> > > Delibes, Léo: Lakmé
Samstag, 6. Juni 2020

Delibes, Léo - Lakmé

Unschuldig vergessen


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine lobenswerte Edition, die zeigt, welche vergessenen Schätze im französischen Repertoire schlummern.

Selten findet man sie auf den Spielplänen deutscher Opernhäuser, die Opéra comique  ‘Lakmé’ von Léo Délibes. Der zum Dramatischen neigende Stoff, ein Sujet aus den Zeiten des Kolonialismus, verarbeitet eine Opernhistorie des 19. Jahrhunderts. Sie verbindet auf raffinierte Art die Sehnsucht nach dem Orientalischen mit sinnlichen Begierden. Rührselig ist die Geschichte schon. Lakmé lebt von der Außenwelt abgeschieden, mit ihrem Vater, dem fanatischen Brahmanenpriester Nilakantha, in einem indischen Hain in Tempelnähe. Es kommt zu einem Crash der Kulturen, als englische Besatzer, die Offiziere Gérald und Frédéric, den heiligen Ort besuchen und Lakmé und Gérard sich ineinander verlieben. Diese alte Geschichte kennt man zur Genüge. Verdis 'Aida’, 'Madame Butterfly’ von Puccini lassen grüßen. Und wie ‘Miss Saigon’ zu Ende geht, spielte sich ja tränenreich im Musical ab. Religiöse Konventionen und ethische Restriktionen verhindern auch das Happy End bei Léo Délibes: der verliebte Gérard trinkt auf Geheiß von Lakmé vom heiligen Wasser, was ihm von der Rache des Priesters Nilakantha verschont, während Lakmé eine giftige Pflanze verzehrt und zur Lobpreisung des Vaters Nilakantha ins ‚Paradies’ einzieht.

Sehr sentimental packt das Libretto zu, wäre da nicht die mit vielen Farben und einer raffinierten Harmonik ausgestattete Musik, die mit einer mäandrierenden Melodik, mit geschmeidig fließenden Melismen und farblichem Kolorit im Zusammenspiel von Flöte und Harfe ein hinduistisches Flair zu suggerieren vermag. Dass sich zwischen den Liebenden unüberwindliche Hindernisse türmen, reflektieren leidenschaftlich vibrierende Klänge. So verbindet sich die Essenz des Fremden, die Exotik, mit buffonesk anmutenden Koloraturen zu einer Mischung von besonderem Reiz. Und es mangelt nicht an publikumsträchtigen, höchst ohrengefälligen Highlights wie der ‚Glöckchen-Arie’ der Lakmé ('Ou va la jeune Hindou') oder dem ‚Blumenduett’ von Lakmé und Mallika, was auch den nach effektvollen Sounds dürstenden Werbestrategen zur Untermalung von Spots initiiert hat. Nicht zuletzt liefert Delibes den Soundtrack zur bekannten Video-Spielfigur ‘Lara Croft: Tomb Raider, die Wiege des Lebens’.

Beachtliche vokale Trümpfe spielen die Majors mit der Lakmé-Oper aus. So gingen für diese Rolle Mado Robin, Joan Sutherland für Decca ins Studio. Zwei Aufnahmen führt der Katalog von EMI: einmal mit Mady Mesplé und Alain Lombard am Pult. Schließlich punktet EMI mit Natalie Dessay und dem fabelhaften Michel Plasson auf höchst respektable Weise.

Live mitgeschnitten beim Festival di Martina Franca (l991), lässt die Aufnahme von Nuova Era aufhorchen. Mit der rechten Spürnase für Leo Délibes‘ Orientalismus-Suche rührt Carlos Piantini in der süffigen Klangmelange des für die Fortführung der Opéra-comique-Tradition und der französischen Musik renommierten  Komponisten. Erfreulich, dass der Dirigent nichts zum Sentimentalen hin verdicken lässt, sondern Süße durch elegante Schlenker geschmeidig umspielt. So bleibt das vermeintliche exotisch hinduistische Rührstück in geschmackvoll gesetzten Grenzen.  Musikalisch ereignet sich zwar nichts Berge versetzendes, umso mehr jedoch ein solider routinierter Opernstandard.

Alessandra Ruffini verströmt einen nobel artikulierten Gesang und zeigt exotisches Flair. Ihre Lyrismen tragen gut, auch in der dramatischen Emphase klingt die Stimme unangestrengt, nicht minder im Feuerwerk der Koloraturen, in der Glanznummer der ‘Air de clochettes’. Giuseppe Morino als verliebter Repräsentant britischer Militärkultur mag für Belcanto-Enthusiasten durchwegs akzeptabel sein. Es wechseln inspirierte, stimmlich gut charakterisierte Augenblicke mit flaueren Stellen. Zuverlässig gibt Bruno Praticò den Brahmanenpriester Nilakantha, gut abgestuft in der dynamischen Steuerung. Serena Lazzarini (Mallika), Thelma Badarò (Ellen), Monica Benvenuti als Rose und der stimmlich gut disponierte Frédéric von Carmelo Caruso bemühen sich erfolgreich um stimmliche Präsenz. Das ad hoc zusammengestellte Orchestra Internazionale d’Italia präsentiert schöne Instrumentalfarben und imponiert mit einem biegsamen Klang.

Das Booklet beeindruckt äußerlich durch eine vortreffliche Lesbarkeit. Während der einführende Text in drei Sprachen (englisch, deutsch, italienisch) informiert, muss sich der Leser im Libretto mit dem französischen Original und der englischen Übersetzung begnügen. Biografische Daten der Interpreten (außer einigen Fotos) fehlen zur Gänze. Die Aufnahme zeigt eine beachtliche dynamische Spannbreite und findet zu einer guten Balance zwischen ansprechend gesungenen Arien und orchestralen Entladungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Prof. Egon Bezold,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Delibes, Léo: Lakmé

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
NEI - Nuova Era Internazionale
2
16.10.2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222327352
232735


Cover vergössern

NEI - Nuova Era Internazionale

20 Jahre Aufnahmeerfahrung: Opern, Vokalwerke, Sinfonische Werke, Frühe- und Barockmusik, NUOVA ERA ist zu einem der Eckpfeiler in der Welt der Tonträgerindustrie geworden, beständig auf der Suche nach den Werken mit hohem Repertoirewert und der besten Preis/Leistungsrelation.
Die große Familie NUOVA ERAs diskografischer Serien umfaßt Labels wie "Ancient Music", der Frühen- und Barockmusik gewidmet, "Icarus", gewidmet Moderner und Zeitgenössischer Musik, sowie eine Riesenauswahl primär Italienischer Opernproduktionen, die nun ergänzt wird durch die, in Kooperation mit Radio della Svizzera Italiana produzierten Alben "Italian Vocal Art - Edwin Loehrer Edition" mit den faszinierendsten Aufnahmen eines der außergewöhnlichsten Rundfunkarchive.
NUOVA ERA ist Italiens Antwort auf die großen musikalischen Fragen des beginnenden Jahrtausends.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag NEI - Nuova Era Internazionale:

  • Zur Kritik... Europäischer Konflikt: Der vorliegende Mitschnitt von Rossinis 'Le siège de Corinthe' widmet sich einer Rossini-Rarität, kann aber nicht vollauf überzeugen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Die Tänze nach dem Neustart: Musik eines Komponisten, der die Pest von 1348 überlebte: an sich spannend genug, zudem sehr hörenswert interpretiert. Weiter...
    (Tobias Roth, )
  • Zur Kritik... Von allerlei Kreaturen: Vögel, Fische und wilde Tiere werden in der Neuauflage der Produktion ?Bestiarium. Animals in the Music of the Middle Ages? in verschiedensten Stilen und teilweise herrlichen Interpretationen besungen. Weiter...
    (Benjamin Scholten, )
blättern

Alle Kritiken von NEI - Nuova Era Internazionale...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Egon Bezold:

  • Zur Kritik... Konzertante Begegnungen mit der Oboe: Die Koreanerin Yeon-Hee Kwak lässt alles mühelos und erscheinen, was die Oboe so schwierig macht. Sie zeigt bei Bohuslav Martinú und Holligers 'Sonata für Oboe solo' einen kernigen, in den Kantilenen gut schattierten Ton. Weiter...
    (Prof. Egon Bezold, )
  • Zur Kritik... Lustvoll aufdrehende Motorik: Lustvoll aufdrehende Motorik macht die Orchestersprache des Schweizers Frank Martin zum Ohrenschmaus. Suggestiv vermittelt der niederländische Bariton Thomas Oliemans Martins Monologe aus 'Jedermann. Weiter...
    (Prof. Egon Bezold, )
  • Zur Kritik... Wundersame Blüten: Wer nach griffigen geheimnisumwitterten Klängen sucht, die sich mitdenken, auch mitfühlen lassen, kommt in Larchers Quartett-Komposition ?Madhares? in jedem Fall auf seine Kosten. Weiter...
    (Prof. Egon Bezold, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Egon Bezold...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Voller Poesie und russischem Lärm: Barry Douglas setzt sich weder bei Tschaikowsky noch bei Mussorgsky interpretatorisch an die Marktspitze. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Immer wieder Zelenka: Wieder einmal gilt: Vaclav Luks und sein Collegium 1704 plädieren vehement für Jan Dismas Zelenka und dessen hochattraktive Musik. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Tonschönheit ist keine Nebensache: Vier Werke Hindemiths aus den wilden 1920er Jahren zeigen, dass man die Tonschönheit bei ihm keineswegs als Nebensache betrachten muss – auch wenn der Komponist es einmal forderte. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2020) herunterladen (3000 KByte) Class aktuell (1/2020) herunterladen (4180 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Christoph Graupner: Choral

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich