibt sie meistens in Form von Schlaginstrumenten, solange das verwendete Papier reißfest genug dafür ist. Solche Instrumente, zusammen mit diversen Rasseln, Rohren und gewöhnlichem Wachspapier haben den Solopart in diesem Konzert inne. Ihr Gegenstück formt das klassische europäische Orchester mit einigen Zusatzinstrumenten und einer ungewöhnlichen Aufstellung, die es vorsieht, einen Raumklang durch einige auf den Publikumsrängen positionierte Geigen zu erzeugen.

Obwohl das 'Paper Concerto’ die klassische viersätzige Form der Symphonie mit ihren kontrastierenden Sätzen repräsentiert, lässt sich doch sein ganzer Charakter mit dem einen Wort ‚meditativ’ zusammenfassen. Der erste Satz verdeutlicht es schon: Papier wird zerrissen, es raschelt, es wird durch sanftes Anblasen zum Schwingen und Klingen gebracht und all dies geschieht in einer Lautstärke am Rande der Hörschwelle. Das Orchester darf hier auf keinen Fall brüllend und kreischend dazwischenfahren und das tut es auch niemals. Oft spielen daher nur Solisten, etwa die Bassflöte oder im zweiten und vierten Satz die Es-Klarinette. Die Mehrstimmigkeit scheint kaum zu existieren, stattdessen ist es der Rhythmus, der alles belebt. Der Rest ist meist ein großer Streicherteppich, ein betont rhythmisches Unisono oder ein grandioses Orchestertutti. Die Reduktion der Mittel herrscht allenthalben vor.

Man sollte hier nicht mit westlichen, speziell deutschen Hörvorstellungen klassischer Musik große Formentwicklungen erwarten. Zwei oder drei Papierinstrumente werden in jedem Satz benutzt, man könnte auch sagen ‚ausprobiert’. Dazu gibt es kleine, immer wieder auftauchende Motive und unveränderliche Rhythmen, letztere am prominentesten im zweiten und vierten Satz. Das ist eine Meditation, ein Eintauchen in die Klänge. Das ganze Konzert fußt in großen Teilen auf seinem Neuheitswert, die Verbindung zweier Klang- und Traditionswelten ist sein Kapital. Ist dieses einmal aufgebraucht, wird das Konzert wohl schneller in der Versenkung verschwinden als Papier zerreißt.

Dennoch ist das Werk an sich immer noch sehr atmosphärisch und energiereich. Vielleicht zählt das Empfinden hier mehr als der Gedanke an die Machart. Das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra ist mit voller Konzentration dabei und die optische Präsentation des ganzen Spektakels überzeugt, denn man sieht alle ungewöhnlichen Instrumente im Einsatz. Es macht einfach Freude, dabei zuzusehen. Ein positiver Eindruck verbleibt.

Verkappter Tanz

Die Hintergründe des Konzerts werden in den Features der DVD umfassend ausgeleuchtet. Erst die Dokumentation über die traditionelle Verwendung der Papier-Instrumente in China enthüllt, warum diese Musik so viel Schwung besitzt, auch im Konzertsaal: es wird dazu getanzt. Das ist besonders interessant, denn dadurch lässt sich ein grundlegendes Problem  dieser Komposition erkennen: das westliche Orchester ist nicht für diesen Drang zur Bewegung gemacht, es sitzt still und regungslos hinter den fast schon tanzenden Schlagzeugerinnen. Man müsste das Publikum tanzen sehen; das würde diese Komposition so richtig zum Leben erwecken. So bleibt es ein guter Versuch mit Potential.

Über die Instrumente erfährt man von Tan Dun persönlich alles was man wissen muss, um sie zu nutzen. Zudem erhält man Einblick in seine Philosophie des Komponierens, seine Wurzeln in der Tradition und einiges mehr, trotz der Kürze der Dokumentation. Eigentlich bleiben am Ende kaum Fragen offen, außer jene nach dem nachhaltigen künstlerischen Wert der Komposition. Darüber ließe sich sicher streiten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tan Dun: Paper Concerto

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
07.09.2009
Medium:
EAN:

DVD
809478010135


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