> > > Neuwirth, Gösta: L´oubli bouilli
Samstag, 24. August 2019

Neuwirth, Gösta - L´oubli bouilli

Musik an den Rändern der Erinnerung


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gösta Neuwirths Musik ist reif, (wieder) entdeckt zu werden, am besten in der hervorragenden Einspielung durch das Klangforum Wien.

Gösta Neuwirth? Hört man nicht so oft. Gewiss, den Namen schon, aber die Musik? Eher selten. Tatsächlich kennt man Neuwirth als großen Lehrer, der Schülern wie Enno Poppe, Bernhard Lang, Georg Friedrich Haas oder auch seiner Nichte Olga musikalische Welten eröffnet hat. Sein kompositorisches Oeuvre ist eher schmal geblieben, denn als Komponist wurde er in der öffentlichen Wahrnehmung immer an den Rand gedrängt.

Eine CD-Produktion bei Kairos schickt sich nun an, das endlich zu ändern. Drei Werke Gösta Neuwirths sind hier versammelt: Neben der Gegenüberstellung zweier Streichquartette das große Ensemblewerk 'L'oubli boulli’ – die gekochte Erinnerung. Eine schöne Edition mit wunderbaren Texten und meisterhaften Interpretationen der Musiker des Klangforum Wien, für deren Individualitäten Neuwirth diese Musik schrieb, machen diese Einspielung zu einer echten Entdeckung.

Gösta Neuwirth begann in den fünfziger Jahren, an der Wiener Universität Musikwissenschaft zu studieren. Nachdem man seine Dissertation über Franz Schreker – mittlerweile zum Standardwerk geworden – wegen dessen jüdischen Glaubens ablehnte (wohlgemerkt, im Jahre 1962!), emigriert er nach Berlin und macht dort Bekanntschaft mit der Musik Josquins. Aus dieser organisierten Musik heraus schärft er seinen formalen Verstand, integriert Zahlenreihen und Zeitstrukturen in seine Musik. Das hört man in seinem Streichquartett von 1976 mit seinen zwingenden zeitlichen Gliederungen. Die formale Strenge, die Neuwirth sich auferlegt, sorgt jedoch nicht für Langeweile, im Gegenteil: einheitliche Formen und Harmonieverläufe sind seine Sache nicht. Schönbergs Ratschlag an seine Schüler, nichts zu schreiben, was auch ein Kopist schreiben könnte, setzt er in die Tat um. Das Gesetz der Nichtwiederholung steht ehern über seiner Musik.

Neuwirths Musik ist immer mit einem reichhaltigen Gedankengebäude unterfüttert. Die 'Sieben Stücke für Streichquartett’ von 2008 entstanden während der Arbeit am großen Ensemblewerk „'L'oubli boulli’ und sind trotz ihrer fast lakonischen Kürze voller Querverbindungen und tiefgreifender Nachdenklichkeit. 'L'oubli boulli' – das ‚gekochte Vergessen’ – im gleichen Jahr entstanden, ist ein gut dreißigminütiges Ensemblestück mit Singstimme. Der Titel, ein fehlerhaftes Anagramm: Da ist sie wieder, die konsequente Verweigerung des Gleichen, Wiederholten, stattdessen das Ähnliche, Ungenaue. Die Streicher des Ensembles sind durchgängig 8 Hertz tiefer gestimmt als Bläser, Klavier und Akkordeon, wodurch klare Tonhöhen vermieden werden zugunsten des unbestimmten, verwischten Klanges. Aus der Hyperpolyphonie des ersten Teils bleibt, sinustonartig, ein Klaviersample übrig, zu dem die Sängerin einsetzt. Schon in den siebziger Jahren entstand dieser Mittelteil des Werkes, 'Vanish’ für Singstimme und Tonband, das die Keimzelle für den Ensemblepart bildete. ‚Nichts war zu hören, außer dem ununterbrochenen hohen Ton, der in der Luft stand’ – eine Kindheitserinnerung, fast vergessen, durch die Musik neu belebt. Im dritten Teil schließlich vereinen sich Singstimme und Ensemble, im gleichen stetigen Wechsel klanglicher Zustände, der schon den ersten Teil bestimmte. Die Beschäftigung mit dem Werk Schrekers hat auch hier sicher ihre Spuren hinterlassen, denn er, Schreker, ‚war ein virtuoser Praktiker sich verändernder Hörwahrnehmung.’ Dass es immer anders kommt, als man denkt, hört man in dieser Musik in jedem Moment.

Was im Ohr ist, aber keinen Namen hat, wolle er suchen, sagt Gösta Neuwirth von sich selbst. Seine Musik reflektiert ein Leben ohne Gewissheiten, in dem vorgefertigte Antworten und Entwürfe sich mehr als einmal als nutzlos erwiesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Neuwirth, Gösta: L´oubli bouilli

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Kairos
1
16.10.2009
056:25
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010281549
KAI 0012972


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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